Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 25 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 25. ausschließlich Erfolg heißt, wird angesichts der neuesten „Kriegswendung durch Gottes Fügung" die Kundschaft der großen mitteleuropäischen Zentralstaaten sich nicht auf immer verscherzen wollen und gar bald m.t seinen empörenden weltpolitischen Theorien brechen. Ist das riesige russische Väterchen geschlagen, dann dürfte auch der italienische Bravo bald kampfmüde werden, denn die serbischen und montenegrinischen Zwergkönige können die Nussenhilfe nicht ersetzen und die anderen.Balkanstaaten zeigen sich nun einem kriegerischen Eingreifen zu seinen Gunsten empörend schwierig. Die selbstlose Hilfeleistung für die Franzosen und Engländer entspricht dem italienischen Geschmacke wahrscheinlich noch weniger. Hoffnungsvoll und symptomatisch klingt im königlichen Munde auch die besondere Anerkennung für das Eintreten der arbeitenden Bevölkerung zum Wohle des Ganzen, „wie wenige anderer Länder". Vollen Dank und Auerkenunng verdient auch der Entschluß der österreichischen Negierung, noch rechtzeitig für die kommende Getreideernte die Beschlagnah m e und das staatliche Monopol festzulegen. Auch die noch vorhandenen Vorräte der alten Ernte erscheinen vom 1b. August l. I. an beschlagnahmt. Den allzugierigen Gewiunbestrebungen der Großagrarier und Getreiöehäudler, die bekanntlich bisher zu Ungunsten der konsumierenden Bevölkerung übermächtig waren, erscheint durch den neuesten Regiernngserlaß ein wirksamer Riegel vorgeschoben. Fungieren die einschlägigen Faktoren der Regierung und Kriegsgetreidegesellschaft im Interesse der Konsumenten, dann ist zu hoffen, daß die Kriegsteuerung für die arme Bevölkerung mindestens erträglich bleiben werde. Erfreulich und anerkennenswert ist die Verfügung, daß * durch die Fortdauer d e r B r o t - und M e h l k a r t e der empörende Zustand ein Ende nimmt, der den wohlhabenden Bevölkernngsschichten in derselben Zeit den Verbrauch von Feinmehl ermöglichte, in welcher sich, die Armen behufs Ankaufes eines halben Leibchen Kriegsbrotes austellen müssen und Mehl trotz Mehlkarten oft überhaupt nicht erhältlich war. Der in Kriegszeiten besonders gefährliche oligarchische Uebermut erscheint durch solche Maßnahmen wirksam zurückgedrängt und dies ist gegenwärtig. wo die Hauptlasten und Leiden des Weltkrieges auf den Schultern der breiten Schichten ruhen, sehr nötig und gesund. Es wäre aber sehr zu wünschen, daß sich ähnliche Fürsorgemaßnahmen der Regierung über andere nötige Lebensmittel, wie Fleisch, Milch, Eier, Hülsenfrüchte erstrecken, denn der Mensch lebt ohne Schaden nicht „vom (Kriegs-) Brot allein". Es wäre endlich der skandalöse Zustand zu beendigen, daß die Zuckermagnaten, welche im Znckerkartell vereinigt sind, die Menge des Zuckers in der Kriegszeit, in der sich die Znckermengen in den Magazinen unglaublich anhänfen, gnädig liberieren, d. h. freigeben, der au das.Publikum verkauft werden darf, damit der Zuckerpreis nur ja um des M/ammons willen nicht sinkt! Diese wohlhabenden Kreise bewähren sich durch solche volksfeindliche Maßnahmen in dieser harten Zeit keineswegs und demokratische F tt.r sorg eein r i cd t u n g e n dagegen erweisen sich nicht nur in der harten Kriegszeit, sondern auch in der künftigen Friedenszeit unerläßlich. R. L. Festsitzung und Festgottesdienst der Wiener ijrael. Kultnsgemeinde Anläßlich der Wiedereinnahme Lembergs werden über Verfügung des Präsidiums der Wiener israel. Kultnsgemeinde in sämtlichen Synagogen Wiens Festgottesdienste abgehalten. Der Hanptfestgottesdienst fand bereits am 24. v. M. im Stadttempel in der Seitenstettengasse statt. Dem Festgottesdienste ging eine öffentliche Festsitzung des Vorstandes, an welcher der gesamte Vorstand unter Führung des Präsidenten Dr. Alfred Stern und des Vizepräsidenten k. k. Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, der gesamte Bethansvorstand, sowie die Rabbiner Wiens mit Oberrabbiner Dr^ G ü d e m a n n an der Spitze, die Beamtenschaft unter Führung des Sekretärs Dr. Emil Adler, Vertreter zahlreicher Vereine und Korporationen teiluahmen. Der derzeit in Wien amtierende Vorstand der Lemberger Kultnsgemeinde war durch seinen Präsidenten Dr. Schaff, Oberrabbiner Dr. Caro und Rabbiner Dr. Guttmann vertreten. Aus diesem feierlichen Anlässe trugen die beiden Amtshäuser in der Seitenstettengasfe reichen Flaggenschmuck nnd der Haupteingang in den Tempel war durch österreichische, ungarische, reichsdeutsche und türkische Fahnen besonders festlich dekoriert. Nach Eröffnung der Festsitzung hielt Präsident Dr. Alfred Stern die folgende Ansprache! „Verehrte Herren! Es ist innerhalb der letzten wenigen Wochen zum zweitenmale, daß wir uns hier öffentlich zu einer Jubelfeier versammeln, daß wir hier in feierlicher Festsitzung unseres Vorstandes und sodann im Gotteshanse im Gebete in festlicher Versammlung unserer Gemeinde Ausdruck geben dem Jubel, der unser Herz erfüllt, ob der Erfolge unserer Armee und dem Danke an Gott, dem allmächtigen Lenker der Vötkerschicksale. Ein erstesmal war der Anlaß die Wiedereroberung des gewaltigen Festungswerkes im Norden unseres Vaterlandes Przemysl. Heute ist es die Wiedereroberung der Hauptstadt Galiziens Lemberg. Aber nicht allein bei diesen Etappen des Krieges gegen unseren nordischen Feind, schon Wochen vorher, als unser Heer seinen neuen Siegeszug antrat und Stadt um Stadt und Land um Land in unserer österreichischen Heimat dem Feinde entriß; ja, viele Monate und Monate vorher, als unsere Soldaten in bewunderungswerter, unübertrefflicher Tapferkeit und Ausdauer,, mit wahrer Todesverachtung, trotzend den Winterstürmen in Schnee und Eis in den Karpathen der von Norden hereinbrechenden übermächtigen Dampfwalze, dem russischen Millionenheere standhielten, versammelten wir uns betend und hoffend, zagend und aufatmend, klagend und jubelnd. Und da blickten wir, so wie wir auch heute blicken, hoffnungsvoll mit gerechtem Stolze auf unserer herrliche Armee und mit ihr auch auf die Tausende, Hnnderttausende unserer Söhne und Brüder, unserer Glaubensbrüder, die als österreichische Soldaten, Mitkämpfer, an Opfermut, an Hingabe für Kaiser und Reich niemandem zurückstanden, mit allen ihren Kameraden, in gleichem Schritt und Tritt todesmutig dem Feinde entgegenschritten. Und so erfüllt grenzenloser Jnbel heute unsere Herzen, eine Stimmung der Weihe erfaßt unser Gemüt, ob der Siegesbotschaft, welche nunmehr die Reiche der verbündeten Zentralmächte durchbranst! Lemberg wurde den Klauen des Zarismus entrissen! Europa wird nicht russisch! Im Arbeitszimmer unseres heißgeliebten Kaisers, in der Esse der Fabriken, in den Lehrzimmern unserer Anstalten, in