Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 24 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. Die Wahrheit Seite 7. Einen Augenblick laug stehen wir ratlos. — Die Herrschaften können aber — meint unser Führer — das Geld vielleicht auf den Tisch legen . . . Natürlich legten wir es hin; wir gehen und der Diener schließt die. Tür des Frauenranmes sorgfältig mit einem mächtigen Schlüssel. Jetzt verstehen wir schon, warum wir Herkommen mußten, wo gar nichts zu sehen ist. Es gibt noch eine Reihe kleiner Betsäle in den Häusern des Krakauer Ghettos, dumpfige, schlechtriechende Zimmer mit abgeschossenen, armseligen Möbeln; doch findet sich auch vieles altes. traditionelles in ihnen, ein schöner Armleuchter, heilige Bücher in abgegriffenen, schönen Ledereinbänden, etwas von der Luft, der Ursprünglichkeit der Vergangenheit: — das, was in erster Linie in der neuen Synagoge in Krakau fehlt, ebenso wie in allen, im gleichen halben Jahrhundert nach gleichem. sogenannt orientalischem Master erbauten jüdischen Tempeln. Woher hat man dieses Muster genommen, das in Galizien ebenso nüchtern nachgeahmt wird, wie in rein ungarischen Städten? Die wirklich alte Krakauer Synagoge ist kein orientalischer, sondern ein gothischer Ban. mit Ergällznngen im Stile der Frnhrenaissance. Auch anderswo, wo mittelalterliche Bethänser erhalten geblieben sind, weisen diese keinerlei Gemeinschasl mit dem weitverbreiteten, eigentümlichen, meist nicht sehr herzerfrenenden Synagogenstil altf. Diese Art des Tempelbanes ist also in erster Reihe nicht das wofür sie angesehen und weshalb sie beibehalten wird: sie ist nicht traditionell, sondern im Gegenteil neu, man könnte sagen modern und ihre Mode geht nicht viel weiter zurück, als beiläufig bis zu jener Zeit, seit der — in Oesterreich und Ungarn — die Inden volle politische Freiheit genießen und nach Wunsch Tempel bauen können: also ans etwas mehr'als ans ein halbes Jahrhundert. Der orientalische Charakter der Mode aber ist nicht so zu verstehen, wie er gewöhnlich verstanden wird. Er bedeutet nämlich keine alten, jüdischen, spanisch-matlrischen Traditionen, wie es die jüdische Ueberzengnng allgemein annimnu, die sich an den derartigen Ban der Synagogen als an eine religiöse Ueberliesernng klammert. In der Tat äußert sich orientalischer Geschmack in diesen Bauten; wer aber ans Ursachen, die mit dem Krieg zusammenhängen, Galizien und die Bukowina öfter bereist hat, der kann unter seine nebenbei gesammelten Erfahrungen nnfzeichnen, daß er die Quelle dieser Stils in den Kirchen der christlich-orientalischen Religionen gesunden hat. Manchmal ist die Aehnlichkeit zwischen dem Dom und der Synagoge geradezu verblüffend. Die gleichen Kuppeln, die gleiche zentrale Anordnung, die gleichen halbkreisförmigen Tür- und Fensterbogen. der gleiche romantisierende Giebelschmnck. In der orientalischen Kirche bedeutet dieser Stil Byzanz, das Urchristentum, die Aja Sophia. Ihre Formen sind auch in dieser Verwendung schon meist barbarisch, verkümmert. Und die galizischen Juden haben vielleicht unbewußt dleseu par ■excellence kirchlichen Stil nachgeahmt und von ihnen haben auch wir ihn übernommen, selbst an Orten, wo sich keine Spur von Orthodoxie odev galizischen Einflüssen findet, und wo diese späte Variante der mittelalterlichen chrtstlichen Bauart als spanjsch-orientalische Ueberliesernng figuriert. ... In Czeritowitz hat der rumänische griechischorientalische Erzbischof-Metropolit einen mächtigen miö in vieler Hinsicht imponierenden Palastkomplex. Anfangs der Fünfzigerjahre hat ihn ein Meister böhmischer Abstammung erbaut. Seine mit Stein vermengten Rotziegelwände weisen die Formen eines willkürlichen orientaliich-romanlsierenden Gemisches ans, sie zeigen Geschmack und Talent, aber nicht in dem Maße, in dem diese Gebäudegrnppe der ganzen Bukowina, ganz Ostgalizien, selbst Rumänien imponiert, wo sie mit staunender Bewunderung als die Verkörperung von Geschmack, Glanz, Pracht und Kunst betrachtet wird. Eine halbe Stunde von Czernowitz befindet sich Sadagora, eine kleine, durch ihren Wunderrabbi bekannte Stadt, mit dem Tempel des Wunderrabbis. Die Russen haben davon kaum etwas anderes übrig gelassen, als das Gebäude selbst. Und dem kleinen, schlichten Tempel, der etwa seit einem halben Jahrhundert steht, sieht man es ganz genau au. baß vor den Augen seines Erbauers als fernes Ideal, als hohes Ziel, der damals noch in ganz neuem Glanze leuchtende Palast und Dom des griechischorientalischen Kircheufürsteu in Czernowitz schwebte. Den rohen Ziegel ersetzte er durch rote Farbe, den Stein durch Tünche. Die Proportionen sind kleinlich und gleichen dem Urbild nicht. Doch die Uebereinstimmnng von Ort und Zeit und Formen und die Art, wie berühmte neue Paläste aus prinmive Bauten ihre frische Wirkung übertrugen, läßt keinen Zweifel daran arlskommen, daß der Jndentempel von Sadagora ohne den erzbischöflichen Palast von Czernowitz nicht so geivordeu wäre, wie er ist. Tansende undTausende pilgern alljährlich nach Sadagora, ans ganz Galizien. Rumänien, Obernngarn. wer weiß, bei wie viel jüdischen Tempeln als Kenn zu einem Formenbilde das Gotteshaus von Sadagora als traditionell jüdischer Ban gedient hat. Was würden die gnlen jüdischen Gläubigen sagen, wenn jemand von ihnen behaupten ivagre. daß der Rundbogen am Tore ihres Tempels von der altchristlichen Aja Sophia über den Dom von Czernvivitz und weis; Gott diirch wie viele Häilde noch in die Mauer des ländlienen ungarischen Tempels gelangt sei? Internationale Wissenschaftliche Pereinignng israelitischer Kantoren. (Bericht des Aktionskomitees.) Das Aktionskomitee hat seine Arbeit bis nach den Sommerferien eingestellt und auch vorläufig vom Ausstuden der Rundschreiben so lange Abstand genommen, bis die Postverbindnngen normal fein werden. In die Vereinigung sind als weitere Vertreter gewählt ivorden: Overkanlor Weißmann (Pozega) für Slavonieu, Oderkantor Dnbowski, Oberkantor Neustadt für Berlin; die Adresse des im Felde stehenden Oberkanlors Kornitzer, Hamburg, war bisher nicht zu ernieren; vielleicht erführt einer der Herren Kollegen seine Feldadresse; wir bitten dann nm gütige Mitteilung. Auch vom Oderkantor Löwenherz. Temesvar. ist ans vielfache Zuschriften kein Bescheid elngegangen. Als wissenschaftlichen Beitrag bringen wir in nächster Nummer einen Aufsatz unseres Verehrten Kollegen Oberkantor Tennenbanm ans Stuttgart. Der Obmann des Aktionskomitees: Singe r—Katwwitz. Verschiedene Nachrichten Wien. Im Tempel IX.. Grüne Thorgasse (Müllnergasse) findet Freitag den 25. d. nm 7 Uhr abends, anläßlich der Wledereioderung Lembergs ein Festgolresdienst starr. Wien. (D > e K u n d g e b u n g d e r Z i o n i st e n vor dem K r i e g s m i n l st e c l n m.) Die Serie der Knndgebnngen, welche anläßlich der Eroberung Lembergs Mittwoch am 23. d. M. »n den Abendstunden in Wien stattsanden, hatten d e Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina jüdischer Nationalität eröffnet. Bersammlnngsorr war der Karmelitervlutz. Um 6 Uhr abends begantten die Teilnehmer an dem Demonstrarionszug dem Platz zuznströmeu.' Ordner, durch die blauweiße Armbinde gekennzeichnet, rangierten den Zug. Inden in den orthodoxen Kostümen, dem langen Kasran und dem Samrhur, Frauen mit Kovstüchern. Gymnasiasten in den Uniformen der galizischen Gymnasien nsw. strömten zusammen und sormren sich zu einem Zug, ber unter Borantr-tl des Abgeordneten Dr. Strancher und des ehemaligen Abgeordneten Stand in die Taborstraße elnschwenkre und über die Ferdlnandsbrücke, Franz-Joses-Kai, Zlnbeurmg vor das Kriegsmluisterlnm zog. Den Zug eröffneten verwundere jüdiiche Soldaten, die als Rekonvalsezenten in Wiener Spitälern untergebracht siild. Dann solgten Rabbiner ans Galizien, volnnche Gymnasiasten. Srudenren und viele junge Mädchen. Im Zuge wurden die Bilder unseres und des deutschen Kaisers getragen, Standarten, die die Ansscdriir rrngen: „Es lebe unsere Armee! Der Zng mochte 15.000 bis 20.000 Teilnehmer gezählt haben. Als die Demonstranten vor das Kciegsmlttisterlnm kamen, war der große Platz vor diesem, die Renallee und der Fahrdamm der Ringstraße von einer nach vielen tausend Personen zählenden Menschenmenge vollgesüllt. Die Polizei harte Mühe, die nachdrängende Maffe