Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 24 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Oie Wahrheit Nr 24. Frau; ös» sch r Großmut. Allgemein hieß es, daß das französische Volk das edelste, gerechteste und feinfühligste Volk der Welt sei. Jedes Verdienst, das irgend ein Mensch sich erworben hat, gleichviel, ob ans dem Gebiete des Rechtes »nd der Gerechtigkeit oder auf dem des Unrechtes und der Ungerechtigkeit, versteht es zu würdigen und reichlich zu belohnen. König Viktor Emanuel HI., der seit fünfzehn Jahren aus dem italienischen Throne sitzt, hat sich plötzlich entschlossen, dem Dreibünde, dem Italien seil 33 Jahren angehörte, abtrünnig zu werden, mit beii Ententemächten sich zu verbünden und dem früheren BundeSgenossell, dem er zn großem Danke verpflichtet ist, in heimtückischer Weise in den Rücken zu fallen. Für diese herrliche Tat. für dieses wunderbare Knuststück, das nicht jeder znsammenbrächte, mit einem Worte: für diesen Verrat, den er, der König eines großen Kulturvolkes, in so schamloser Weise begangen, erhielt er vom Väterchen wie vom englischen König Anerkennungsschreiben. Frankreich ging einen Schritt weiter und ernannte ihn znm Mitglied des französischen In stituts, die höchste Ehre, die die Franzosen einem hochverdienten Manne erweisen können. Armes Frankreich! Wie tief bist du gesunken! Von nun an ivird es in Paris heißen: „Die kleinen Verräter werden mit der tiefsten Verachtung und die großen mit der höchsten Auszeichnung bestraft. Veritas. Galizische Synagogen. Unter dem Titel: „Von der Aja Sofia bis zur Synagoge" veröffentlicht der Spezialberichterstatter des „Pester Lloyd" folgende überaus interessante und derzeit höchst aktuelle Studie über Stil und Eiurichinng der Synagogen in Galizien: Galizien ist das Land der Kirchen. Das ungarische Dorf wird durch den Turm, einen Turm, charakterisiert; in den galizischen Dörfern reihen sie sich zu zweit und zu drilt aneinander. in den Städten aber, selbst in den kleinsten, vervielfältigt sich ihre Zahl. Verschiedene Religionen und Nationalitäten sind vertreten und verschiedene Architekturen. Elegante herrschafiltche Barocklürme, russische Zwiebelkuppeln, verwitterte Holzkirchen und nagelneue Gebäude mit roher Ziegelverkleidung; freistehende, primitive Glockenstühle aus Holz und massive Glockentürme. Sehr viel Kirchen überall und neben den katholischen, rnthenischen Andachlsstätten noch die charakteristischen Synagogen. Auch unter diesen gibt es neue und alte, einfache und geradezu prunkvolle Gebäude. Die russisch wirkende Kuppel des jüdischen Tempels in Tarnow ist von ferner sichtbar als die übrigen Türme der Stadt. Jemand, der Galizien gut kennt, machte mich daraus aufmerksam, daß es sich lohnt — wenn man mit den Sehenswürdigkeiten von speziell kriegerischem Interesse schon zn Ende ist — in allen Städten auch den jüdischen Tempel zu besichtigen. In den meisten Orten ist er eine schablonenhafte Sehenswürdigkeit, oft aber seltsam, bizarr oder geradezu künstlerisch bedeutend. Hie und da findet man einen uralten, förmlich in ein Museum passenden Holztempel; mehr als einmal mittelalterliche Mauern und beinahe immer ein paar prächtige kunstgewerbliche Erzeugnisse: Lampen, Leuchter, Stickereien, alles noch lange nicht genug gewürdigte Andenken des eigentümlich jüdischen Kunstgewerbes. Inneres und Aenßeres der meisten galizischen Tempel entsprechen beiläufig unseren orthodoxen Synagogen. Es gibt aber auch ganz originelle Bethäuser: zum Beispiel der alte Tempel in Krakau, dieses verwitterte, in seiner Primitivität von einer gewaltigen Vergangenheit sprechende mittelalterliche Gebäude. Es steht in dem nach König Kasimir, dem Patron der Krakauer Inden, benannten Stadtteil, dem Ghetto. Dieses Ghetto ist altertümlich, ärmlich, schmutzig und romantisch; seine dunklen Torbogen gähnen uns manchmal wie aus den engen Gassen einer italienischen Stadt entgegen. Der alte Tempel — „die alte Schül", wie er im Jargon genannt wird — ist verwitterter als alle seine Nachbarn. Ehemals war er getüncht, jetzt aber ist jede Spur davon verschwunden. Auch ans den Fugen zwischen den Ziegeln fällt schon der Mörtel. Zu seinem breiten, niedrigen eisernen Tor muß man niedersteigen, als wollte man in einen Keller gehen. In der Vorhalle empfängt uns ein bescheidenes, ärmliches, aber unverfälschtes Renaissanceportal, durch das man in den Tempel gelangt. Welch seltsamer Raum: Er gleicht eher einer vernachlässigten, aber im Grunde herrschaftlichen Grast, als einem Jndentempel. Er hat Spitzbogen — das Gebäude ist in der letzten Epoche der gothischen Bauart entstanden — und der die Decke tragenden Säule gegenüber, wo ein Pfeiler die Mauer stützen müßte, ist ans die Wand eine Säule gemalt, bescheiden, primitiv, als wollte sie sich entschuldigen: — Dies ist nur ein schlichter, armer Jndentempel, für den ist es auch so gut genug! In der Mitte des Tempels ein kleines Podium für den Vorbeter. Dieses Podium ist völlig von einem Eisengitter umgeben, auf allen Seiten und auch oben; dieses Gitter gleich einem großen Käfig, und besteht ans schönem, alten Schmiedeeisen. An der östlichen Wand, wie in jedem jüdischen Tempel, ein Schrank für die heiligen Schriften, die Thora. Dieser Schrank ist von einem Renaissanceportal umrahmt. Allch dieses ist natürlich abgenützt und verwittert, doch es ist klar zn sehen, daß es ehemals, vor Jahrhunderten, eine meisterhafte Arbeit war. Von der Decke hängen uralte, schöne Bronzelnster. Ihre Ornamentik ist prachtvoll. Und in dieser Ornamentik findet sich etwas, was in einem jüdischen Tempel ganz bespiellos ist: menschliche Figuren, Profile mittelalterlicher Ritter, ans Bronze geschmiedet und mit den Armen des Lusters znsammenkomponiert. Es sind die Bilder König Kasimirs und anderer Könige, erklärt unser Führer, der Tempeldiener. Menschliche Gestalten dürfte es in einem Tempel nicht geben. Dies aber haben wir. so wie es ist, vom großen König bekommen und so ist es seit Jahrhunderten dageblieben; niemand nimmt Anstoß daran. Ich kann in der Eile die Ueberliesernng nicht kontrollieren, die die Legende des Polenkönigs Kasimir mit der von Esther und Mordechai vermengt: Der König hat eine spanische Jüdin geheiratet uub die Bedingung, die das Mädchen vor der Ehe stellte, war die, daß ihre Glaubensgenossen eine Stadt und einen Tempel erhalten sollten: so wären sie znm Krakauer Ghetto gekommen, das man nach dem jndenfrenndlichen König Kasimir-Vorstadt benannte. Der Tempel war — nach dieser Ueberliesernng — die Bibliothek des Königs. Nach aller Wahrscheinlichkeit war er — seine ganze Bauart spricht dafür — ursprünglich als christliche Kirche erbaut worden, etwa im 14. oder 15. Jahrhundert; irgendein Beherrscher Krakaus überließ sie dann den Inden, die sie verhältnismäßig — wenn man ihre Armut in Betracht zieht — ziemlich gut erhalten haben, obgleich es an barbarischen Restanriernngen nicht fehlt. An Stickereien, Gold und Silber besitzt der Tempel viele schöne, alte Schätze; diese sind jedoch fortgeschaffl worden, als Krakau im Kriege eine exponierte Rolle zu spielen begann. Es ist Samstag nachmittag, da wir den Tempel besuchen. In ihren langen Kaftans beten die Gläubigen laut und inbrünstig, doch unser Besuch, unser Interesse, die Erklärungen des Tempeldieners, stören niemand. In Friedenszeiten besichtigen viele Fremde diese seltene Insel, ein Denkmal jüdischen Mittelalters. Der Tempeldiener lädt uns noch in den eigenen Betraum der Frauen ein. Es ist ein ganz gesondertes, kahles Zimmer, das nur durch Fenster mit dem Tempel verbunden tvird. — Gibt es hier etwas zu sehen? — Zu sehen gerade nicht, — und der ausgezeichnete Führer zuckt mit den Schultern. Wir danken für die Führung und wollen ihm Geld geben. — Ich bedanre, es ist Samstag, ich kann kein Geld anuehmen.