Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 23 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3063862-3063885--09640-3076909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr 23. fctHt € £« Wadrveit daß der blaue Himmel seine Wölbung noch weiter spannt, als über Suwalki. wo der allmächtige Gubernator die absolute Herrschaft führt, und über die Grenze von Wirballen, woher Spiritus und Seide geschmuggelt wird; die übrige Welt, meinten sie, sei überhaupt noch unentdeckt. Vor zwei Jahren sprach ich in Franzensbad mit eistek Revaler Dame, deren Wiege in Kalwarja stand. Ich war nicht wenig erstaunt, aus dem Munde der Kurdame zu hören, daß in Kalwarja eine lithauische Zeitung gedruckt wird —- eine lithauische Zeitung, wer hätte es für möglich gehalten?! — und daß die Bauern in steter Fühlung mit den ihnen stammverwandten Letten in Gouvernement Kowno und in Kurland sind, mit jenen Letten, die sich als die gefährlichsten Feinde des Zarismus bei der letzten Revolution erwiesen und daß auch von den Lithauern Weltpolitik betrieben wird ... Die Dame bemerkte mein Staunen niib fügte hinzu: Za. allmählich wird eS den Völkern deS Riesenreiches klär, daß die Nationen Europas sich nun voll nnd ganz der Wohltat der Freiheit erfreuen und nur noch der Zarismus mit allen möglichen Mitteln weiter kämpft, um der Bürokra tenherrschaft, deren Programm: „Niederringen jedes freiheit» lichen Gedankens'" ist. ewige Dauer zu verschaffet!. Aber jetzt wird mit Macht an alle Fensterladen gepocht: Erwachet! Erwachei! Es ist höchste Zeit! Gott sei Dank, daß man sich nun auch in Lithanen die Augen reibt! Bei der letzten Revolution erkannten die Böller, daß das Tschiuowniktum sehr gut gerüstet sei. daß es alle Errungenschaften der. Neuzeit sich zunutze machte, um der Finsternis Reich die stärksten Pfeiler zu verleihen; nuu gilt es, dieser Rüstung eine gleichwertige Rüstung entgegenzusetzen! Und auch Llthauens Söhne vernachlässigen ihre Pflicht nicht! . . ." II. Einquartierung. Die Stadt Kalwarja, um das jetzt der Waffenlärm tost und in dessen Nähe nach Berichten des „Berliner Tageblatt" jüngst ein Bruder des Zaren im Kanipfe fiel, ist durch die Scheschupa eutzweigeteilt: die Stadt (Gorod) und „hinter der Brücke" (za mostom). In der Nähe des Viadukts liegt der Viehmarktplatz. Hier betreibt im Winter die Jugend den Eislaufsport, aber im Sommer etabliert sich hier fast jede Woche eine andere Feldküche eines durchmarschierenden Regimentes. Keffel werden in den Abhang des den Platz abschließenden Hügels eingegraben und bald prasseln lustig die großen Holzscheite. Kapnsta (Kohlkrant) wird geschnitten und Kartoschki (Erdäpfel) geschält. Der Dejourni (Tageskorporal) kommt, wirft die Würfel der Rechenmaschine hin und her. macht nach aufgenommenem Sitüeiitar — nach großem Kopfzerbrechen — Notizen in sein Vormerkbüchlem, erteilt den Köchen und deren Bedienungsmannschaft Ordres nnd geht. Um 2 Uhr nachmittags zieht der Hornist durch die Straßen der Stadl und bläst zu Kascha (Menage). Die Mannschaft kommt herbei nnd holt in kupfernen Schalen das Mittagsessen. Aus dem Schaftstiefel wird der Holzlöffel hervorgezogeu und nach kurzem Gebet wird meuagiert. Lithauische uud polnische Bettler sind bald zur Stelle und bitten um Speisereste. Die Soldaten geben ihnen Brot und die Reste der Schtschi (Kohlsuppe). In den Familien der Stadt war man allerdings wenig erbaut über die Anwesenheit der Landesverteidiger. Bor allem mußten alle wertvolleren Sachen in sichere Berlvahrung gebracht werden, denn die Soldaten stahlen wie die Raben. Auch die Vorliebe des Russen für fremdrassige Weiber führte oft zu lärmenden Streitigkeiten, artete oft sogar in blutige Keilereien aus. Im „heil. Rußland" hat der Russe noch stetgesiegt. Beschwerden gegen die Söhne Mars zu führen, wäre ein vergebliches Beginnen gewesen; also suchte man sich in sein Schicksal zu fügen. Am schlimmsten erging es bei der Einquartierung solchen Parteien, deren Räumlichkeiten das Militär ganz benötigten. Die Familien wurden dann einfach „aufs Pflaster" gesetzt! Mochten sie auch 20 Kinder haben, darnach wurde eben nicht gefragt. Unserem Nachbar, dem Bäcker Awram Melamed, erging es oft so! Die Soldaten benötigten die Piekarnia (Backstube), da mußte Awrams Familie eben hinaus. Mochte der Hausherr seine .Rechte — in überaus schlechtem Russisch —- noch so lebhaft gellend machen; der Russe sagt: „Sinpai!" (Schere dich!), und genügt das nicht, so folgt ein Kolbenhieb. Awram Melamed mußte froh sein, daß seiner Familie der Aufenthalt auf dem Dachboden gewährt wurde. Kleine „Aufmerksamkeiten" stimmten aber bald den Unteroffizier milder nnd es wurde dem Bäcker gestattet, in „freier Zeit" seine Bnlti (Semmeln) zu backen. Ich belauscht einst ein Zwiegespräch, das zwischen dent Bäcker und dem Unteroffizier geführt wurde: Der Ünterosfizier: „Für einen Rubel kannst Du einest Sack Kornmehl, auch Holz — skolko ugodno (so viel Du willst) haben." Der Bäcker: „Was fällt Dir ein! Ich werde doch das Aerar nicht bestehlen! Es wäre doch Sünde von mir!" Der Unteroffizier: „Durnoj Ewretschik!“ (Einfältiges Jüdelchen!) Ihr habt eine ganz eigenartige Moral! Bei uns heißt das nicht „stehlen", bei uns heißt das „nehmen"! Meinst Du, daß Du etwa mehr Kavalier wärest, als die Höchsten im Staate? Ehrlich sein heißt dumm sein! Ponimaesch! (Hast Dn's verstanden?) Ob das Geschäft perfekt geworden ist, weiß ich nichts ich weiß nur, daß den Grundsätzen des Unteroffiziers noch heute in Rußland sehr gehuldigt wird. Die Kage in Ualiistina. Vom Kopeuhagener Bltrean der Zionistischen Organisation wird uns mitgeteilt: Im allgemeinen war in den letzten Wochen eine Beruhigung unter den Juden Palästinas eingetreten, da längere Zeit weitere Maßnahmen der Behörden gegenüber den jüdischen Untertanen fremder Länder nicht erfolgten. Mit Genugtuung begrüßte die palästinensisch-jüdische Bevölkerung in Jerusalem die Tatsache, daß Herr David I e l l i n, der Leiter des zionistischen Lehrerseminares, zum Zensor für Hebräisch in Jerusalem ernannt worden war. Auch war die A n st e l l n n g jüdischer Wächter in den palästinensischen Kolonien von den Behörden wieder erlaubt worden, itnd neuerdings hatte die dem Odessaer Komitee unterstehende hebräische Mädchenschule in Jaffa, die von den türkischen Behörden eine Zeit lang geschlossen war, die Erlaubnis erhalten, den Unterricht wieder aufzunehmen. In den letzten Tagen sind jedoch beunruhigende Nachrichten eingetroffen, wonach die türkischen Behörden angeblich wieder die Ausweisung der Inden feindlicher Untertanenschaft aus Palästina beabsichtigen sollen. Es steht zu hoffen, daß es auch diesmal nicht zur Ausführung dieser Maßnahmen, die die schwerste Schädigung für die Bevölkerung und das Land bedeuten würden, kommen wird. Petroleum für die O r a n g en - P l a n t a g e n in P a l ä st i n a. Für die Bewässerung der in den letzten Jahren immer mehr emporblühenden Orangen-Plantagen in Palästina ist eS von eutscheidender Bedeutung, daß schleunigst Petroleum für die Gasmotore der Pflanzer ins Land gebracht wird, da sonst die Gefahr besteht, daß Millionenwerte vernichtet werden. In Palästina sind jedoch nur kleine Quantitäten Petrolenm zu außerordentlich hohen Preisen erhältlich, die für den Bedarf bei weitem nicht ausreichen. Andererseits ist