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Die Wahrheit · 1915-06-18 · Heft 23 (18.6.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 23 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 28. im Völkerrmd Staatenverkehre wieder ans da? ihr gebührende l hohe Piedestal gesetzt werden soll. Die Presse will es \ momentan nicht begreifen, wcirnm der betreffs moralischer Feinftthligkeit das gegenwärtige Niveau sicherlich weit überragende nordamerikanische Staatssekretär Bryan im gegenwärtigen Momente sein Amt znrückgelegt hat, trotzdem die offizielle Note seiner Regierung' an Deutschland angeblich sehr höflich gefaßt ist und kein Ultimatum enthält. $lber. der Ausruf Blyails gibt darüber klaren Aufschluß. Er sagt m demselben : „Es handelt sich^ hier in Wirklichkeit um die Wahl zwischen zwei S y st e m e n." Dem edlen Bryan leuchtet eben die Zulässigkeit der nordamerikanischen Politik nicht ein, Deutschlands Gegnern fortgesetzt Kriegsmaterial zu liefern und. trotzdem für alle seine Unternehmer und Händler die.peinlichste Rücksicht zu heischen. In folgenden Sätzen seines Anfrufes sagt er dies auch, deutlich genug : „Die zivilisierten, erleuchteten christlichen Nationen Europas ringen miteinander und schon ergriff der Wunsch .nach dem Kriege auch die Jingos unseres Landes. Als demütiger Jünger des Friedenssürsten. und als_überzeugter Anhänger der Prophezeihung. daß die, die zum Schwerte greisen, durch das Schwert umkominen sollen, bitte ich, mich zu denen zu zählen,. die friedliche Verständigung suchen." . Die Schlußsätze des Bryan'schen ÄnsrufeS lauten aber wahrhaft edel und verheißungsvoll: „Eine Nation muß die Welt ans der dunklen Kriegsnacht hinausführen, ins Licht des Tages, wo die Schwerter zu Pflugscharen nmgeschmiedet werden." „Warum ivollen wir ults dieser ehrenvollen Aufgabe nicht eines Tages unterziehen? Warum nicht gleich jetzt? Die Nationen werden einsehen, daß ein dauernder Friede ni ch t ausFnrcht anfgebaut werden kann. Eines Tages werden die Nationen Vertrauen in die Liebe setzen, die, obwohl von den Anbetern des Kriegsgottes als Schwäche verachtet, weiter währt, wenn alles andere versagt." Jawohl, im gegenwärtigen Momente wird der so „entsetzlich unpraktische" Bryan von den Jingos der ganzen Welt verlacht und verspottet werden, aber Herr Bryan mag sich trösten, er teilt dieses. Schicksal mit großen Männern, sogar mit dem gegenwärtigen Haupte der katholischen Christenheit. Seine wackeren und trostreichen Worte werden von Millionen von Menschen als Heilsverküudung gehört und ansgefaßt. Wenn der gegenwärtige Weltkrieg den allgemeinen Durchbruch dieser Wahrheiten bringt, dann ist das viele Blut nicht vergeblich geflossen, damr muß das edle Menschentum wieder eine frohe Auferstehung erleben. Dann werden nach folgende uralte jüdische Gebetstücke verstanden und gewürdigt werden; „Ihr Geschlechter der Völker, bringt dem Herrn Machr nnh Ehre!" „Dann werden die Bäume des Waldes dem Herrn, znjuhelu, wenn er kommt, die Welt zn richte«.* „Der Allerbarmer versöhnt die Schuld nnd vernichtet nicht ganz, sonder« hält gar oft seine« Zorn zurück imd läßt nicht entbrenne« seinen ganzen Grimm." R. L. »Kursfriede»." Im „Berliner Tageblatt" lesen wir Folgendes: Seit Beginn des italienische« Krieges bringen die „Kreuz-Zeitung", die „Dentsche Tag.tzs-Zeitu 11 g“ und ähnliche Blätter Notizen, in denen sie behaupten, daß. d * A u n n v z i o eigemlich R a p p asto r t hetße und Jude sei. Obwohl die a n t i' s emitische A b s i ch 1* fei* mit der Veröffentlichung dieser Notizen verbunden wird, ihren Ansdrnch nicht, in klaren Worten findet, tritt sie. doch deutlich genug zutage. Ob ^mut d^Anunnzio Jude ist oder nicht, wissen wir nicht, es scheint uns aber auch völlig gleichgültig zu sein. Nicht gleichgültig dagegen ist es, daß in dieser Zeit konservative Jonrnalisteu, die sich an ihrem Schreibtisch sehr imstig gebärden, die antisemitische Agitation sorlsetzen, während draußen auf den.Schlachtfeldern die jüdischen Soldaten an der Seite ihrer christlichen Kameraheil tapfer kämpfen und sterben. Die antisemitische „H es s i s ch e L a n t> e s ze i l n n g" hat auch Sonn ln o — der Protestant ist — zn den Inden gerechnet und sich den sanderen Satz geleistet: „Billig wird erals Jude nicht zu Haben gewesen sein!". Geradezu unerhört ist ein Vorgang, der sich, den „Mitteilungen ans dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" zufolge, in einer Versammlung des Deutschen Wehr Vereines abgespielt hat: „Ein Herr v. Bodelschwingh suchte der Versammlung an der Hand einer Nummer des „Hammer" zu beweisen, daß eigentlich der Weltkrieg von den Inden gemacht ist. d^Annmizio nnd Sonnino, zwei Inden, haben den italienischen Treudrnch inszeniert und der Jnd e Dernbürg verrät die Interessen seines Vaterlandes, in Amerika. Uederall Juden am Werke! Die Versammlung tobte vor Behagen. Unvergeßlich bleibt mir der entrüstete Zwischenrns eines Ueberzeugungstreuen: „Und diese L e n t e wo l l e n Re s er v e o s fizi e re werden! Der Vorsitzende, Herr v. S t i a n tz, s ch w i e g dazu! Die Rücksicht aus den sogenannten „Burgfrieden" hindert uns. das Verhalten dieser Leute gebührend zn kennzeichnen. Das ist: tm Grunde anch überflüsssig, da alle Menschen, die ein Gefühl für Anstand und Ehre haben, sich das Nötige selbst hinzndenken werden. Kalwarja. Jugenderinuerullgen von Armin wilkotvitsch, Eger. I. Die L i l h a u e r. Frühling wars. Kaum daß die mächtigen Eisschollen der Szeszupa (Scheichnpa), ihr Bombardement gegen die Pfeiler der Brücke von Kalwarja eingestellt hatten, pflegte eS auch schon sofort schön und sonnig zu werden. War eS der Jngend Sonne, die mir bis in die Tage der Gegenwart so freundlich hineinscheint? Der Sonne flntende Strahlen vergoldeten die Dächer der Gaffen. Entlang den gntgepflegten breiten Straßen, die rechtüber Marjampot nach Kowno und links über Snwalki. nach LomLa führen, schoffen über Nacht werstlang saftiggrüne Gemüsebeete aus der Erde und ans den Gräben lugten zarte Gänseblümchen, die wir Kinder pflückten, weil sie die ersten Bknmtein waren, die der Lenz gebar, weit ins Land hinaus. Veilchen. Maiglöckchen? Ich entsinne mich nicht, sie dort je gesehen zn haben. Und es kamen die lithanischeu Bauern, die gerade erst den Schafpelz mit der Sermzaga (Rock ans Bauerntuch) vertauschten, znm Markte nach Kalwarja nnd brachten Siebe voll Roffada (Kcäulersamen), womit sie ben Marktplatz beluden, daß er einem großen Gemüsegarten glich. Abends fuhren sie wieder heim und da hieß es: „Kur buwe, Johna?“ —„ An turgu, Pona!“ k|.: „Wo ivarst du, Johann?* — „Am Markt, mein Herrk* Ein Sprüchlein sagt dort: Alles war am Markt, was Hände imd Füße hatte. Wie waren damals die lithanischeu Bauern, weiß. Gott, einfältig! Die allerwenigsten nur vermochten aus dem lithanischeu Gebetbüchlein zu lesen. Sie wußten kaum.

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