Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 23 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 23. Die Watirheii aber soll dies geschehen? Mit der ehrlichen Waffe in der _ Hand würde es wohl schwer gehen, um so eher, glaubt mau, mir der vergifteten Waffe der Verleumdung, die nur ans der Rumpelkammer der jüdischen Beschuldigungen im Mittel» alter bis tief in die Neuzeit hinein hervorgeholt zu werden braucht. Da finden nun die Deutschen einen besonderen Gefallen daran, kleine Kinder zu töten und deren abgeschnittene Füße in der Tasche herumzutragen, ja sogar Greise sollen sie aus wahrer Liebe zur Sache geschlachtet haben, genau wie unsere Brüder einst in Damaskus alte Kapuziner mit Borliebe gefressen haben. Es ist hier wie dort derselbe Wahnsinn, nur, würde Polouius sagen, kommt ein bißchen System hinein. Nun, die Deutschen sind halt nicht die Inden und sie sind wohl imstande, solche feige, hinterlistige Schläge mit »deutschen Hieben" zu parieren. Diese bekommt zuerst Rußland auf seinem Leibe zu spüren und hoffentlich kommen bald die anderen nach. Hut iustitia! Dann erst wird die Welt von der wahren Barbarei und von der Lügenkompagnie, die das gute Verhältnis zwischen den Völkern zu trüben sucht, befreit, aber auch dem russischen Volke winkt vielleicht dann die Stunde der Befreiung. . . Hört ihr, ihr Rechtgläubigen, im weiten russischen Reiche, die Glocken läuten? Kuiel nieder! Man bringt die Sakramente einem sterbenden Despotismus! Chanoch Ab—!. Das Weltgericht. Der gegenwärtige Weltkrieg hat bereits ungeahnte, alle bisherigen Kriege der Weltgeschichte weit übertreffende Dimensionen angenommen. Der elfte Monat des Weltkrieges neigt seinem Ende zu, und noch ist kein Ende desselben abzusehen. Ein furchtbares Weltgericht ist über die Menschheit hereingebrochen, der Weltverkehr, der doch immer ausklärend und sittigeud wirkte, ist unterbunden, hohe reale Werte und unschätzbare Kulturgüter sind zerstört und auf dreistellige Milliarden beziffern sich bereits die Summen der Kriegskosten und Kriegsschäden. Noch katastrophaler aber für die Menschheit als das vergossene Menschenblut, als die Riesenschäden, die der Weltkrieg verursachte, ist die drohende Verhärtung aller Menschenherzen, der grinsende nationale und konfessionelle Bestialismus, der Völkerhaß, welcher alle kulturellen und idealen Errungenschaften der Menschheit wieder zu vernichten droht. Wo liegt die tragische Schuld dieses schweren Verhängnisses? Wo liegen die eigentlichen Wurzeln des Weltkrieges, dieses wahren, modernen Weltgerichtes? Wohl war die im letzten Jahrhunderte erfolgte übermäßige Wertschätzung des Besitzes nicht geeignet, die Frömmigkeit, die Anspruchslosigkeit und Zufriedenheit der Menschenmaffe zu fördern, wohl überwucherte der sogenannte „praktische Sinn", wie man die skrupellose Ausbeutung und Ausnützung jeder günstig scheinenden Situation im egoistischen Sinne nmtaufte, jeden selbstlosen Idealismus, der in der Regel nur verlacht, verspottet und — und verdächtigt wurde. Den Weltkrieg der Gegenwart leiteten aber die Völker ebenso wenig in die Wege, als sie alle früheren Kriege und Kämpfe verursachten, er wurde von einer verhältnismäßig sehr dünnen, aber mächtigen Schichte durch gewissenlose Jntrigueu, Uedervorteilungen, Vertragsbrüche und Verbrechen hervorgernfen. Vor den Angell der ahnungslosen Völker, welche durch eine bezahlte, gewissenlose Preffe verleitet imd irregeführt wurden konnten Raubkriege durchgeführt werden, wobei es noch immer möglich blieb, die Aufrechterhaltnng des „Status quoa als Schild für die Einmischungspraktiken vorzuiänschen. Diese Tatsache hat auch die tiefbeschämende Gutheißung des Grundsatzes verschuldet, Staatsverbrechen, wie Königs« oder Priuzenmorde seien „innere Angelegenheiten" des betreffenden Staates, in dessen Bereich solche Verbrechen begangen werden, die aber keinen Nachbarstaat tangieren. (!) Nur dadurch konnte es soweit kommen, daß England seine indischen Untertanen maß- und gewissenlos ausuützte, entrechtete und mißbrauchte, die russische Regierung Dumaabgeordnete vergewaltigte, politische Verbrecher in den Gefängnissen meuchlerisch töten ließ Judenpogrome arrangierte. Wie konnte man annehmen, daß durch eine solche offizielle Duldung der Unmoral im Bölkerverkehre nicht die allgemein menschliche Moral Schaden nehmen werde, da doch die Regierungen den Völkern richtunggebend werden müssen? Jetzt hat es die ganze Menschheit schwer zu büßen, daß sie die Unmoral in der Staaspolitik duldete und die serbische Mordlust, die russische Eroberungspolitik, die englische Perfidie sind die Folgen dieser Duldung. Doch der furchtbare Weltkrieg entpuppt sich nun immer klarer auch als Weltgericht. Als letztes Mittel im Kampfe um das Recht bleibt der Krieg ein Gottesgericht. Und der alte Gott lebt noch. Schon bricht der moskowitische Koloß unter den heroischen Streichen der deutschen und österreichisch-ungarischen Heere zusammen, schon zittert der Zar nm das weitere Schicksal Russisch-Polens, ja um das seiner Hauptstadt Petrograd. Schon wird es England und Frankreich begreiflich, daß Bangemacheu nicht gilt und daß es mit der Eroberung von Konstantinopel noch seine guten Wege hat. Schon machen alle Verbündeten der Entente die Erfahrung, daß der bestorganisierte Lügenfeldzug im Kriege nicht hilft und schon begreift die italienische Regierung, daß sie zu ihrem Treubruche einen sehr unglücklichen Moment gewählt hat. Nicht die so furchtbar gescheiten Diplomaten lenken die Geschicke der Staaten und der ganzen Menschheit, sondern immer noch Gott, der Schöpfer und Erhalter der Welt! Franz Snarez sprach schon vor 300 Jahren den richtigen Grundsatz aus: „Obwohl der Staat, eine Einheit für sich bildet, ist es nicht minder richtig, daß jeder dieser Staaten, wenn wir ihn in B e z i e h n n g z u r M e n s ch h e i t betrachten, einen Teil darstellt. Niemals ist ein Staat sich selbst genug." Der innerste Zweck der Staatsorganisationen liegt eben in der planmäßigen Hebung und Mehrung aller körperlichen, geistigen und moralischen Kräfte der ihnen unterstellten Menschheit. Es kamt banuii auch keine doppelte Moral geben. Was für den einzelnen Menschen sittlich verwerflich ist, ist es noch ungleich mehr für Staaten und deshalb hat auch niemand das Recht, gegenüber ans „Staatsraison" frech übertretener, allgemein sittlicher Grundsätze heuchlerisch die Augen und Ohren zu schließen, gleichgiltig ob dies aus Liebe und Anhänglichkeit an die eigene Nation oder dem engeren Staatsverbande oder aus Furcht geschieht. Wegen allgemeiner Uebertretung der , geschilderten kapitalen sittlichen Forderung ist das gegenwärtige furchtbare Weltgericht über die Menschheit gekommen. Doch schon treten erfreuliche Anzeichen dafür auf, daß die Moral auch