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Die Wahrheit · 1915-06-18 · Heft 23 (18.6.1915) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 23 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Administration: Wien, II., Novaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.889. Administration Aut. 47.854 K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 400.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- und JnsertionSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. nakhängige Aeltfchrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Drei tag. Nottv: „Das 8isAs1 6ottss ist MaürNeit.!" Bezugspreis: Ganzjährig.K 15 — Halbjährig.K 7.50 Für Kultnsbeaiute: Ganzjährig .K 10. - Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark 6 Rudel oder 16 FrcS. Ur. 23. ien. 18. Juni Inhalt: Mene Tekel Upharsin. — Das Weltgericht. — „Burgfrieden". — Kalwarja. — Die Lage in Palästina. — Literatur. —' Verschiedene Nachrichten. — Wohltätigkeits-Aktion des österr.-ungar. Kantoren-Bereines. Mene Tekel Upharsin. Frohe Kimde brachte uns die Frühlingssonne des „lieblichen" Mai. Die russische Flut zerschellte au dem lebendigen Bollwerke, das ihr von Oesterreich-Ungarn und Deutschland entgegengestellt wurde, und wieder war es Oesterreich, das seine historische Mission erfüllte: Europa vor den asiatischen Horden zu schützen. Dem Westen, dem der Herbst des vorigen Jahres die bange Furcht vor der moskowitischen Ueberflutnng brachte, schlug in der herrlichen Frühlingslnft die Stunde der Befreiung und als die ganze Natur sich zu verjüngen begann und zu neuem Leben erwachte, da konnte auch der Westen den Alpdruck von sich wälzen und frisch aufatmen, mit der begründeten Hoffnung, daß die Stunde kommt — in der die russische Invasion gewesen war. Wenn die Kunde vom Zerschmettern der russischen Dampfwalze schon bei allen Völkern der Zentralmächte, und nicht zuletzt allch bei den anderen freiheitsltebenden Nationen, einen ungeheuren Jubel auslöste, so muß diese bei unS Juden eine besondere Genugtuung Hervorrufen. Denn wir Juden waren ja von diesen finsteren Heeresmassen ganz besonders aufs Korn genommen! Kaum gelang es den russischen Horden, sich einer Stadt vorübergehend zu bemächtigen, als schon die Hetze auf die Juden begann und nach berüchtigtem, echtrussischen Muster Plünderungen und Pogrome auf die Tagesordnung traten. Dies geschah aber nicht nur im „befreiten" Galizien, sondern auf dem altheiligen russischen Boden, wo der rechte Glaube von den Tschinowniks mit der Knute verbreitet wird, wurde die Soldateska gegen die Juden losgelassen, damit sie sich im Blute der Geknechteten berausche und dann wie ein Wild gegen die „Feinde" gehetzt werde. Allerdings, vor Tische las mau es. anders. Da richtete Väterchen Zar ein Manifest an die „lieben Juden", lobte sie ob ihres Patriotismus und versprach auch, ihre Lage zu verbessern. Auch das berüchtigte Dumamilglied Purischkewitsch, dessen ceterum oenseo immer die Inden, die „Zidi", waren, soll ein Verbrüdernngsfest mit den Juden gefeiert und alles widerrufen haben, was er jemals gegen sie gesprochen hätte. Dies alles hörte sich sehr schön an. Doch bald kam das wahre, tartarische Gesicht, von dem Napoleon sprach, zum Vorschein. Denn „hajehapohch kuschi ohroli“ würde ein Neger seine Hant nmwandeln? Hunderte von Juden in der Kriegszone wurden hingemetzelt, die anderen von ihrer Scholle vertrieben und so dem Hnngertode preisgegeben und viele andere entsetzliche Schandtaten verübt, Schandtaten, die „Juden" wie Lnzzatti und Georg Brandes rührten nnd ihnen flammende Proteste ablockten. Und nach solchen Greueln erdreistete sich Herr Sasanow, vor aller Welt zn behaupten, daß es eine Verleumdung sei, von russischen Pogromen zn sprechen, denn die Oesterreicher seien es, die Oesterreicher, die solches taten. Hier gilt das Dichterwort: Verbirg dich! Sünde und Schande bleiben nichl verborgen! Konnten wir aber einen Mann verstehen, der die Schande von seinem Vaterlande vergebens abznwälzen suchte, so erscheint es als Zennh der Schamlosigkeit, wenn der Zar aller Reußen in Gemeinschaft mit seinen Verbündeten jüngst einen geharnischten Protest gegen die Türken veröffentlichie, nnd zwar im Namen der Zivilisation gegen die Massaker an Armeniern, die die türkische Regierung angeblich verschuldet Hütte. Zivilisation und Massaker im Munde des Zaren! Ein Mann, der auf einem blutgetränkten Throne sitzt, ja, der einen Geburtsschein besitzt, mit dem man sich nicht in eine anständige Gesellschaft wagen darf, ein Manu, in dessem Reiche Jndenmasfaker alltäglich find, bringt es über sich, von Menschlichkeit nnd Zivilisation zn sprechen und gegen Massaker zu protestieren? Hier stinkls, Nachbarin, euer Fläschchen! Als besondere Fügung des Schicksals dürfen wir Juden die Tatsache betrachten, daß die Deutschen es sind, die an der Vernichtung der russischen Weltherrschaft so hervorragenden Anteil nehmen. Ist doch der Kampf der Deutschen in diesem Kriege so ähnlich demjenigen, den wir Inden stets gegen unsere Hasser und Neider zn führen haben. Bereits Goethe schien die Aehnlichkeit nnd die Mission beider Völker zu ahnen, indem er einst in einem Gespräche mit dem Kanzler v. Müller sagte: „Verpflanzt nnd zerstreut wie die Juden in alle Welt müssen die Deutschen werden, um die Masse des Guten ganz und zum Heile aller Nationen zn entwickeln, die in ihnen liegt." Und in der Tat trug nicht wenig der Neid und die Furcht vor der deutschen Konkurrenz zu diesem gewaltigen Bölkerringen bei. Wie man uns Juden die Bibel, die Propheten, die Psalmen und all die Reihe der Denker und Forscher, die wir im Laufe der Jahrhunderte der Welt geschenkt haben, gerne verzeihen möchte, nie und nimmer aber die Tüchtigkeit und Anpassnngsjähigkeit, die uns zn einem besonders gefürchteten Konknrrenzfaktor im Wirtschaftsleben machen, ebenso ergeht es den Deutschen. Als Volk der Denker und Forscher läßt man sie gerne gelten, als Konkurrenten im Kampf ums Dasein müssen sie mit Stumps und Stiel ausgerotlet werden. Mit welchen Mitteln

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