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Die Wahrheit · 1915-06-11 · Heft 22 (11.6.1915) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 22 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Beite 6 Die Wahrheit Nr 22. die Geschichte nicht kennt, gehört unstreitig zu jenen katastrophalen Plagen, „die in der Thora nicht verzeichnet sind." „Ascher lau kesubo besefer hathora hasos.“ Der gefährlichste Feind Israels war bekanntlich Amalek, der das durch wunderbare Begebenheiten, durch welterschütternde Ereignisse aus der Knechtschaft Egyptens, aus dem Barbarenhanse befreite Lolk. plötzlich, unversehens plötzlich, überfiel, um ihm den Garaus Machen zu können. Es ist daher kein Wunder, daß die Thora, die doch, wie männiglich bekannt ist. jede Rachgier streng verbietet, bezüglich Amalek eine Ausnahme machte, indem sie den Bekennern des Judentnmes einschärfte, Amaleks verbrecherisches Vorgehen stets im Gedächtnis zu behalten, nie zrl vergessen, welche Mittel er angewandt, um das freigewordene Volk uiederschmettern zu können. „Gedenke, was dir Amalek getan auf dem Wege, da ihr aus Egypten anszoget; wie er dich unversehens anfiel ans dem Wege und deine Nachzügler schlug, alle Schwachen, die dir nachfolgten, da dn müde, ganz erschöpft warst und fürchtete Gott nicht. Wenn nun dir der Ewige, dein Gott, in dem Laude, das er dir zum Erbe eingeben will, von allen deinen Feinden umher wird Ruhe verschafft haben, sollst d n das A n d e u k e n Amaleks a u s t i l g e n unter d e m H i m me l; vergiß es ja nich 1." Wie schwer muß also das Verbrechen des uralten Amalek gewesen sein, wenn die Thora, die jeden Haß und Groll, jede Rachgier und Verfolgnngsnicht entschieden perhorreszrert und nur Menschenliebe, Menschenverbrndernng lehrt und predigt, Israel zürnst: „Gedenke, was dir Amalek getan, vergiß es nie." Nichtsdestoweniger dürfen sich die modernen Diplomaten des verführten italienischen Volkes mit Stolz rühmen, daß sie, besonders in der List, Schlauheit und Tücke, den uralten Amalek weit überiroffen haben. Was mochte wohl dem Amalek Veranlassung gegeben haben, Israel zu überfallen? War es Ländergier, Eroberungssucht? Nichts von alledem. Israel war auf dem „Wege", wohnte in Baracken, nährte sich vom „Manna", war noch nicht im Besitze von Grund und Boden, wahrlich keine beneideus- und begehrenswerte Situation! Warum also wurde es dennoch von Amalek plötzlich angegriffen? Amalek war, wie alle Tyrannen der grauen Vorzeit ein entschiedener Feind der Freiheit, Aufklärung, Kultur, Bildung uud Zivilisation, denn ein freiheitsliebendes, aufgeklärtes Volk läßt sich nicht so leicht despotisch regieren. Da er aber, nicht mit Unrecht, der Befürchtung Raum geben zu müssen glaubte, daß durch Israels Lehre, die es am Sinai erhalten sollte, der Geist der Freiheit auch in die Schichten anderer Völker dringen würde, entschloß er sich rasch, uud zwar in dem Momente, wo es im Innern des israelitischen Volkes Zerklüftungen gab, in Refidim einzurücken, Israel in den Rücken zu fallen, es vollständig zu zertrümmern, damit es überhaupt nicht znm Sinai gelangen könnte. Nun, das war gewiß eine furchtbare Freveltat, die für ewig gebrandmarkt zu werden verdiente. Bemerkt muß jedoch werden, daß Amalek mit Israel nicht verbündet und daher ihm auch nicht zu Danke verpflichtet war. Weit verdammeuswerter hingegen ist das Vorgehen des modernen italienischen Amalek, der in heimtückischer Weise in der Stunde der Not seinem Verbündeten in den Rücken zu fallen sich erfrechte. Dreißig Jahre lang hat Italien sich im Dreibünde gemästet, seine Grenzen erweitert, seine Herrschaft ausgedehnt und seinen Einfluß vermehrt. Und mit welch schnödem, verächtlichem Undank hat es jetzt seine Verbündeten belohnt. Es hat einen ganz gemeinen Treubruch, der dem Eidbrnch gleicht, begangen. Diese schändliche Tat, die noch in späteren Jahrhunderten gebrandmarkt werden wird, kann unmöglich ungeahndet bleiben. „Denn, Gott läßt den nicht unbestraft, der einen Eid- oder Wortbrnch begeht." Dem italienischen Ministerpräsidenten Salandra wie seinem Kollegen Sonnino — Sausami ist der Name eines Dämons — kann es so ergehen, wie es einst einem gewissen Bar Talmion, von dem im Tatmud und Midrasch ein nettes Histörchen erzählt wird, ergangen ist. Bar Talmiön war ein äußerst schlauer Intrigant, besaß die Gabe, freuide Leute, die ihn von früher her nicht kannten, von seinem Vorleben keine Kenntnis hatten, derart zu täuschen, daß sie ihm ihr ganzes Vertranen schenkten und sogar die Ausübung religiöser Funktionen übertrugen. Einer dieser Getäuschten hielt ihn für so vertrauenswürdig, daß er ihm eines schönen Tages sein ganzes Vermögen, hundert Denare, zur Aufbewahrung übergab. Nach einiger Zeit kam dieser brave, würdige Mann zu ihm, nm sich die hundert Denare abznholen. Bar Talmion aber erfrechte sich, dem Manne ins Gesicht zu sagen, ich habe dir ja schon längst das Geld' zurückgestellt. Der Arme schrie, jammerte,-klagte, alles umsonst, der Schurke blieb dabei,, daß er ihm das Geld schon längst zurückgegeben habe. Die Angelegenheit kam vor Gericht und dteses nötigte den Bar Talmion, einen Eid zu leisten, wozu der Heuchler und Frömmler sich bereit erklärte. Am Tage der Eidesleistung nahm der Schwindler einen hohlen Stock, legte die hundert Denare hinein und schloß die Oeffunng mit einem Knopfe. Mit diesem Stocke versehen, ging er ms Gotteshaus, um dort den Schwur zu leisten. Zuvor aber ersuchte er den anwesenden Gläubiger, ihm einstweilen den Stock zu halten. Und so begann er seinen Eid mit den Worten: „Ich schwöre vor Gott, alles in deine Hände übergeben zu haben, was dn bei mir niedergelegt hast." Der Getäuschte und Betrogene war ob dieser unverschämten Frechheit so erbittert und aufgeregt, daß er mit dem Stock, den er noch in der Hand hielt, wiederholt auf den Boden schlug, so, daß dieser in Stücke brach und die Goldmünzen heransfielen. Der Eigentümer warf sich auf dieselben, um sie, die er sich ehrlich und redlich erworben hatte, einheimsen zu können. Tief beschämt ftuub der Entlarvte da und rief dem Getäuschten zu: „Wehe mir! Nimm nur; die Münzen sind dein, mir aber bleibt die harte Strafe, die ewige Schmach und Schande". Ja, Schmach und Schande möge die Verräter und Defraudanten, Verleumder und Ehrabschneider, Heuchler und Frömmler bedecken, damit die Welt von so vielen Ungetümen, die nur dazu da sind, heillosen Schaden anzurichten, gesäubert werde und das schreckliche Blutvergießen einmal ein Ende nehme, nach den Worten des Heldenweibes Deborah: „Ken joredu chol ojwecho Adonai." „Alle deine Feinde, o Ewiger! müssen so zu Grunde gehen; die ihn aber lieben, strahlen wie die Sonne hoch am Firmament!" Fr. Hnldignngskrmdgelttlngen anläßlich der Siege in Galizien. Anläßlich der Wiedereroberung von Przemysl hat der Vorstand der Wiener israel. Kultnsgemeinde an Seine k. u. k. Hoheit, den durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Friedrich, nachstehendes Telegramm gerichtet: „An Seine k. u. k.. Hoheit, den durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Friedrich, Oberkommandant und Feldmarschall, Hauptquartier. Unter dem überwältigenden Eindrücke der herrlichen, an die bisherigen großen Erfolge sich würdig anreihenden Waffeutat, durch welche die siegreichen verbündeten Truppen wieder in den Besitz der Stadt und Festung Przemysl gelangten, erlaubt sich der Vorstand der israel. Knltnsgemeinde Eure k. u. k. Hoheit zu bitten, die ergebensten Glückwünsche gnädigst entgegennehmen zu wollen. Die Judenschaft Oesterreichs ist stolz darauf, daß ihre Söhne, erfüllt von glühender Liebe für Kaiser und Vaterland, durchdrungen von der Gerechtigkeit unserer Sache, mit Hingebung und Todesverachtung unter Eurer k. u. k. Hoheit Oberbefehl in der Reihe ihrer Mitbürger für die Verteidigung des Vaterlandes kämpfen. Gottes Schutz geleite auch fernerhin unser glorreiches Heer zum endgiltigen Siege. Der Vorstand der Wiener israel. Kultnsgemeinde Dr. Alfred Stern, Präsident".

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