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Die Wahrheit · 1915-06-11 · Heft 22 (11.6.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 22 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. M. n. xrsAeint wenigstens ,gssunldert, wenn derjenige, der sie verübt, keine Vorstellung hatte von der Tragweite und Folgenschwere -seiner Wberlretung^.also .bloß ans Unwissenheit gesündigt hat, ohzwar ein Vergehen in jedem Falle ein Vergehen bleibt nutz,,Verurteilung und ^Bestrafung verdient. Dagegen fällt dse Schwerkraft eines! Verbrechens nmso gewichtiger in die WaNchale,^ wenn es. ohne jeden zwingenden Grund, ohne jede berechtigte Ursache und in vollkommener Kenntnis der Sachlage und Verhältnisse ausgeftthrt wurde. Seine Sündhaftigkeit nimmt noch zu und steigt, wenn es mit zynischer Kaltblütigkeit. und -mit wohldurchdachter, planmäßiger Berechnung angelegte wurde, «»1° seiner Wirkung den weitesten Umfang zn verschaffen. Das Verbrechen wird zur Ungeheuerlichkeit." wenn der Täter denjenigen, gegen welchen er es angestellt und an welchen er es verübt, in freundschaftlichen und verpflichteten Verhältnissen gestanden, so daß er noch Gutes mit Bösem vergolten hat. Und alle diese' belastenden Momente und noch mehr als diese allein, brandmarken den schmählichen Vertragsbruch und die fluchwürdige Pflichtvergessenheit, die die italienische Negierung und die sie unterstützenden Faktoren des italienischen Volkes verübt haben gegenüber der OesterreichischnUgarischen Monarchie. Denn das Bündnis, welches Italien einst mit unserer Monarchie geschlossen, war ein Bündnis mit einem Staate, dessen versöhnliche Politik und friedliebende Regierungsweise niemals eiueu Zweifel anfkommen ließ; es hat es geschlossen zum Zwecke der Sicherung seiner innern, wie äußern Entwicklung, welchen Zweck es auch tatsächlich im vollsten Maße erreicht hat; Italien hat dies Bündnis mehrmals erneuert, nach jedesmaligem zehnjährigen Bestände desselben, wodurch es selbst einbekannt hatte, daß die laugjährige Erfahrung und Erprobung ihm die Nützlichkeit des Bündnisses für seine staatlichen Interessen zur klaren Erkenntnis gebracht haben. Es hat dagegen das Bnudnss gebrochen in einer Zeit, als es sich am sichersten in seiner Existenz fühlte, hat es also gebrochen ohne allen Grund und Ursache; hat es auch gebrochen trotz der Vorteile, die ihm geboten wurden, selbst wenn es nur teilweise seinen Verpflichtungen nachgekommen wäre, das heißt auch ohne aktive Hilfeleistung für seinen Bundesgenossen, sondern wenn es nur wohlwollende Neutralität beobachten wollte; hat eS gebrochen in der Stunde, in welcher sein Bundesgenosse mit dem Aufgebote aller Kräfte für die Integrität seines Besitzstandes zn kämpfen gezwungen ist; hat es noch gebrochen in der Weise, daß es sich den Feinden seines Verbündeten angeschlossen, um demselben heimtückisch in den Rücken zu fallen, und trug gar kein Bedenken, zur Erreichung eines so ehrlosen Planes das Glück, Heil und Leben Millionen seiner Bewohner dem Moloch des Kriegsgottes zu opfern, dessen Verheerungen auch im besten Falle unermeßliche sind. Welche Worte wären stark genug, um die volle Schmachwürdigkeit und Entsetzlichkeit eines solch häßlichen Vertragsbruches. zit kennzeichnen und mit welcher Entrüstung und Empöruug muß das verletzte menschliche Rechtsgefühl seinem Abscheu Ausdruck geben über eine so ehrlose Handlung. Wer mag es zu künden, was jener alte Römer gesagt hätte, wenn er heute lebte und die ewig fluchwürdige Gesinnungslosigkeit und Niederträchtigkeit seiner Stammesgenossen mitangesehen hätte. Eine talmndische Legende will wissen, daß alle Tugenden und Laster, die in der Welt Vorkommen, derart verteilt sind, daß je ein Volk von einem derselben neun Zehntel besitzt, während der kleinere Rest im übrigen Kosmos sich vorsindet. So sollen z. Bdie einstigen Bewohner des gelobten Landes Neun Zehntel aller theologischen Weisheit besessen haben nnd nur ein Zehntel davon erlangten die übrigen Erdbewohner. Nenn Zehntel aller Zaubereiarten konzentrierten sich im alten Aegypten und nur ein-Zehntel verblieb für die ganze übrige Welt. Diese Liste könnte jetzt noch dahin ergänzt werden, daß neun Zehntel aller irdischen Treulosigkei die Italiener von anno 1915 sich zu eigen gemacht nnd nur ein einziges Zehntel für alle anderen Nationen übrig ließen. Denn völkerrechtswidrige Handlungen, Verletzungen von Menschenwürde und Sittlichkeit kamen nnd kommen auch weiter noch anderwärts vor, und besonders in den letzten Monaten haben wir in den Ländern der Staaten, die uns den Krieg anfgezwungen, Geschehnisse erlebt, die mit den Prinzipien und Grundsätzen der Zivilisation in einem diametralen Widerspruche stehen. Aber das Verbrechen des Vertragsbruches, wie es die italienische Regierung zu verüben sich nicht gescheut, übertrifft alles Dagewesene und stellt alle Vergehen und Ausschreitungen der Völker tief in den Schatten. Der Schandfleck dieser Untat wird auch den Fluch der Weltgeschichte als Weltgericht an den Namen der italienischen Regierung heften bis in alle Ewigkeit. Die Feinde der beiden Zentralmächte, die trotz ihrer Verworfenheit die Unmenschlichkeit ihrer Politik empfinden, suchen die Vorwürfe ihres Gewissens zu betäuben und daS Urteil aller Unparteiischen dadurch zu bestechen, daß sie fortwährend den Ruf erschallen lassen, den Krieg den sie führen, den führen sie im Namen der Zivilisation gegen die Barbarei. Der Terminus Barbaren, mit dem die alten Römer und Griechen alle fremden Völker und Stämme zu bezeichnen pflegten, ist aber ein Ausdruck, der die unmenschliche, zivilisalionswidrige Auffassung der Alten von der Würde und dem Werte der Menschen am deutlichsten offenbart. Die Völker der heidnischen Vorzeit, die an einen Polytheismus glaubten und Rangordnullgen bei ihren Göttern unterschieden, mußten konsequenterweise auch unter den Erdensöhnen höhere und niedere Nationen unterscheiden. Sie folgerten noch daraus, daß minderwertigen Völkern gegenüber auch die primitivsten Regeln des Rechtes und der Menschlichkeit verletzt werden dürfen. Die Auffassung der Menschen änderte sich aber, als sie den Monotheismus erkannten und hiedurch zur richtigen Erkenntnis gelangt waren, daß alle Erdensöhne Geschöpfe eines Gottes sind und Kinder eines Vaters. Die Konsequenz dieser Erkenntnis war, daß im Laufe der Zeiten die früheren Schranken und Scheidewände zwischen Bürger uud Bürger, zwischen Stand und Stand niedergerisseu und abgetragen wurden. Internationale Vereiniguligen, allgemeine Menschenliebe, ausnahmslose Freiheit und Gleichheit wurde die Parole aller zivilisatorischen Bestrebungen. Wenn aber heute unsere Feinde ihre Bestialitäten rechtfertigen wollen durch den Ruf des Kampfes der Zivilisation gegen die Barbarei, so ist es nichts weniger als ein eontradictio in adjecto. Denn die Zivilisation verbietet Rechtsverletzungen nnd Unmenschlichkeiten gegen welches Volk es immer sei. Aber wenn der Ausdruck Barbaren schon am Platze wäre, dann verdienten ihn gerade diejenigen, die mit ihm sich für ihr Vorgehen rechtfertigen wollen. Denn öffentliche Gewalttätigkeiten an Ausländern, Plünderungen von fremdem Gut und Besitz waren am meisten zu verzeichnen in den Städten Englands und Frankreichs und zuletzt auch in Italien. Von Rußland wollen wir gar nicht sprechen, denn die argen Bedrückllngen und Verfolgungen verschiedener Nationen und Konfessionen, die dort seit jeher vorgekommen sind und derzeit an vielen Orten dieses weitausgedehnten Reiches in neuerer häßlicherer Auflage verübt worden, haben immer den Protest und die Hilfeleistung der Kulturstaaten erforderlich gemacht. Doch in der Ausdrucksweise der Feinde der beiden Zentralmächte müßte man mit jenem Römer auch heute ausrufen: Es herrsche mehr Recht, Edelsinn uud Hochherzigkeit bei den barbarischen Zentralstaaten Europas als in den Ländern der Reiche, die den gegenwärtigen Weltkrieg angezettelt im Namen der Zivilisation! Sowie aber einst das verhaßte römische Reich von den Barbaren gestürzt wurde, so werden auch jetzt die heutigen Barbaren den Sieg der Gerechtigkeit davontragen über einerWelt von Feinden! M. H o r o w i tz. Der Trenbrnch. „Mein Volk! Deine Leiter führen dich irre." (Jesaias, 3.) Der italienische Trenbruch, dessengleichen, wie Seine Majestät der Kaiser in seinem Manifeste sehr richtig bemerkte.

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