Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 22 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 22. Wohl ergoß sich die barbarische Ruffeuflut über den größten Teil Galiziens, der Bnkowina und einen kleinen Teil Oberungarns, aber die kampffreudigen Kriegsschaaren Oesterreich und Ungarns konnten die weitere Ruffeninvasion am Karpatenkamm verhindern. Der Winterfeldzug der Jahre 1914/15 wird die österreichischen Ruhmesblätter der Kriegsgesch ichte bleibend zieren, denn die Truppen Oesterreich-Ungarns mußt n den Karpatengrenzwall unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen gegen einen an Zahl mehr als dreifach überlegenen Gegner durch mehr als 6 Monate halten. Unterdessen hatten sich die Deutschen und Oesterreich- Ungarn aber im Westen Russisch-Polens bis nahe an die Weichsel festgesetzt und auch vorübergehende Einbrüche der Ruffen in Ostpreußen änderten nichts daran. In allen Orten, wo die russischen Horden eintrafen, übten sie Mord, Brand und Raub an der unschuldigen Bevölkerung, kein Gesetz und keine moralische Forderung wurde beachtet und keine Frau und kein Mädchen war vor den viehischen Gelüsten dieser Barbaren sicher. Am schrecklichsten wüteten die Russen aber überall gegen die Inden, dieim Feindesland auf die gehässigste Weise für ihre Baterlaudstrene bestraft wurden. Schämt sich doch die russische Heeresleitung gegenwärtig noch nicht, alle jüdischen Einwohner als „Verräter und Spione" einfach zu vertreiben, ins Feuer des Gegners zu jagen, ans Grund vager Beschuldigungen zu hängen oder sonst dem grausamsten Hunger und anderen Qualen anszm'etzen. Aber auch die russischen Inden werden als Staatsfeinde behandelt, trotzdem von ihnen Gut und Blut im gleichen Maße wie von den anderen Russen geheischt wird. Eine teustische Grausamkeit liegt in der Tatsache, daß die russische Heeresleitung Juden als Geißeln für alle vorkommenden Berrätereien und Bestrafungen von Russophilen ins Innere Rußlands verschickt, wo ihnen der Tod angedrohl wird. Gefangene gegnerische Krieger wurden mit Vorliebe in den strengsten Wintermonaten nach Sibirien verschickt und gar mancher Kriegsgefangene ging auf diesem Wege durch Hunger, Kälte und Ueberanstrengnng elend zugrunde. Die englische und die französische Regierung errichtete gleich nach Ausbruch des Krieges für die fremden Zivilbewohuer Konzentrationslager, wo dieselben derart barbarisch behandelt wurden, daß die Insassen mancher solcher Gefangenlager wie z. B. auf der Insel Abbß zu verzweifelten Aufständen gebracht wurden. Als die versuchte Aushungerung Deutschlands und Oesterreich Ungarns den deutschen Unterseeboot-Krieg anslöste, wurde derselbe als barbarische Kampfweise verschrieen, trotzdem-Frankreich und Englandmit dieser Kriegswaffe vorangegangen waren. England drohte bekanntlich in seiner sinnlosen Wnt sogar, gefangene Unterseeboonnannschaflen als gemeine Mörder hängen zu lassen. Und der jüngste Denbrncb der beutegierigen italienischen Regierung wurde von allen Enteuteregierungen als „Blume der Moral" begrüßt und besungen und dieselben mühen sich ans allen Kräften, auch noch andere noch neutrale Staaten, besonders die Balkanstaaten, die noch nicht im Kampfe stehen, in den Krieg hineinzutreiben. Sie lechzen nach noch mehr Meuschenblnt, das für ihre Interessen fließen soll. Ist eine solche Denk- und Handlungsweise nicht barbarisch? Aber nein. Deutschland und Oesterreich-Ungarn, so wie das mit uns verbündete wackere Osmaneureich, in welchen Reichen heute noch Tausende von Privatpersonen ans den Ländern der Kriegsgegner unbehelligt weilen, wo die Kriegsgefangenen, trotzdem dieselben bereits eine Million weit überschreiten, genau so gnt wie einheimische Soldaten untergebracht und verpflegt werden, wo der Gemeingeist und die patriotische Opferwilligkeit heroische Erfolge feiern, müssen nach dem Wunsche der Ententediplomaten, die offenbar an moral insinity unheilbar erkrankt sind, die Heimat der Barbaren vorstellen. Diese diplomatischen Massenverbrecher können wohl durch ihr wahnsinniges Vorgehen den Weltkrieg verlängern, sie können neue Ströme kostbaren Blutes in die Wege leiten, aber endlich wird auch der gegenwärtige Weltkrieg, der furchtbarste aller Zeiten, sein Ende finden. Die Lüge und die Heuchelei muß dann wieder sieghaft von der Wahrheit verdrängt werden und die Welt wird mit Scham und Schaudern erkennen, wo sich die modernen Barbaren befinden und wie lange sie sich von den falschen Staatsberatern narren ließ. Wehe dann diesen falschen Propheten! Mit demselben Feuer, mit dem sie heute noch von der geuasführten Menge umjnbelt werden, werden sie dann zur Rechenschaft gezogen und einer furchtbaren Rache überantwortet werden, der Rache der Weltgeschichte, welche sie in ihrer wahren, häßlichen Nacktheit enthüllen wird! R. L. Rom und die Karbinrn. Am Hofe des Hnnnenkönigs Attila hat einmal ein vornehmer Römer den bedeutsamen Ausspruch getan: „Es herrsche mehr Recht und Sicherheit bei den Barbaren als in Rom trotz seiner ausgezeichneten Gesetze." Daß es dem Sprecher dieser Worte ganz fern gelegen war, die sittlichen Zustände bei den Hunnen zu verherrlichen, wird wohl niemand bezweifeln, denn die ans den Steppen Mittelasiens ansgezogenen und in die Tiefebenen Panoniens eingedrnngenen Völkerscharen übertrafen durch ihre Wildheit, Rohheit nud Unbändigkeit alle anderen von der Kultur des Altertums unberührt gebliebenen Stämme noch um ein Vielfaches. Ihre Raub- und Beutegier war so maßlos und unersättlich, daß sie sich mit allen ihren Nachbarschaften in ununterbrochenem Kriegszustände befanden, weil sie deren Gebiete unaufhörlich und nnablässtg mit ihren räuberischen Ueberfällen und beutegierigen Streifzügen heimsnchten und schädigten. Aus dem zitierten Anssprnche leuchtet aber der wohlbeabsichtigte Wille hervor, den ungeheueren sittlichen Niedergang und Verfall, in den die Bewohner der einstigen Weltbeherrscherin Roma hinabgesnnken waren, zu geißeln und zn verurteilen. Welch schreckliche Dimensionen muß öie moralische Fäulnis und rechtliche Verderbtheit bei den Römern angenommen haben, wenn ein Volks- und Stammesgenosse derselben die Denk- und Handlnngsweise der Barbaren höher wertet als die seines eigenen Volkes. Ein Römer hatte von den Barbaren gewiß keine besonders günstige Meinung. Und wenn er trotz alledem zn einer solchen Aeußerung sich veranlaßt fühlte, dann müssen die Gemeinheiten und Ausgelassenheiten seiner Zeitgenossen einen Tiefstand erreicht haben, der kaum noch zn unterbieten wäre. Nur ihren spätesten Nachkommen, beu Italienern von anno 1915 und insbesondere deren gewissenlosen und niederträchtigen Staatslenkern und Diplomaten war es beschieden, die schäm- und ehrlose Handlungsweise ihrer vor anderthalb Jahrtausenden lebenden degenerierten Vorfahren noch zn Übertreffen, durch einen flagranten Wort-, Treu- und Vertragsbruch, der seinesgleichen in der ganzen Weltgeschichte nicht findet. Wort- und Treubrnche, willkürliche und gewaltsame Interpretationen abgeschlossener Verträge kamen ja genug auch in jenen Zeiten vor, die der Auflösung und dem Falle des altrömischen Reiches vorangegangen waren. Hat doch nur das Schwinden des Rechtes und der Billigkeit, auf denen allein ein Reich bestehen kann, den Sturz des einst größten Weltreiches verursacht und herbeiqesührt. Aber jedes Vergehen, wie überhaupt jede menschliche Handlung kann erst dann richtig gewürdigt und beurteilt werden, wenn man genau die Motive kennt, welchen sie entsprungen ist und auch die Nebenumstände nud Begleiterscheinungen in Erwägung zieht, unter welchen sie vor sich gegangen ist. Eine gute Tat ist umso höher einzuschätzen und zu achten je selbstloser und uneigennütziger derjenige handelte, der sie ausgeübt, und wenn er das Gute nur um des Guten willen getan hat; sie verliert aber viel von ihrem Feingehalt, wenn sie nicht aus reiner Liebe zum Guten, sondern nur in der Absicht zu glänzen oder Lob und Anerkennung durch dieselbe zn erreichen, vollführt wurde. Ebenso wird eine Sünde verzeihlich und sühnbar, wenn sie nur ans Not und Verzweiflung, also znm Zwecke der Abwehr und Selbsterhaltnng begangen wurde. Sie