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Die Wahrheit · 1915-06-04 · Heft 21 (4.6.1915) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 21 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Nr. 21._Die Wahrheit Stunde unbekannt. Ein junges Mädchen wurde geschändet. Sjii Sainki wprden zwei Inden festgenlmunen nnd fortgeschleppt. Was yrit ihnen geschehen ist. weiß man nicht. Ans der Straße von Plock nach Bocanow fuhren zwei Inden. Unterwegs begegnen ihnen Russen, sie wurden verhaftet, drei "Tage hipdurch mißhandelt lind schließlich bei Bocanow anfgehäugt. Zlnfi dem Wege von Bolkow nach Sloczew wllrde ein jüdischer Handelsgehilfe und ein Selig Lachs ans Bolkow anfgegriffen und getötet. Sechs jüdische Kaustente ans Sulijow hatten in D.obrzylin Zucker gekailft und wollten ihn auf ihren Wagen nach Hanse fahren. Sie find nicht znrnckgekehrt, auf dem Friedhof in Lowicz liegen sie begraben. Die Russen haben sie unterwegs, getötet. In Sloczew wurde der Jude Helfant ans dem Hofe des Hausbesitzers K^upinsky anfgehäugt. weil er den Deutschen Proviant geliefert.hatte. Seinem Sohne sollte dasselbe Schicksal bereitet werden, es gelang ihm aber zn entkommen. ' Jit Lgdz wurde Abrain Simche Kohan an einem Freitag abends aus dem Kreise seiner Frau und zehn Kinder fortgeschleppt und getötet, der Klempner Meier Blechmann wird getö.tet, weil er angeblich ein Telefon beschädigt hatte. Ein dritter Jude Meilech Ellenverg, ein harmloser Stubengelehrter, wurde wegen Spionageverdacht eingesteckt, der auf die in seiner Wohnung gefundenen deutschen Zigarren gestützt wurde. Er wllrde zum Tode verurteilt, gefesselt an einen Baum gebunden und mußte dort in bitterkalter Dezembernacht ohne Mantel und wärme Kleider vierzehn Slnnden lang stehen bteibeu, gepeinigt von blutigem Hohn russischer Soldaten. Ein Offizier trat an ihn heran, faßte ihn an die Kehle und bemerkte kalt lächelnd: „Die wird den Strick schon anshalten." Mit großer Mühe gelang es noch in letzter Stunde einer Lvdzer Persönlichkeit den Unschuldigen vom Tode zu retten. In Kielce legte der Kommandant eines eingerückten Kasakenregilnenls den Inden eine Kontribution von 100.000 Rubel auf und, als zur festgelegten Stunde die geforderte Summe nicht hinterlegt lvar. bestimmte er für jeden weiteren Tag eine Extrastrafe von je 5Q00 Rubel. Derselbe Kommandant hielt in der ganzen Umgegend aufrührerische Reden gegen die Inden. So forderte er in der Kirche von Jarnow die Anwesenden zu Gewalttätigkeiten gegen die Inden auf, nach dem Kriege würden sie anch von der Regierung für diese Taten belohnt werden. Nur durch das Eintreten des dortigen polnischen Pfarrers wllrde ein Blutvergießen verhindert. - In Jerzow wurde Mordechaj Januschewitsch und Meilech Herschenberg anfgehäugt, zwei Inden werden vermißt. In Przesncha drangen die einziehenden Truppen in die Wohnungen der Inden ein, schlugen entzwei, .was sie nicht rauben konnten und schändeten Frauen und Mädchen. Am 20. Oktober kamen die Russen nach Sochaczew, nenn Tage hüben sie geplündert und mißhandelt, und kein Jude durfte sich auf der Straße sehen lassen. In Lowicz wurde ein achtzehnjähriger junger Mann, namens Salz, am 11. Oktober ans dem Weg vom Gottesdienst nach seiner Wohnung verhaftet. Später fand man ihn als Leiche außerhalb der Stadt. Die Russen hatten ihm den Schädel gespalten. Acne Siinagoscu-Mnstk. Verschiedene Ansichten über den Wert moderner und nlter Svnagogemnnsik, gewisse Empfindlichkeiten zwischen den einzelnen Komponisten uitb Anhängern becder Richtungen haben oft Werke von hohem Werte beiseite gehalten. Das Gefühl des Wahren uub Schönen sollte eigentlich auch den Horizont der kantoralen Kunst immer erweitern und allen Erscheinungen eine gute Aufnahme sichern, keiner Neuerscheinung die ehrliche Prüfung versagen. Ein unbekanntes Werk soll nicht verbannt werden, weil es neu ist,, ein altes nie zurückgestellt werden, weil es dem klassischen Repertorium angehört; Ueberteibung auf beiden Seiten ruft Zwist hervor und hemmt den Fortschritt. Persönlicher Ehrgeiz, Neben- Hnhlerei, besonders aber Nationalität, dürfen nie in die Wagschale geworfen werden, wenn es gilt ein Kunstwerk zu beurteilen — denn — hie Kunst kennt kein Vaterland. In meinem letzten Aufsätze habe ich den großen Wert der rein chasanischen Werke erläutert; das Bestreben, auch ans diesem Gebiete Neues zu bringen, scheint keineswegs erlahmt, tvir können zu unserer aufrichtigen Freude über zwei vollwertige Novitäten berichten. Da liegt zunächst ein imposantes Opus des 40 Jahrs an einer Gemeinde wirkenden Oberkantors Aerman« auS Böhm.-Leipa vor mir. Vor dem Titelblatts, das nits A1A Einzelnummern ankündigt, findet sich eine BorbesprechunA aus der Feder meines Vaters („Wahrheit" 1910); sie ist dem Werke ein wertvoller Geleitbrief.; Mit Bermann tritt uns ein ernstes Ringen und Arbeiten, eine' Lebensarbeit von chasauischer Intelligenz entgegen, die so mannigfaltiges bringt, daß trotz einer vorherrschenden Grnudstimmnng, die verschiedensten Parteien befriedigt sein werden. In äußerer wie innerer Gestaltung pendelt das Werk zwischen Baer-Friedmanu und Löwenstamm; in formaler Beziehung ähneln sich diese Werke, die Qualität der persönlichen Gestaltungskraft ihrer Autoren, scheidet sie aber erheblich voneinander. Bermann ist von feiner Art zunächst von seiner rnjsiichen Heimat n»«-d daiin von' vielen unserer großen Meister beeinflußt; sein Chaionns ist von glanzvoller Wirkung, ebenso die Steigerbeherrschnug, seinen Ehorthemen ist Knappheit, Geschick in der Etsuudnug und Erkennet» dessen nachzurühmen, was entwicklungsfähig scheint; der Komponist giebt immer, was ihm ails dem Herzen kommt, und solche Musik har bei aller Einfachheit die Kraft der Ueberzengnilg. Grübeln oder aufgebanschte Phrasen sind nirgends in seiner Arbeit zu finden,, daditrch erhält alles wohltuenden Fluß und die vier Chorstimmen führen eine ungezwungene, verständlich ruhige Uirterhaltnng, .der man in ihrer Klarheit gerne zuhöre» wird. Sehr bemerkenswert erscheint es mir, daß Bermann den Mittelstimmen oit ei» Solo (Tenor oder Kantor)'einfügt, das völlig ins Gewebe des vierstimmigen Satzes paßt und sich doch wirksam abhebt; formell musikalisch besehen, zeigt diese Eigentümlichkeit de» engen Anschluß an den kunstvoll gebauten Meschorrerim-' Gesang Rußlands. Harmonie, Rhythmus und die sonstige musikalische Einkleidung zeigen stets den feinfühligen Musiker, der mit unerschütterlich festem Arm vom Chase» gerührt wird Einige harmonische Freiheiten werden seichtem Zopftum gegenüber zu entschuldigen sein, andere kleine Errata bei der Vorzeichnung in den Steigerpiecen können vor der Drucklegung beseitigt werden. Bei gewissen Gebeten müßte die von Löwenstamm-München zuerst eingesührte Orgel wegdleiben. Eine Gemeinde, die beispielsweise den Mischeberach nach Jekllm purkon am Schabbos vom Chasen vortragen läßt, hat sicher keine Orgel, und wo letztere eingeführl ist, wird dieses Gebet längst eliminiert sein. Besser wäre das stilvolle »Zuhalten" des Chores an solchen Stellen. Möge Bermanns Werk mit seiner reichen Fülle chasanncher Kunst recht populär werden — der Amor verdient es! Im Gegensätze zu Bermanns Riesen-Opns, steht ein kleines, unscheinbares Heft von Oberkantor Golden berg- Lnndenburg; klein und unscheinbar im ersten Moment, doch wertvoll und interessant bei näherem Hinsehen. Der noch unbekannte Autor tritt mit einem musikalisch vollständig durch» gearbeiteten Jomkippnr koton, quasi als Konservator des jüdischen Chasonns ans; es genügt ihm keineswegs, die Intonationen der wichtigen Gebetstücke nur takttveise auzn» deuten — nein — er bringt alles, ohne Ausnahme, musikalisch gefaßt. Sieht man von dem pompösen Jomkippur koton Bachmanns ab, so ist Goldenberg der erste, der mit dieser lückenlosen Arbeit, feste Symptome einer selbstständigen Werkstatt dokumentiert. Dabei bleibt er konservativ im guten Sinne des Wortes; ebensowenig, als er in den chasanischen Jntonationeu die traditionelle Bahn verläßt, liebt er es, irgendwie neue Kombinationen zu bringen, er zieht überall das Gewiffe dem

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