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Die Wahrheit · 1915-06-04 · Heft 21 (4.6.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 21 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seile 6. Die Wahrheit Xr 21 werden sollte, wie z. B. das Kinderspital, die Anlage des neuen Friedhofes, den Ban unseres Hanfes in der Turnergasse, die durch den Krieg hiuausgeschoben worden sind; wohl aber die Hinausschiebung der Heizanlage im Tempel der Leopoldstadt und ähnliche Herstellungen. Mit der Frage, wie sich die wirtschaftliche Gebahrnng unserer Gemeinde im laufenden Jahre 1915 stellen wird, sich schon derzeit zu befassen, halte ich für unzeitgemäß und auch unpraktisch. Wir können nur Folgendes konstatieren: Wir haben in der Zeit vom 1. Jänner bis 30. April l. I. eingenommen an Kultussteuer: K 1.067.974-—, sind sonach gegenüber den Erträgnissen iu der gleichen Periode des Vorjahres um K 144.941 50 zurückgeblieben. In Friedhoftaxen haben wir in der gleichen Periode eingenommen K 309.531-—» und sind trotz der höheren Zahl der Beerdigungen gegegenüber der gleichen Periode des Vorjahres um K 23.134-— tut Rückstände. Schlachtgebühreneinnahme K 29.724-— zeigt ein Plus von L 10.800-—. Verpflegsqebühren int Spital Ausfall K 14.912'—. Trannngstaxen Ausfall K 16.492 —. Wir sehen sonach auf allen Gebieten sehr namhafte Ausfälle in den Eingängen, so daß wir — leider müssen wir uns darauf gefaßt machen — mit einem schweren Defizit zu rechnen haben werden. Wie wir dieses Defizit zu decken haben werden, muß einer späteren Zeit Vorbehalten bleiben. Bevor ich schließe, halte ich es für meine Pflicht, neuerlich die Hingebung unserer sämtlichen Beamten an den Dienst iu annerkennender Weise hervorzuheben und hiemit den ihnen gebührenden Dank zilm Ausdrucke zu bringen. Ich danke insbesondere allen Beamten der Buchhaltung, die mich in meiner heutigen Arbeit unterstützt haben. Ich beantrage die Annahme des Rechnungsabschlusses." Der Vorsitzende, Vizepräsident Dr. Gustav Kohn, bringt in Ergänzung des Berichtes zur Kenntnis, daß außer den im Referate erwähnten, durch den Krieg bedingten Ausgaben für Flüchtlinge, Soldaten und diverse andere Fürsorgeaktionen noch aus besonderen Sammelfonden für die galizischen Flüchtlinge bisher zirka K 50.000 und für die Wiener Notstandsaktion K 90.000 verausgabt wurden, die das Budget der Gemeinde nicht belasten Nach einer kurzen Debatte über eine Anregung des Herrn Dr. Heinrich Schreiber wird über Antrag des Herrn Dr. Jacob Engel die en 51oo-Annahme des Rechnungsabschlusses einstimmig beschlossen und hierauf dem Bndgetreferenten Herrn Vertreter Dr. Leopold Kohn Dank und Anerkennung für seine Mühewaltung votiert. * - * * Ans dem Einlaufe der Plenarsitzttug dürfte folgende große Nachlaßwidmnng von besonderem Interesse sein: Der am 26. April 1915 verstorbene Generaldirektor Arnold M a r e k hat die Knltusgemeinde zugunsten dreier Stiftungen zur Erbin seines Nachlasses eingesetzt. Nach Berichtigung der von ihm bestimmten Legate, sowie der Gebühren und sonstiger Kosten der Verlasseuschaft dürfte ein Betrag von etwa K 700.000 als Reinnachlaß verbleiben. Hievon werden für die zu errichtende Heiratsansst a t l n n g s st i f t u n g zirka K 350.000, für eine zu errichtende S t n d e n t e n st i f t n n g K 140.000 und für eine V e r w a n d t e n st i f t u n g K 210.000 zur Verfügung stehen. Mord- ,,»d Plunder,mgsznge der r " cu Soldaten gegen Inden. Die in Berlin erscheinende „Die Jüdische Presse", veröffentlicht einen dritten „offenen Brief" des Feldrabbiners Dr. A. Levy an „The Amerikan Hebrew" in New-Iork, darin heißt es unter anderem: ..Ich war vor kurzem in Kierniocia. Man führte mich dort in einen kleinen Garten. Es war der Garten des Ortstabbiners. Dreizehn frische Gräber waren dort aufgeworfen, Gräber von e r s ch l a g e n e n I n d e it, die von Russen niedergemachl und in Löchern verscharrt worden waren; nach dem Einrücken der Deutschen wurden sie exhumiert und in Kierniocia beigesetzt, wo ihre Gräber in ihrer stummen Sprache erschütternde Anklage erheben gegen russisches Barbarentum. In Lenczyka zogen in einer Novembernacht die russischen Soldaten raubend und plündernd durch die Straßen der Stadt. Als sie sich dem Hanse einer Familie Blum näherten, verriegelte deren achtzehnjährige Tochter die Tür. Ein Soldat schoß und zerschmetterte dem jungen Mädchen den Arm, der später abgenommen werden mußle. Ein iu demselben Hause wohnender Feldscher Abram Solne eilte zmn Arzt, um Hilfe zu holen. Er wurde, obgleich er als Mitglied des russischen Roten Kreuzes die weiße Binde trug, von den Kosaken verhaftet und unter Anklage der Spionage gestellt. In seiner Wohnung wurde indessen viel Geld, Gold, Silber und Kostbarkeiten geraubt. Seine Feau und Kinder, auch ein jüngerer Bruder wtlrden mißhandelt. Alts der Kommaitdatur sollte er seine Schuld durch Uikterschreiben eines ihm vorgelegten Schriftstückes bekennen und als er sich weigerte, wurde er geprügelt und eingesperrt. Am dritten Tage brachte man ihn, au Händen und Füßen gefesselt, nach Lodz, wo sein vom Kutnoer Etappenkommandanten verhängtes Todesurteil bestätigt und vollstreckt werden sollte. In der Umgebung des Lodzer Ortskommandanten' befand sich eine Dame, eine Französin, von der bekannt war, daß sie auf den Offizier großen Einfluß besaß. Die verzweifelte Frau des Verurteilten wandte sich an diese, und mlt Bitten und Beschivörung und einer Summe von tausend Rubel gelang es ihr, das Herz der Dame zu rühren, und der Feldscher wurde freigegeben. In Kutno wurden drei Jllden, Jsak und Abram Domanowicz und der vierzigjährige Witkowski, vom russischen Landrat verhaftet, weil sie die Deutschen bewirtet hatten. Nach Lowicz gebracht, wtlrden sie zu 50 Knutenhieben verurteilt. Einer der beiden Brüder wurde im Anschluß an die Exekution so schwer mit Blöcken mißhandelt, daß er am anderen Tage starb. Die beiden anderen entgingen diesem Schicksal dadurch, daß sie unangekleidet vom Richtplatz flüchteten. In der Nacht vom 11. zum 12. Oktober drangen fünf Kosaken in das dortige Bethaus ein, wo die Juden zum Gebet versammelt waren, schlugen die Scheiben entzwei und bedrohten die Juden, die entsetzt durch die Fenster flüchteten. Ein alter sechzigjähriger Lehrer erhielt einen Säbelhieb über den Kopf. Am 11. Oktober kamen die Kosaken in die Wohnung des einige fünzig Jahre alten Meilich Hirschberg, verwundeten ihn mit ihren Lanzen, und der Jllde wäre getötet worden, wenn er nicht mit 75 Rubel sein Leben freigekauft häkle. In Glowno wurden im November alle jüdischen Läden geplündert, die Inden mißhandelt und der Feldscher Abram Rosenberg mit seinen beiden Söhnen verhaftet. Der Rabbiner begab sich mit dem polnischen Octsgeiftlichen znm Kommandanten. um sich für die Verhafteten zu verweltden. Dieser wies ihn ab mit den Worten: „Wir wissen, was ihr Inden mit den Deutschen tut: ihr geht ihnen entgegen und behandelt sie wie Gäste." Nach einer halben Stunde war der nennundvierzigjährige alte Rosenberg tot, was mit seinen Söhnen geschehen ist. weiß man nicht. Am 6. Dezember kam eine Abteilung Tscherkessen, holte die in die Keller geflüchteten Jllden nebst Frauen und Kindern hervor und stellte sie zum Erschießen in Reih und Glied auf. Mit viel Mühe und Geld gelang es den Juden schließlich, das Unheil abzuwenden. Im Gombin, wo der Kommandant sich mit den Worten rühmte: „Mein Gericht ist nicht gerecht, aber schnell", wurde Ende November ein junger Mann namens Zelonka in der Stadt erschossen, drei andere, der dreißigjährige Klempner Holzmann, der zweiundzwanzigjährige Schneidergeselle Woidislawski und der vierzigjährige Lastträger Weingroß wnrdert verhaftet, auf dem Rückzug mitgeschleppt llnd unterwegs getötet. Ein zweinndzwanzigjähriger Pozuanski wurde festgenommen und weggeführt. Sein Schicksal ist bis zur 6

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