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Die Wahrheit · 1915-05-28 · Heft 20 (28.5.1915) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 20 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 20. Ferner rede ich vom 126. Psalm, dem erwähnten nationalen Hymus des alten Zion. Zion ist mir heute Alldemschland, „Wenn Gott doch bald zurückführte unsere Gefangenen". die nach der Heimat lechze» draußen in den entsetzlichen Konzentrationslagern weinen und schmachten in Not und Hunger, Kälte und Druck, die sich heimsehnen nach Weib uud Kiud, nach Vater und Mutter, nach.Braut und Schwester. Wie ist es ihnen zumute? Wie Träumen den, die der süßen Sehnsucht Traum träumen, lange, lange schon schmachtend im Süden oder in den rauhen sibirischen und nordischen Steppen und Einöden. Wir beten: „Kehret zurück, führe sie Gott bald zurück! Aber wir harren auch der Gewißheit ihrer Rückkehr. Denn mit jedem Frühling zieht der Landmann weinend aus, um die Saat aufs Feld zu streuen, aber mit Jubel kehrt er heim, wenn seiner Saaten Ernte volle Garben eiugebracht. „Die mit Tränen säen, sollen mit Freuden ernten". Das ist ein Volkslied geworden und fast jedes Kind singt es bei uns an jeder Festestasel „Selmhamaalot“. Endlich — wer da zweifelt am Siege der deutschen Waffen in diesem nie erlebten Völkerringen — er greise nach der Bibel und lese, was einst Haman geplant hatte: Ausrottung eines ganzen Volkes, der Männer und Frauen und Kinder — aus Haß und Rachsucht, ans unbeugsamer Hofsärtigkeit und in uubezwinglichem Größenwahn — und was geschah? Es wandte sich das Blatt und man erlebte die nie schlummernde Macht der Allgerechtigkeit über Unschuld und Sittenreinheit, erlebte den Fall der Unwahrheit, Bosheit Mtd Blutdurstes vor der Majestät der Wahrheit des Rechts, der Liebe und der Menschlichkeit — den Fall der Hamanitiät vor dem Siegesschimmer der Humanität. O. du meerunischlungene, bibelgläubige Schwester Britaunia, die du aus der Höhe der Kultur uns den Brotkrieg beschert hast und damit das liebe Kriegsbrot — greise nach der Bibel, bete und lerne: „Hungert den Feind, gib Brot ihm zu essen!" (Proverbia). Uud du teurer, treuer Bruderbund von Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Türkei, geeint in allen Stämmen, in allen Ständen und Kirchen, geeint, ob Christ, ob Jude, ob Muselmane — greife nach der Bibel, lerne und lehre: „Der dreifach gezwirnte Faden, er reißt nimmermehr." (Ecclesiastes.) So lehrt das Studium der Bibel im Kriege messianisch arbeiten und sich emporringen durch Nacht znm Licht, durch Träuensaat zur Freudenerute — per aspera ad astra! _, Zur Lage in Palästina. Heuschreckenplage. — Notstandsarbeiten. — Eruteaussichten.—Militärische Requisitionen. — Allgemeine Lage. — Not in den Städten. Mitte März sind in ganz Palästina, von Gaza bis Liberias, ungeheure Schwärme der Wa n d e r h e u s ch r e ck e n ausgetreten und haben sich überall, auch fast in allen jüdischen Kolonien, niedergelassen. Diese geflügelte Heuschrecke selbst richtet nur geringen schaden an, sofern sie keine Brut zurückläßt, die das Getreide vernichtet und die jungen Triebe der Bäume benagt. Von den jüdischen Kolonien sind Rechoboth. 'Wadi el Cbanrn, Bischon le Zion uud zum Teil auch Petihaeli Tikwah durch die Henschreckenbrut heimgesucht worden, von den Farmen des Jüdischen Nationalfonds bisher nur Benschemen und Hulda. Seitens der Regierung sowohl wie der jüdischen Kolonien wurden energische Mittel angewandt, um die durch die jungen Heuschrecken drohende Gefahr adzuweuden, und auch der Nationalfonds hat, um seine Pflanzungen vor schweren Beschädigungen zu bewahren, Geldmittel bewilligt. Ist der durch das Auftreten der Heuschrecken bisher verursachte Schaden auch nicht bedeutend, so leidet doch die Bevöllernng sehr unter der Steigerung der Weizenpreise, welche infolge der mit dem Erscheinen der Heuschrecken für später verbundenen Befürchtungen verursacht worden ist. Hundert Kilo Weizen, die zn Anfang des Krieges zum Preise von Frs. 20.— ans den Nationalfondsfarmen nach Jaffa verkauft wurden, kosten heute schon ca. 35 Frs. Selbstverständlich leidet die arme Bevölkerung in den Städten unter diesen hohen Brotpreisen außerordentlich. In etwas dürfte sich die Lage, inzwischen durch die Ankunft des Lebensmitleldainpfers aus Amerika gebessert haben, der Mitte Aprit in Jaffa eintraf und dessen Ladung u. a. 8000- Sack Mehl enthielt. . Die vom Indischen Nationalfonds mit leider einstweilen beschränkten Mitteln in Angriff genommenen Notstandsarbeiten beschäftigen auf desseit Farmen, abgesehen von den dort regelmäßig tätigen Arbeitskräften, 10 Personen in Benschemen, 30 in Merchawjah, und 40 in Kinereth. Leider wurde die vom Nationalfonds eigeleitete Notstandsaktion noch nicht in allen Kreisen genügend gefördert, um einer größeren Anzahl Arbeiter lohnende Beschäftigung zn gewähren. Der Stand der S a a t e u u u b d e s betreib eSin den Kolonien, der bis Ende Februar recht gut war, har sich inzwischen etwas verschlechtert, weil es in der. letzten Zeit in Palästina fast gar nicht oder nur sehr weniK geregnet hat. Im April sind jedoch in Jaffa und Umgegend, sowie in Galiläa starke Regen niedergegangen, fn daß anzunehmen ist, daß sich die Felder wieder erholen und ans eine Ernte gerechnet werden kann. Die militärischen R e q n i si t i o n e n, unter denen auch die Nationalfondsbetriebe im Anfang sehr litten, und bei denen ein Teil des Zugviehes nb.rhaupt weggenommen, ein anderer Teil für Militär-Transporte wochenlang verwendet wurde, haben seit einigen Wochen beinahe gänzlich anfgehört. Trotz der Requisitionen ist es in allen Farmen gelungen, das Pflügen der Felder, wenn anch teilweise mit einiger Verspätung, durchzuführen. In einigen N. F. Farmen waren einige Zeit hindurch viele Soldaten einqnartiert. Sie kampierten jedoch nicht in den Häusern der Kolonien, sondern in Zelten, nud ihre Beziehungen zu den Farmen, überhaupt , zur ganzen Kolonie, waren die denkbar besten. Das Militärkommando sorgte dafür, daß die Felder in keiner Weise litten und der Kolonie nicht der mindeste Gegenstand entzogen w u r b e. Im Laufe der Kriegsmonate hat sich die allgemeine Stimmnng unter den Juden Palästinas wieder gebessert. Auch in wirtschaftlicher Beziehung sind die Verhältnisse jedenfalls nicht schlechter geworden, teils weil erhebliche Geldbeträge ans Amerika eingetroffen sind, teils auch weil die Administration der Jca den Kolonien Kredite gewährt hat, und schließlich, weil es den Kolonisten selbst gelungen ist, wenigstens in beschränktem Umfange Wein und Mandeln nach dem Auslände zu verkaufen. Die Orangen ernte muß jetzt allerdings als gänzlich verloren betrachtet werden Die Frucht ist entweder überhaupt nicht von den Bäumen heruntergenommen worden oder wurde im Lande zu einem Preise, der kanm die Kosten für das' Abpflücken deckt (100 Stück für 2 q 30 Centimes), verkauft. Von der städtischen Bevölkerung leiden am meisten die armen Inden in Saffed, Liberias und in Jerusalem, d. h. also die Elemente, die auch in normalen Zeiten ihren Lebensunterhalt nicht ans eigenem Erwerb decken, sondern auf die Chalukkahspende von außen her angewiesen sind. Da diese Spenden jetzt nur kümmerlich einfließeu. so sind diese Leute ohne das Allernotwendigste geblieben. Hier wurden nun ans den Geldern des amerikanischen Hilfsfonds Brot und andere Lebensmittel gratis verteilt, Darlehen gegen Pfänder gewährt und anch Kredite zur Beschäftigung von Arbeitern bei Privatunternehninngen und Notstandsarbeiten hergegeben. Bisher ist so das Schlimmste verhütet worden. Trotzdem jetzt eine gewisse Konsolidierung der allgemeinen Verhältnisse eingetreten ist, wird die Lage doch immer kritischer werden, da die Krisis nun 8 Monate dauert, und die Bevölkerung bald ihre letzten Reserven verbraucht hat. ■_ Hietziuger Franenverei» inttt Schutze armer, verlassener Kinder. Dienstag, den 11. Mai 1915, fand im Saale des „Wissenschaftlichen Klub" die IX. ordentliche Generalver-

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