Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 20 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 7. >?ir. 20. Stunden" im Knrierhaus hielt, geben wir nachstehend einen Auszug, der die großen Gedanken der nachhaltig-wirkenden Rede kurz zusammenfaßt. - Eine ernste Studie in ernster Stunde ist das Thema: „Der Krieg in der Bibel und die Bibel im Kriege". Wie weit entfernt ist die Distanz zwischen „Krieg" und „Bibel". Krieg ist Appell an die Kraft, Bibel ist Appell an die Kraft rillet Kräfte. Der Krieg ist blutige Plage, Not, Hunger, Elend, Tod und Trauer in ihrem Gefolge; die Bibel ist die Postille des Friedens und der Beglückung und Beselignng des Einzelnen wie der Gesamtheit. Und doch gibt es kein -Erziehnngsbnch der menschlichen Seele, das voller wäre von Krieg als das Buch der Bücher. Warum? Wenn Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation und auch in seinen ^philosophischen Arbeiten den Krieg als notwendig hinstellt, so lange die Gründe für den Krieg nicht ans der Welt geschafft sind, die Bibel, die Schöpferin von „Du sollst nicht töten!" geht weiter: Die Gründe des Krieges liegen in der Leidenschaft, im bösen Triebe der menschlichen Natur. Leidenschaften aber zu bezwingen-, an Stelle der Selbstsucht Selbstzucht zll setzen, ist die Ausgabe jenes Buches, das die gesittete Menschheit als Gottes Didactica magna anerkennt. Zu diesem Zwecke wahrer Religion und Ethik mußte im Buche göttlichen Friedens dem weltlichen Krieg ein weiter Raum -zngestanden werden in der Geschichte, der Gesetzgebung, der Prophetie und Poesie der heiligen Schrift. 1. Die Geschichte macht uns vertraut mit dem Ringkampf der Völker seit Hamnrabi oder Amrafel der Genesis zur Zeit Abrahams, bis zur Pforte der syrisch-griechischen und römischen Geschichte. Von den Lehmgruben beim Sodomtale, die an die „masurischen Seen" unserer Tage lebhaft erinnern, bei denen vier Könige gegen fünf infolge treulosen Abfalles Krieg führen, berichtet die Genesis ebenso ausführlich, wie Exodus vom Druck Aegyptens und der Erlösung nach der Wasserschlacht am Roten Meere. Amalek kam und überfiel gewaltsam, grundlos ein friedliches, der Freiheit zustrebendes Volk, genau wie im Weltkrieg heute gewisse Nationen unser geliebtes Deutschland überfielen. An den Durchzug durch Luxemburg und Belgien erinnern die erbetenen Durchzüge im Emoritenlande; die Aufstände in Edom und dann in Moab und Midjan sind Züge der Unbrüderlichkeit, der Uumenschlichkeit und nnsittlichen Hinterlist. Ueberall, wie auch in den Kriegen Josilas. in der Richterperiode und in der geeinten und geteilten Königsepoche steht im Mittelpnnlte die Theokratie, d. i. die Herrschaft Gottes und die von ihm begründete Moral. Der Krieg, hervorgernfen durch Beleidigung der Gottheit und der Moral, ist ein heiliger Krieg. 2. Die Legislative der Bibel befaßt Zählung und Einstellung der zwanzigjährigen Krieger, die Lagerung nach Fahnen und Stämmen, die Manneszucht nach Vornahme der Kriegsdienste, den Ruf des Feldpredigers und Priesters über das Verhalten dem Feinde gegenüber im Pflichtkrieg und im Willkürkrieg. Sie weist die Regel an für das praktische Verhalten, sie stellt Mut und Begeisterung als Conditio .sine qua non, als das Notwendigste im Kanrpfe hin, daher, „um nicht verzagt zu machen, der Brüder Herzen" gehe der nicht in den Krieg, „der ein Haus gebaut und es nicht eingeweiht, einen Weinberg gepflanzt, ohne die Lese zn halten, -ein Weib sich angelobt ohne es heimznsnhreu!" Charakteristisch ist in der Deuteronomium-Gesetzgebung das Königsgebot, er mehre keine Rosse,Kleine Frauen, kein Silber und Gold. Tierische Grausamkeit. Sittenversall, Gewinn- und Habgier sind gegen das Bibelideal. Ihm entspricht aber der König, der die Abschrift der Bibel bei sich führt und Gott ehrfürchtet und sich nicht überhebt über seine Brüder. Solches Ideal verkörpert unser Kaiser Wilhelm II. 3. Was die Prophetie betrifft, so bildet sie den sittlichen Willen durch die Vorbedingung des Strafgerichtes für die, die Unrecht, Lüge und Bosheit gesät; das bedeutet, „Der Tag des Herrn", der sicherlich kommen muß. Der Heilige ist Her Herr des Krieges gegen das Schlechte in der Welt bei hoch und niedrig, sowohl in Israel wie außerhalb Israels. Aber derselbe Jesaias, der in die Stnrmposaune dieses Gottesgerichtes stößt, er ist der erste, der die messtanische Zeit der allgemeinen Welterlösung und des Bölkerfriedens in klassischerer Darstellung geschildert, als es die Suttner getan oder die Schöpfer der Haager Weltfriedenskongresse. „Sie sollen den Krieg nicht lehren, sie sollen die Schwerter znr Pflugschar wandeln". Wohl, aber erst „grase der Wolf neben dem Lamm", erst muß „Gerechtigkeit und Liebe und edle Gotteserkenntnis die Erde erfüllen", kurz: Die Herrschaft des ethischen Willens. 4. Und die Poesie des Krieges in der Bibel — sie ist eine Erzieherin des edelsinnigen, warmen Gefühles in der Menschenwelt, ohne die ein sittlicher Wille nie zum Durchbruch gelangt. Man lese die zu Gebeten gewordenen biblischen Lieder eines Moses, eines Davids, eine Debora und Hanna. Man lese die zu Volksandachten gewordenen Psalmen, von denen, wie einst der selige Graf Waldersee, als ich ihm meine „Psalterego" überreicht hatte, schrieb: „Ich lese alltäglich den Psalm, der meinem Gemüt entspricht und für jede Genlütsstimmung gibt es einen Psalm." Wie die patriotischen Volkslieder Deutschlands, so sind gewisse kriegerischen Geist atmende Psalmen, wie Psalm 144 und 126 — letzterer der Lieblingspsalin des hochseligen Kaiser Wilhelms I. — richtige Volksgesänge geworden. Der Krieg in der Bibel übt sonach einen pädagogisch bedeutsamen Einfluß ans auf Religion und Ethik und fördert sittliche Tat, sittlichen Willen und sittliches Empfinden. Die Bibel im Kriege hinwieder halte ich für das modernste Literatur werk. Unsere ernste, große Zeit bedarf des Trostes und der Allfrichtttug in Gott. Der kämpfende Joina hatte die Schlacht gegen Amalik ohne die bis zum Sonnennntergang hochausgerichtete, znm Gebet gefaltete Hand Moses nicht gewonnen. Die Verzagtheit angesichts der an Zahl weit überlegenen Feinde wird gebannt im Hinblick ans die Devise der alten Makkabäersahne: „Wer unter den Mächten ist. Ewiger, Dir gleich." Die Bibel zur Hand, wenn es an Mut gebricht in Anbetracht der feindlichen Millionenheere, der Myriaden Lügen und hinterlistigen Tücken — David besiegt einen Goliath — und was Zacharias ausgesprochen, heute ist es wieder Wahrheit geworden: Nicht durch Machtsülle und nicht durch äußere Kraft, sondern durch meinen Geist, d. h. durch Begeisterililg für die göttlichen Ideale, wie Vaterlandsliebe und Treue für Kaiser und Reich, ist der Sieg zu erringen. Die Bibel im Kriege weift hin auf die Solidarität, auf die Einheit des ganzen Volkes als Wurzel der Begeisterung und des Kraftgefühles. Zwietracht und Parteiung führten stets znm Verfall, wie sie Davids Thron wankend gemacht zu Ende der Regierung Salomos. Einer für alle und alle für Einen! Das lehrt die alte Estherrolle, ans der die Worte Esthers, ich und mein Volk, mein Volk und ich sind eins, uns heute warm aumnten; sie klingen wie das herrliche deutsche Kaiserwort an das ganze, geeinte deutsche Volk. Roch aus drei Punkte möchte ich Hinweisen, die uns die Erhabenheit des Gedankens der Bibel im Kriege unserer Tage darlegen. In Psalm 144, der am Schluffe jeder Sabbathfeier und zu Beginn jeder Woche bei uns gesungen wird, ist zu lesen: „Sende deine Hand von der Höhe, rette mich von großen Gewässern und von der Hand der Barbaren, deren Mund voll ist der Falschheit und deren Recht die Lüge ist — der du gibst Sieg den Königen, der du David hast erlöst von dem Schwert des Bösen!" Wahrlich, wir bedürfen auch heute des göttlichen Beistandes im Höhenkampf, den Luftkriegen unserer Flieger, in den Untersee- und Seeschlachten der großen Gewässer und auf dem Festlande gegen die Fauste von rohen Gewalthabern, die außer Brutalität und Härte die unglaublichsten Lügen großsprecherisch als heilige Wahrheiten verbreiten. Aber der Gott der Wahrheit bringt den vereinigten Königen, geschmückt mit den Jdealblüten eines David, den Sieg, den Monarchen Deutschlands, Oesterreich- Ungarns und der Türken — die Erlösung vom „Schwerte des Bösen".