Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 20 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Die Wahrheit Seite 5. unserer Glaubensgenossen einen der Lichtblicke in den Ereignissen' dieses Jahres bilden wird. Er regt an, daß Lefefäle für die jüdischen Flüchtlinge eingerichtet werden, wodurch buch Gelegenheit gegeben wäre, auf die nach jüdischem und ällgemeinem Wissen strebenden Inden kulturell einzuwirken. 1! Herr M. Baum fragt an^ warum die statutarisch vorgeschriebenen zwanzig Beiräte nicht gewählt wurden; ob da nicht eine Unterlassung seitens des Sekretariates vorliege. Der Vorsitzende Ministerialrat Kuranda bemerkt mit bezug auf die gegebenen Anregungen, daß eine Organisation der galizischen Judenheit nicht von außen in dieselbe hineiugetrageu werden könnte; sie müßte sich von innen heraus bilden. Die Idee der Schaffung von Lesesälen sei bereits im Vorstände erwogen worden, er würde sich mit derselben noch befassen. Die Wahl der Beiräte, welche allerdings nach statutarischer Vorschrift hätte stattfinden sollen, falle in die Kompetenz des Vorstandes. Von einer Unterlassung seitens des Sekretärs könne nnmso weniger hiebei die Rede sein, als gerade Herr Dr. Kaminka seit Jahren die Ergänzung des Beirates nrgiere. Durch die außerordentlichen Verhältnisse ist es im verflossenen Jahre nicht dazu gekommen. Der Jahresbericht und die Bilanz pro 1914 wurden hierauf einstimmig genehmigt. Ans dem Berichte ergibt sich, daß der Bereit«, was die Kriegshilfsaktion betrifft, für die Repatriierung russischer Glaubensgenossen, für zurückgebliebene jüdische Emigranten und zahlreiche andere Hilfszwecke größere Beträge verwendet hat. Die Fürsorge für die galizischen Flüchtlinge als Ergänzung der staatlichen Fürsorge und der durch zahlreiche Vereine und spezielle Komitees in Wien und in allen jüdischen Gemeinden gebotenen Hilfe erforderte bis zur Abfassung des Berichtes bereits über K 300.000 Eine übersichtliche Tabelle gibt Aufschluß über die Zahl der in Böhmen, Mähren und anderen Kronländern nntergebrachten Flüchtlinge, die von den Hilfskomitees selbständig aufgebrachten Mittel und die von der Allianz bis jetzt gewährten Subventionen. Unter den Nachrichten über das Vereinsvermögen und Verwaltung gedenkt die Vereinsleitnng in warmen Worten des Wohltäters und begeisterten Freundes der Israelitischen Allianz, Herrn Jakob Adler, der seinen gesamten beweglichen Besitz der Israelitischen Allianz testiert hat, bestehend ans dem Gute Kossuth in Ungarn und einer Villa in Baden. Der Bericht hebt es gerade in der gegenwärtigen Zeit als leuchtendes Beispiel hervor, daß der Hingeschiedene als hochherziger Jude und Menschenfreund seinen Besitz gerade der Israelitischen Allianz hinterließ, welche dem gesamten Jndentume in seiner historischen Weltstellnng und den aus der ethischen Solidarität unserer Religionsgemeinschaft auf dem ganzen Erdenruude entspringenden Aufgaben ihre Anfmerksamkett widmet. Bei den hierauffolgenden Wahlen wurden über Antrag des Herrn Dr. Kapralik die turnusmäßig ansscheidenden Vorstandsmitglieder Dr. Wilhelm Ritter v. Gutmann, Oberrabbiner Dr. Moritz Güdemann, Wilhelm Pappenheim. Ferdinand Bloch und Michel Benies per Akklamation wiedergewählt. Die „Agndas Iisroet" im Weltkriege. Der Krieg hat die Agudas Jisroel-Organisation vor große Aufgaben gestellt. Die eherne Notwendigkeit, die einen engen Zusammenschluß aller an den überlieferten Idealen festhaltenden Inden und damit die Gründung dieser Organisation zür gebieterischen Pflicht machte, zwang die Leitung der Aguda und ihre Organe an die Durchführung größerer philantropischer Unternehmungen heranzutreten, zn einer Zeit, da sie nach dem normalen Laus der Dinge sich in der Hauptsache der Ausgestaltung ihres organisatorischen Gerüstes und der Sammlung ihrer inneren Kräfte hätte widmen sollen. Die für den Monat August 19,14 geplante „Kenessijoh gedaulöh“ als Kundgebung der Zusammengehörigkeit der durch die Thora Geeinten mußte plötzlich abgesagt werden. Statt dieser Kundgebung jedoch forderten die Kriegsereigniffe von der Organisation Taten, die den Agndagedanken wenigstens teilweise verwirklichen sollten. Im Geiste dieses Agndogedankens bewegte sich denn auch die Tätigkeit der Agudo seit Ausbruch des Krieges. Sie war im besten Sinne des Wortes eine Hilfstätigkeit. Galt es in den ersten Wochen den zahlreichen in deutschen Kurorten vom Kriege überraschten Glaubensgenossen mit allen verfügbaren Mitteln — sei es durch Unterstützungen, sei es durch Darlehen — helfend beizusteheu, so nötigte der Verlauf des Krieges die Organisation, außer der Hilfe für die durch den Kriegsausbruch in Bedrängnis Geratenen recht bald ein ausgedehntes Hilfswerk einzuleiten für diejenigen, die infolge de.r Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen ihren Erwerb, ihr Hab und Gut verloren und bis zum Wiedereintritt geordneter Verhältnisse auf tatkräftige Unterstützung der Gesamtheit angewiesen sind. Diese Hilfsaktion erwies sich umso dringender, als der östliche Kriegsschauplatz sich über ein Gebiet ausdehnt, das von Inden dicht bevölkert ist, wie kein zweites in Europa. Galizien wurde von den Russen besetzt. Die Juden wußten aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, was es für sie bedeutet, unter Rnssenherrschaft zu leben. H n n d e r t t a u s e n d e zogen es vor. sich der Not und der Mühsal des Flüchtliugslebens auszusetzen und traten die Wanderschaft an, froh, das nackte Leben vor den Huligaus gerettet zu habeu. In dem okkupierten Teile Russisch-Polens fanden die einziehenden deutschen Truppen in Hunderten von Gemeinden dre jüdische Bevölkerung in größter Not vor. Die vor den siegreich vordriugenden deutschen imd österreichischen Heeren ausgerückten Kosakenhorden fanden vor ihrem Abzüge uoch Zeit genug, um Väterchens „lieben Juden" ans ihre Weise Lebewohl zu sagen. Gemeindeleben und Gemeiudeinstilutiouen sind zumeist aufgelöst und bedürfen tatkräftiger Förderung von Seiten der Hilfsorganisationen, um wieder aufzuleben. Auch im Heiligen Lande trat große Not ein und es mußte auf Abhilfe gesonnen werden. Die Agnda-Leitung veranlaßte die Gruppeuverbände von Deutschland und einigen n e u t r a l e n Staaten unter ihren Mitgliedern und Freunden eine Sammlung zn veranstalten, um die erforderlichen Geldmittel zu erlangen. Das bisherige Resultat der Sammlung des Grnppenverbandes in Deutschland und ebenso das des Schweizerischen Landesverbandes kann als durchaus befriedigend bezeichnet werden. Dadurch wurde die Leitung in den Stand gesetzt, den Bedrängten die „erste Hilfe" zn leisten. Die weiteren Ergebnisse der im G a n g e befindlichen Sammlungen werden hoffentlich der Organisation die Mittel an die Hand geben, das begonnene H i l f s w e r k gedeihlich f o r t z u s e tz e n. lieber das bisher Geleistete sind wir in der Lage, im Einzelnen folgendes zn berichten: Galizifche Flüchtlinge. Die Aguda begann ihre Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge vor dem Pessachfeste. Nach den Feststellungen des Herrn Fabrikanten G r ü n b a u m - Nürnberg, der im Aufträge der Leitung nach Wien reiste, um gemeinsam mit der gegenwärtig dort domizilierenden galizischen Landeszentrale die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, bestand für viele Tausende die Gefahr, während des Pessachfestes ohne Mazzes zu bleiben. Nach unsäglichen Mühen war es in letzter Stunde noch ermöglicht, ein Mindestquantum der erforderlichen Mazzes herbeizufchaffen. Hiefür allein wurden mehr als X 32.000.— verausgabt. Auch wurde durch Subventioniernng von Volksküchen und direkte Nute r st ü tz u n g einzelner im tiefsten Elend befindlichen Familien vielfach dazu beigetragen, die Not zu lindern. Hand in Hand mit dieser Aktion wurde von Seiten verschiedener befreundeter F r a n e n v e r e i u e und der Agud a-Mäd ch eng r uppen im großen Maßstabe eine Kleider- und Wäschefammlnng eingeleitet. Auch