Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 18 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063862-3063880--09579-3076843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
cheltr 6 , , Nr 18 Nur eiux Nenheit, nur 'ein geändert esBild,hatte ihrevpllste Ueügierdxattgkregt, ihre/ ganze Wfinerksanlkeit gefksselt, nämlich das Bild -der Tempel -Mt ihrem reformierten Gebetritns, die! sie her ihre« Brüdern des Westens nun :wohl Lum erstenmale näher kennen zu lernen - Gelegenheit hatten, denn. hie ernsten' Zeiten führen den Menschen härrfiger als sonst-zur geweihten Gottesstärte, um da in Gebeten und in frommen Ergüssen der Seele Trost, Hoffnung und Stärkung zu suchen und.zn finden. Und deswegen mußte das neuartige Gotteshaus mit' seinen abweichenden Formen und -Einrichtungen die'neuen Besucher desselben mit besonderer Neugierde erfüllen. Während' sie nun aber begierig fragten, woher denn all diese Neuheiten! stammen, wer überhaupt der Vater dieser Reformen sei, wollte es der Zufall, daß gerade jetzt in dieser ernsten Zeit, am 18. März 1915 zum fünfzigsten Male der Todestag sich jährle, welcher der Schöpfer des reformierten jüdischen Gottesdienstes war und daß aus diesem Anlasie Feierlichkeiten veranstaltet wurden, die der neuerlichen Verherrlichung desselben dienen sollten. Im Seitenstettentempel wurde eine Andachl, im Sitzungssaale des Wiener israel. Kultnsvorstaudes eine Versammlung abgehalten, wobei Oberrabbiner Doktor Güdemann und Kultuspräsident Dr. Stern nochmals in Erinnerung brachten, daß das Verdienst, den reformierten jüdischen Gottesdienst in Oesterreich eingeführt und jüdischen Glauben und jüdisches Volk in Oesterreich zu Ansehen und Anerkennung gebracht zu haben, dem seligen Jsak Noa Mannheimer gebührt. welcher der erste Prediger und Religioslehrer der Wiener israel. Knltnsgemeinde war. Während aber die beiden erwähnten dem Andenken Mannheimers dargebrachlen Huldigungen nur in engen, für eine beschränkte Zahl vou Besuchern bestimmten Räumen sich abspielten, erschien gleichzeitig zur immerwährenden Glorifizierung Mannheimers vor der großen und weiten Oeffentlichkeit eine Monographie desselben in zweiter, erweiterter Auflage, im Verlage vou R. Löwit, Wien, verfaßt und herausgegeben vou Dr. M. Rosenmaun, Rabbiner und Prediger zu Wien, in welcher das Leben und Wirken Mannheimers in überaus geschickter und meisterhafter, geist- und gehaltvoller Weise so anziehend und ehrfurchteinflößend geschildert wird, daß mit derselben der Verfasser dem seligen Toten ein Denkmal gesetzt hat, welches gewiß dauerhafter bleiben wird, als irgendein Monument ans Erz und Stein. Gleich den vielköpfigen Tiergestalten in der prophetischen Vision Jecheskels wird ilus da die erhabene Persönlichkeit Mannheimers m vierfacher Gestalt vorgeführt und jedesmal anziehend großartig und bewunderungswürdig. Zuerst sehen wir ihn als Religionslehrer und Reorganisator des Gottesdienstes tätig sein, hierauf tritt er uns entgegen als Philanthrop und Wohltäter, später wieder erscheint er als kluger Staatsmann und Politiker und schließlich läßt der Verfasser durch den Anschluß von sechs Briefen Mannheimers lins selbst ahnen und empfinden dessen anziehende Gestalt als Gatte und Vater. Diesen vierfachen Gestalten wollen wir unsere Betrachtung zuwenden und dieselben auf den Gebieten ihrer jeweiligen Wirksamkeit begleiten. Im Jahre 1825 kommt Mannheimer nach Wien, wohin er. als Religionslehrer imb Prediger berufen wurde. Die jüdische Gemeinde daselbst befindet sich in einem Zustande vollständigster Labilität. Ihm fällt nun die hohe und schwere Aufgabe zu, alles zu reorganisieren Und dabei die Einheit und den Frieden der Gottesgemeinde herznstellen und zu festigen. Mit dem Bewußsein der größten Verantwortlichkeit tritt Mannheimer au das Reformwerk und schafft einen Ritus — noch jetzt nach ihm benannt — der bei voller Bedachtuahme auf die Forderungen der modernen Zeit auch die Lehre und die Tradition sehr pietätvoll berücksichtigt; er unterläßt die Einführung der Orgel und vermeidet die Ausschaltung der „Gebete um Zion", trotzdem beides anderswo geschehen ist. Der dänische Stürmer und Dränger von einst hat sich selbst vergeffen. die Ideale seiner Jugend - anfgegeben und mit feinfühlendem, psychologischem Empfinden sich hineinverfenkt in die Stimmungen und Gefühle der verschiedenen PärtixieN feiner Gottesgemeinde, i nM die Resultierende zu : konstruieren, welche' die Gefühle, Wünsche und/Zielea l t e t* in sich vereinigt und darstellu Daher auch der Erfolg, der : befchieden war nnd daher die Anerkennung, die er sich er-- worben, bei allen und bei jedem. - /w; -; > Kaum war das: Reformwerk vollendet, als: sich Mann- 7 heimer der sozialen Tätigkeit znwendetr > Seinv-aneiferndes - Wort findet einen mächtigen Resonanzböden inder schaffensfrohen jüdischen Gesellschaft und Verein ans Verein schießt in die Höhe. Der Verfasser, nennt eine ganze Reihe hnmani- - tärer Institutionen, die von 1839 bis 1861 ^entständen oder erweitert worden sind. Ueberall war Mannheimer aneifernd oder mitlälig. Dieser letzte Zug, auch das eifrig zu fördern und zu unterstützen, was andere vor ihm oder neben ihm. geschaffen, hebt Mannheimers milden Sinn und edlew Charakter ganz besonders hervor. Er sehnt sich nicht nach dem Ruhme des Initiators und Gründers, er trägt kein Verlangen, Lob nnd Ruhm zn ernten für sein Tun, sondern sein Sinnen nnd Wünschen geht dahin, daß nach Maßgabe der Kräfte allen Ständen und Klassen geholfen, daß alle unterstützt werden. Deswegen ist er ebenso dafür besorgt, den. Armen und Notleidenden Hilfsquellen zn schaffen als auch die Interessen der Reichen und Besitzenden zn schützen, indem er häufig für sie vorspricht bei der Negierung und für sie sich verwendet bei Behörden und hohen Persönlichkeiten. Niemanden schließt seine Wohltätigkeit aus. Vor seinem Auge schwebt allezeit das Wort.des Talmudweiseu. welches lautet „In drei Stücken übertrifft Wohltätigkeit die Mildtätigkeit: diese übt man mit seinem Gelde, jene mit eigener Person; diese nur gegen Arme, jene auch gegen Reiche; diese nur gegen Lebende, jene auch gegen Tote."; Ja, auch gegen Tote! Zur Zeit, als Mannheimer! seiner Pflicht Genüge leistet als Seelsorger an den Särgen. der beiden gefallenen Helden, die am 13. Marz 1848 im Kampfe für die Freiheit den Tod gefunden haben, findet er - die schönste nnd beste Gelegenheit, das Ansehen seines Volkes zu heben. Von dem Grabeshügel weg, an welchem er für . das Seelenheil der toten Brüder betet, wendet er sich alsbal.d hin zn der begeisterien Menge nnd spricht mutige, eindring- . liche und weithinschallende Worte für seine lebenden, aber unterdrückten Volksgenossen und gewinnt für sie die Sympathien der christlichen Mitbürger. Packend nnd ergreifend muß dieses Bild gewesen sein, zn sehen den jüdischen Seelsorger an die buntgemischte Volksmenge sprechen und von allen gehört und! bewnndert zu werden. Sein taktvolles nnd kluges Auftreten hat auch mit Blitzesschnelle den Ruf verbreitet von Mannheimers Größe nnd Talent als Politiker und alle schenkten ihm ihr uneingeschränktes Vertrauen. De Wiener, die ihn ans der Nähe zu bewundern Gelegenheit hatten, entsenden ihn in das Zentralkomitee der Nationalgarde, Bürger nnd Studenten Wiens; die Fernen, die Bevölkerung der Stadt Brody, wählt ihn zu ihrem Deputierten im Reichstage. Und ‘ wie betätigt er sich auf dieser großen Staatsbühne? Unermüdlich und rastlos ist er bestrebt, auf allen Gebieten patriotischen Schaffens mitzutnn und mitznwirken; sowohl auf dem Gebiete der Verbesserung der Gesetzgebung als auf' dem der öffentlichen Fürsorge für alle Bürger . und Staatsangehörigen. Sein Wort findet Gehör und Zustimmung, ' denn er wahrt die Rechte aller, ohne Ailsnahme und ohne : Unterschied und arbeitet in versöhnendem und ansgleichendem ' Sinne. Indem aber Mannheimer seinen bürgerlichen Pflichten dem Staate und dem Lande gegenüber gerecht zir werden sucht, vergißt er dennoch keinen Augenblick auch daranwas er feinem Volke mtb Stamme schuldet. Er trachtet bei jeder möglichen Gelegenheit das Wohl seines Volkes zu fördern und dessen Ehren zn schützen. Wie vielen jüdischen Volks- ■ Vertretern und Größen könnte nicht Mannheimers politische Tätigkeit als Muster und Vorbild dienen! Sie könnten und sollten von ihm lernen, wie man keine Kollision der Pflichten eintreten lassen darf, wie man sowohl dein Staate und auch? I seinem Volke nützen kann.