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Die Wahrheit · 1915-05-07 · Heft 18 (7.5.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 18 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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,Nr. 18.Die Wahrheit_Seite 5. Haber , der russischen Armee in unserer Gebend, General Scheideman ihm diesen Befehl gegeben habe. In der Stadt erzählte man sich, daß. als General Scheideman sich vor 'einiM Zelt -in der Stadt aushielt, er. die Vertreter der Bürgeischaft einbenef und von ihnen eine Garantie für die Loyalität der Einwohner den Russen gegenüber, verlangtes Da die Vertreter sämtlich Polen waren, so gaben sie den; General eine Liste aller verdächtigen Leute, in welcher alle Inden enthalten waren. Als wir sahen, daß alle unsere Bemühungen vergeblich waren, entschlossen wir uns, unsere Besitzungen zu verlassen und nnr unser Leben zu retten. Jedermann bereitete sich für die Reise vor. Die Ereignisse jener Nacht schreien zum Himmel. Es wurde uns nicht einmal gestattet, die Kraulen und Wöchnerinnen zurückzulassen. Nur den jüdischen Bäckern, Schmieden und einigen Lieferanten gestattete man, zu bleiben. Aber diese wollten nicht bleiben und trafen gleichfalls ihre Vorbereitungen zur Abreise. Laut Befehl des Kommandanten mußten die Juden am rechten Ufer der Weichsel abziehen. Am Neujahrslage um 11 Uhr versammelten sich zirka 7000 Juden, die ihre Kinder und Kranken trugen, am Marktplatze. In einer halben Stunde wurde diese Zahl noch durch etwa 1000 Inden vergrößert, welche man ans den benachbarten Dörfern vertrieben hatte. Die Polen warteten nicht einmal ab, bis die Juden die Stadt verlassen hatten, sondern begannen sogleich, die Häuser und Läden zu plündern. Sie trafen auf keinen Widerstand, denn die Inden waren natürlich machtlos. Wir, die jüdische Landwehr, umgaben unsere Gemeinde, um unser Leben und die Ehre unserer Frauen zu verteidigen. Ich kann unsere Gefühle nicht beschreiben. Wir waren so in Wut, daß, wenn wir uns Bomben hätten verschaffen können, wir uns und ganz Skiernievice in die Luft gesprengt hätten. Es war Sabbath, aber der Rabbiner gab die Erlaubnis, die Kinder, die alten, schwachen Männer und die Frauen in Wagen unterzubringen, welche wir zu unerhörten Preisen mieteten. Wir nahmen die Gesetzesrollen in die Hand und unter dem wüsten Geschrei der Polen und der Soldaten verließen wir schweigend und verzweifelt die Stadt. Selbst die Kinder weinten mit uns. Wir wandten unsere Schritte gegeu Warschau, das zirka achtzig Werft entfernt liegt. Wir hatten die Kranken und Kinder während der ganzen Reise zu tragen. Aber wir waren im Leiden gestählt und würden schließlich alles mit Ergebung ertragen haben. Die schlimmste Erfahrung, die wir machten, war jedoch, daß überall, während wir unterwegs waren, sich neue Scharen vertriebener Inden zu uns gesellten, die noch unglücklicher waren, als wir. Den lieben langen Tag schleppten wir uns die schlechten, rauhen Landstraßen entlang. Seitwärts bewegten sich lange Reihen russischer Soldaten. Sie waren dabei, das Land aus den Händen der Feinde zu „erlösen" und gerade diese „Erlöser" waren es, die uns die unerträglichsten Leiden zufügten. Wohitt immer, die russischen Soldaten kamen, waren sie von Scharen von Polen, Männer. Weiber und Kinder , begleitet, welche mit Fingern auf uns wiesen und schrieen: „Da gehen sie, diese Beilise! Da gehen die Verräter!" „Beilise", riefen die wütenden russischen Soldaten, als wir bei ihnen vorbeizogeu. Diejenigen, die ihnen zufällig zu nahe kamen, mußten sogar ihre Schläge fühlen. Vielleicht waren die Russen gar nicht zn tadeln; sie glaubten eben, was.die Polen ihnen sagten. „Nach Sachalin! Geht nach Palästina, ihr verfluchten Inden!" verhöhnten uns die Polen und die Soldaten. Was konnten wir antworten? Oftmals sahen wir unter den Soldaten bekannte Gesichter. Das waren jüdische Soldaten aus Polen und Rußland. Wir hätten ihnen unsere Hände entgegenstrecken und ihrien zurufen mögen: „Seht Brüder, was die Russen mit uns machen! Ihr seid unterwegs, um das Vaterland zu verteidigen und hier quält man uns!" Die jüdischen Soldaten würden ihre Häupter geneigt und manches Auge würde sich mit Tränen gefüllt haben. , Wir erwarteten, nach Sibirien oder nach Sachalin verbannt zu werden und so schleppten wir uns. nach Warschau, ohne einen Schimmer von Hoffnung im.Herzen. GegenWend erreichte wir eine Äeiue jüdische Stadt. Die dortigen Juden haben von unserem Unglück gehört und kamen uns entgegen, nnr uns zu sprechen. Aber lange vorher war ein offizieller Befehl ergangen, der uns verbot, die Nacht in dieser Stadt zu verbringen oder selbst ihre Straßen zn betreten. Die Russen begannen sofort, diejenigen fortzutreiben, die ihren Fuß in die Stadt setzten. Die anderen hinter uns drängten vorwärts, da sie nicht wußten, was in ben vordersten Reihen passiert war. Seufzer und Stöhnen füllte die Luft, Männer und Weiber wurden hysterisch. In dem Gedränge wurde ein Kind erdrückt. Wir wurden wie eine Schafherde zusammen» getrieben und mußten die Nacht unter freiem Himmel verbringen. Am Morgen setzten wir unseren Weg fort. Wir versuchten nicht mehr, in den Städten Halt zu machen, die wir passiierten. Solch ein Versuch wäre nutzlos gewesen mtb hätte nur die'Juden, die dort wohnten und deren Position selbst nicht allzu sicher war, gefährdet. Wir schleppten uns weiter, hungrig und erschöpft. Immer und immer wieder kamen die Polen aus den benachbarten Dörfern heraus und überhäuften uns mit Schmähungen. Sie schlugen auf diejenigen ein, welche vor Schwäche etwas zurückblieben. Ich kann keine Worte finden, um die Reise zu beschreiben. Es war eine Reise voll Schmach und Elend. Einige Frauen kamen unterwegs nieder und starben mit ihren Kindern. Wir führten die Leichen aus den Wagen mit den lebenden Kranken und Kindern mit. Wir konnten die Toten nicht begraben, weil uns nicht erlaubt wurde, irgendwo anzuhalten. In diesem Zustande erreichten wir Warschau. Auch hier war der Ruf unseres Unglückes utis vorangeeilt und man versah uns mit Kleidung, Nahrung und Fuhrwerk. Vertreter der jüdischen Gemeinde baten die Behörden, uns zu erlauben, in die Stadt zu kommen. Hier in Warschau konnte niemand den Grund unserer Ausweisung begreifen, und jeder bemühte sich, etwas für uns zu tun. Die Zivilbehörden durften den Befehl der Militärbehörden, daß wir auf die rechte Seite der Weichsel, die Prag«, verbannt waren, nicht mißachten. Dieser Ort ist als Mörderhöhle bekannt, und die Warschauer Inden fürchteten, daß man uns angreifen und löten würde. Nach dringenden Vorstellungen bei den städtischen Behörden willigte der Gouverneur von Warschau schließlich ein, unseren Einzug in die Stadt zu übersehen. Wir blieben daher in Warschau, dessen hilfreiche Juden Herbergen für die Heimatlosen errichteten. Ifak Uoa Mannheimer. (Nach der Monographie von Tr. M. Rosenmann, Rabbiner zn Wien, beleuchtet von Mayer-Horowitz) Der derzeitige wilde Kriegsorkan, welcher gewaltige und stürmische Wellen der verschiedensten Völker aufgepeitscht und bald dahin, bald dorthin treibt, hat auch bedeutende Massen jüdischen Stammes ans dem Nordosten unserer Monarchie nach dem Westen gedrängt, die da Schutz itnd Zuflucht gesucht vor dem Toben und Wüten der schrecklichen Kriegsgreuel. Auf dem langen Wege von ihrer Heimat bis zur Reichsmetropole, dem Hauptorte ihrer Zuflucht, der von den meisten nur etappenweise, bald nach längeren, bald nach kürzeren Intervallen zurückgelegt wurde, traten den Fliehenbeu stets neue Länder und Gegenden mit, entzückenden Landschaften und wechselreichen Natnrschönheiten entgegen und parallel mit diesen auch ganz verschiedenartige Sitten. Gewohnheiten und Gebräuche im Leben und Streben der Völker, für welche jedoch denselben infolge der Betrübtheit ihrer Seele, der Gedrücktheit ihrer Stimmung und infolge der sie quälenden Sorge ob des Schicksals von ihrem daheim zurückgelassenen Hab und Gut jedes lebhafte Interesse, jeder anziehende Reiz, jedes teilnehmende Beobachtuugsgesühl fehlte. i ■Jr i i! '!■ i t

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