Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1915-05-07 · Heft 18 (7.5.1915) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 18 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063862-3063880--09577-3076841
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Die Wahrheit Nr. 18. sei» wird, werden die Parteien wiederfehren. . Ohne Par.teie.n-- ohne politischen Kampf kein politisches Leben Äuch für has freieste und.einigste Volk. Wir halten durch, bis wir die Sicherheit haben, daß keiner mehr es wagen wird, unseren Frieden, in dem wir deutsches Wesen und deutsche Kraft entfalten und entwickeln wollen als freies Volk." Die Sozialdemokraten erklärten durch, den Mund des Abgeordneten Haase: „Ein jedes Volk hat ein unvergängliches Recht auf Integrität und Unabhängigkeit. Diese bei fremden Nationen anzntasten, hieße den Keim zu neuen Kriegen legen. Wir fordern, daß nach dem Kriege, sobald das Ziel erreicht und der Gegner zum Frieden geneigt ist, ein Ende gemacht werde ditrch einen Frieden, der geeignet ist, zur Freundschaft mit den anderen Völkern zu führen." In der deutschen Reichstagssitznng vom 10. März bemerkte Abgeordneter Haase ganz richtig: „Unsere Brüder im Felde sehen stündlich dem Tode ins Auge. Sie erfüllen mit fast übermenschlicher Kraft ihre Pflicht, alle ohne Unterschied und in gleicher Weise. Es ist unerträglich, daß noch immer nicht allen Staatsbürgern ohne Unterschied d e r K! a s s e. d e r P a r t e i. d e r Konfession. der Nationalität volle Gleichberechtigung gewährt wird. Der Burgfrieden erfordert nur die Unterlassung gehässiger Polemik, aber nicht die Verleugnung von Grundsätzen. Dem freien Volke gebührt die freie Rede." Nachdem der Pole Seyda noch das Verlangen stellte, daß sämtliche A u s u a h m s g e s e tz e im Reiche und in den Bundesstaaten schon während des Krieges aufgehoben werde.«, meinte der Staatssekretär Dr. Delbrück: „Die großen Ereignisse des Krieges werden uns zweifellos vor die Notwendigkeit stellen, zu prüfen, inwieweit die innere Politik einer Ne u o r ie n t i r u n g bedarf." Aber seinen Aerger über die Ansführungen des Sozialdemokraten Haase brachte er dennoch zum Ausdrucke. Aus der Rede des deutschen Abgeordneten Scheidemann in der Reichstagung vom 18. März 1915 sind folgende Worte besonders bemerkenswert: „Wer so von Gewinnsucht erfüllt ist, daß er darüber die Notwendigkeiten der Allgemeinheit übersieht, handelt genau so, als wenn er für den Feind Spionaged i e n st l e i st e t e und im Rucken unserer Heere Brücken zerstörte. Wir haben nach besten Kräften mitgeholfen und wollen weiter Mitarbeiten und mithelfen. Aber auch die Zeit der Kritik wird wiederkommen. Ein Volk, das keine Freiheit zu verteidigen hat, hat nichts zu verteidigen. Neun Monate währt bereits der Krieg, Riesenopfer an Gut und Blut sind gebracht worden. Das Ende ist wohl noch nicht abzusehen, aber deutliche Anzeichen sprechen dafür, daß die Macht der Entente zu wanken beginnt und die Hoffnungen, die unsere Gegner auf ihre numerische Ueberzahl gründeten, sind durch die Begeisterung und den Kampfesmut unserer trenverbündeten deutschen und österreichischen Truppen zunichte gemacht worden. Die freudigen Siegesnachrichten der letzten Tage, die die Auslösung der rnssi'chen Armee in Westgalizien melden und die herrlichen Waffeutaten unserer tapferen -Soldaten auf den übrigen Teilen des Kriegsschauplatzes gewähren uns einen hoffnungsvollen Ausbl'ck in die Zukunft. Nichtsdestoweniger wächst die Friedenssehnsucht der ganzen MenschtzW^ und wenn auch die laut werdenden Stimmen von dnk" Kriegführenden medergehalteu werden, so ist doch die Tatsache nicht aus der Welt zu schaffen, daß selbst das edle Haupt der katholischen Christenheit denselben mit allen Kräften zu fördern sucht und öffentliche Bittgebete nm baldigen Frieden durchgeführt hat, die auch von Nichtlatholiken andächtig.mitgebetet wurden. In Ungarn wurde über die mutmaßliche Dauer des gegenwärtigen Krieges ein Preisschreibeu eingeleitet und Graf A udrassy dürfte mit seiner Antwort teilweise recht haben, die besagt: So lauge, bis cht.Meistlehuieb.efn'seh'e^. haß. es unmöglich fei, weiterzukämpfen".' , So viel ist aber sicher. Nach diesem, Kriege werden alle Staaten , ihr Regime auf b re i t e, dem o k r a t.i s ch-^e Grundlage stellen und der G er echtigk e,i 14iub$i*e i^e |jt zn voller Wirkling verhelfen müssen. Nachdem die arbeitenden Volksschichten das Vaterland ebenso tapfer und opferwillig in den Schützengräben gegen die Feinde von außen verteidigt haben wie die Begüterten, wird es weiterhin n n m ö g l i ch sein, staatsbürgerliche Abstufungen im Wahlrechte oder im Gesetze festznlegen. Die vermögenslosen Bürger haben die Bitternisse dieses Weltkrieges noch gründlicher ansgekostet wie ihre wirtschaftlich bessergestellten Volksgenossen. Nirgends in Oesterreich-Ungarn wird es wohl möglich sein, nationale, konfessionelle oder soziale Volksgruppen zu entrechten und stiefmütterlich zn behandeln. Nirgends, auch nicht in Ungarn, kann das allgemeine Wahlrecht zn einem nationalen Unglück werden, wenn die Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit im iinleren Staatsgetriebe zu voller Wirkung gebracht wird. Ganz besonders aber Oesterreich-Ungarn mit seiner beispiellosen nationalen, konfessionellen und sozialen Mannigfaltigkeit hat ein solches Regime nuttmgänglich nötig. Die jüdischen Staatsbürger Oesterreich-Ungarns aber, welche während dieses Weltkrieges Dank dem jndenfeindlichen, barbarischen Zarenregime die größten Opfer zu ertragen hatten und deren Patriotismus besonders den galizischen und Bnkowinaer Juden oft zum schweren Verhängnisse wurde, können einem kommenden Frieden ruhig entgegensehen, denn ebenso wie der gerechte und von den Juden heißgeliebte Kaiserpatriarch Franz Josef I. hat auch der Thronfolger Karl Franz Josef bekanntlich die Staatstrene der Inden voll anerkannt und die denkwürdigen Worte ausgesprochen: „Die jüdische Bevölkerung ist sehr patriotisch." ° „W i r werden ihr das nie vergessen." R. L. Die Tragödie der Inden in Dolen. Die „Jüdische Rnndschan" in Berlin veröffentlichte einen von dem bekannten Herausgeber New-Iorker „Tag", Hermann Bernstein geschriebenen Aufsatz, der die Leiden der Inden in Polen enthüllt. Wir geben daraus das Kapitel wieder, düs die Vertreibung der Juden aus Skiernievice schildert. Ein jüdischer Landwehrmann erzählte Folgendes: „Einige Tage vor dem jüdischen Neujahrsfeste zwangen die Russen die Deutschen, die Stadt Skiernievice zu räumen. Wir erwarteten mit Schrecken die Rückkehr der russischen Truppen, denn wir hatten zu viel von den schlechten Erfahrungen der Inden in anderen Städten unter solchen Umständen gehört. Die Polen drohten uns mit furchtbarer Rache, wenn die Russen kommen würden. Und so geschah es. Die Wirklichkeit übertraf unsere schlimmsten Befürchtungen. Am Nenjahrsabend kehrten die Russen zurück. Die Polen gingen ihnen auf der Landstraße entgegen und klagten die Inden hinterlistig an, den Deutschen geholfen zu haben. Das Resultat war, daß die Russen gleich als unsere Feinde die Stadt betraten. Der russische General hatte mit einigen angesehenen Polen eine Unterredung und beschloß, die Inden sofort schwer zu bestrafen. Am Nachmittag erschien ans dem Marktplätze ein Offizier mit einer großen Trommel und verkündete, daß die Inden sich vorbereiten sollten, am nächsten Tage nm 11 Uhr die Stadt zn verlassen. Wir waren wie vom Donner gerührt. Wohin sollten wir gehen? Was sollten wir beginnen? Der russische Ofsizier fügte hinzu, daß kein Jude in Skiernievice bleiben dürfe, weil alle verdächtig seien, und daß jeder Jude, der zauderte, als Spion erschossen würde, Wir eilten zum russischen General und flehten ihn an, uns zu schonen. Wir hielten ihm vor Angen, daß man uns verleumdet hätte, aber vergebens. Er beharrte dabei, daß er unsere Ansprüche nicht berücksichtigen könne, weil der Befehls-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.