Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 17 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 17 Die Wahrheit Seite 5. mau zwanzig herein, die von einem einstürzenden Hanse begraben wurden. Und wer weiß, wie lange er ruhig im Grabe liegen wird, wie viele schon ans das Stückchen Platz warten. Als Bonze dann vor dem himmlichen Richter stand, schwieg er genau so wie ans seinem irdischen Leidensrvege. Er schwieg nnd wußte es nicht. daß er ansschreien könme und daß ob seiner anklagenden Stinuue Jerichos Mauern wanken nnd einstürzen würden. Er kannte seine schlafende Krast nicht. Wer es kann, muß diese erschütternde Erzählnng, ans der ein ungeheures Leid in wundervollen Wollen spricht, nn Original lesen. Perez beherrschte einige europäische Sprachen nnd hatte sich als Autodidakt moderne Bildung angeeignet. Nlir in besonderen Fällen bediente er sich der stolzen Pracht der hebräischen Sprache des Exils, die dasselbe Schicksal teilt, wie das Bolk. voll dem sie gesprochen wird. Sie hat bei ihm denselben Erddnft, die Bildkraft nnd den Reichtum wie jede Volkssprache und gewinnt Adel und Schönheit. In der Dichtung von Perez gibt es keine Shylocks ul,d Uriel Akostas. Keinen Faust in der Dachstube. Es sind Resignierte nnd Märtyrer, aber sie haben auch das io ergrelsende jüdische Lächeln, den Humor der Kehrseite. Es gibt ailch ein wenig Sonnenschein in diesem Ghetto, Glück in diesem Elend, denn die Ltebe ist in diesen Menschen. Ihre Würde ist wie ans einem fernen Land, ans einer verdämlnerten Vergangenheit bewahrt, und ein Rauschen wie von tiefen Quellen ist in ihrer Weisheit. Darum schildert Perez die Chassidim am liebsten, die in Westeuropa so wenig gekannte jüdische Sekte von Mystikern. die Perez als die einzigeil unter den Inden preist, die die Schönheit nild die Weisheit der mvrgenländischen Völker nach Europa trugen. Ihre Weltanschauung ist voll Glauben an die Frellde. Ihr Ahnherr nnd Prophet ist jener von Legenden umwobene Bal Schein, der im XVIII. Jahrhundert in der Bukowina geboren mit) zum Begründer dieser von enthusiastischem Gejst erfüllten Sekte wurde. Er lehrte zuerst die Kinder heitere und feierliche Hymnen singen. Und alle seine Lehren lassen sich in dem einzigen, von ihni verkündeten Satze zusammenfassen, daß alle Freuden Kundgebungen eines göttlichen Attributs der Liebe sind. Perez wob ein Gedicht um die letzten und reinsten Typen der Chassidim, schildert ihre erhabene Heiterkeit, ihr Leben und lächelndes Sterben. Sv sind die beiden Gestalten in der Novelle „Die Kabbalisten". Es sind zwei letzte ans der einst blühenden Jeschiwo, der Schule für heiliges Wissen nnd fromme Lehre. Der Meister nnd sein Schüler haben ihre letzte Auseinandersetzung. Beide sind sterbenskrank nnd traurig, aber es gibt für sie noch eine Freude, der sie in dieser Welt noch entgegensehen, sie sind erfüllt von der Sehnsucht zu singen, nicht mit sterblichen Lippen, sondern klanglos, mit der Seele allein, und der sterbende Schüler kasteit sich, um dieses himmlischen Gesanges würdig zil sein. Endlich geschieht es, daß der sterbende Jüngling hört, wie diese Melodie in seinem Innern emporsteigt wie Geigenton. Das war das große, letzte Glück, aus das er gewartet. Nicht immer war Perez' Poesie so hoch gestimmt und von lyrischem Klang. Er kann auch das Reale mit großer Anschaulichkeit gestalten, den Alltag und das Humorvolle. Wie köstlich ist seine Geschichte vom „Streime!" (Sabbatmütze) nnd von „Rebbens Tschibuk". Er verweilt bei einem zärtlichen Liebesglück eines Paares in der Kellerstube, schildert die Wanderung einer Melodie durch traurige und fröhliche Seelen. Das ist eine Welt, unbekannt und unberührt, von der Perez den zarten Schleier hob, damit wir erkennen, was hinter der starren Maske der Verkannten und Unscheinbaren lebt. Perez war einer, der nach all den vielen Schmähern, auf ihre Scheinknltur Stolzen befragt werden muß. wenn wir Aufschluß erhalten wollen über die Inden Russisch- Polens, deren Leid in so bitterer Anklage sich jetzt vor uns erhebt. Hermann Menkes. Die Inden als Knllnrelemenl in der römischen Diaspora. Eine h i st o r i s ch e Skizze. Bon Dr. Josef Hoff, Rabbiueiut Bise uz. Die jüdische Bevölkerung in Rom eiustammte den Gefangenen. ivelche Ponipejns im ersten jüdischen Kriege gemacht hatte. Da sie ihrer Silken in bezug auf Nahrung und religiöse Observanzen wegen zu Sklaven unbrauchbar waren, erhielten sie ihre Freiheit nnd das Bürgerrecht. Jenseits der Tiber wurde ihnen ein eigenes Quartier angewiesen, wo sie ungestört ihre Synagogen halten konnten. Ihre die Römer bedrohende Anzahl führte öfter zu Verbanunngsdekreten. die jedoch ohne sonderliche Wirkung blieben. Daß die Inden auch hier keine Schwächlinge waren, ergibt sich wohl daraus, daß Tiberins ihrem Wachstum dadurch steuerte, daß er 4000 von ihnen nach Sardinien zur Bekämpfung der Ränder schickte. Die Juden mußten doch Krieger gewesen sein. Schon lange Zeit vor der Zerstörung Jerusalems nnd der Auflösung des jüdischen Staates waren die Inden als ein zur Staatengründnug vorzüglich berufenes Bolk über die damals bekannte Erde verbreitet. Wir sehen sie als Ackerbauer, Kaufleute nnd Krieger, wahrscheinlich waren sie in der Fremde auch Handwerker nnd Künstler. Daß sie auch Aerzte gewesen, ist zweifellos. Als nach der Zerstörung Jerusalems und der beiden Tempel die neue und massenhafte Zerstreuung der Juden erfolgte, da kamen die Auswanderudeu nicht zn fremden Völkern, bei denen sie nur geduldet wurden und von denen sie die Mittel zu ihrer Existenz erbetteln oder durch die Ber» richtnng der niedrigsten Arbeiten erkaufen mußten. Sie fanden im Gegenteil überall, wohin sie sich wandten, bei ihren in geachketster Lebensstellung befindlichen Glaubensgenossen die liebevollste Aufnahme. Hatten diese doch im Geiste an ihrer Seite für die heilige Sache des Vaterlandes gestritten und waren sie doch auch von gleicher Trauer über den unglücklichen Ansgang derselben erfüllt. Nein, nicht als Bettler wurden die Emigranten in der Fremde anfgenommen, sondern als Brüder, denen - mit größter Opserfrendigkeit seitens der Glaubensgenossen, und nicht ohne jene große Teilnahme seitens der fremden Völker, begegnet wurde, wie sie der Heldenkampf gegen eine erdrückende Uebermacht einznflößen pflegt. Die ausgewauderken Inden brauchten sich nur ihren Genossen anznschließen. an Arbeit gebrach es ihnen nirgends. Wir sehen denn auch den Landwirt wieder zum Ackerbau und zur Viehzucht greifen, den Weinbauer Reben pflanzen, den Handwerker sein altes Handwerk wieder aufnehmen. den Künstler seiner Kunst, den Gelehrten seinem Fache und den Kaufmann dem Handel sich zuwenden. Von tausend bereits fertigen Kanälen wurde die jüdische Auswanderung ansgesogen nnd an alte nnd neue Plätze geleitet, wo die menschliche Gesellschaft fleißiger und bahnbrechender Kultnrarbeiter bedurfte. Und wo waren die nicht erforderlich, in einem Staate, dessen Bürger das Handwerk und den Handel mit geringschätzigen Augen betrachteten, in einem Staate, der über eine große Anzahl barbarischer Völkerschaften herrschte! Die scharfblickenden Römer wußten die knllnrelle Kraft und Befähigung der Juden wohl zn schätzen und lebhaft unterstützten sie deshalb auch so viel als nur möglich das jüdische Element und zogen es namentlich in Gebiete, auf denen die Kulturarbeit erst ihren Anfang nehmen mußte, so auch in das Rheintal, dessen Reichtümer sie erschließen nnd dessen Erwerbsquellen sie zu wecken verstanden. In religiöser Beziehung waren die Römer ein tolerantes Volk, und nicht nur sicherten sie den Inden die freieste Religiousübnng. sondern sie wachten auch darüber, daß die unterworfellen Völker ihnen keinerlei Feindseligkeiten entgegentrugen, wozu ihr Wohlstand und ihre religiöse Eigenart wohl anreizen konnten. Die Römer trugen kein Bedenken, den Judeit, die ihnen in Asien eine Vormauer gegen fremde Völker gewesen, das Bürgerrecht za gewähren, sie in ihr