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Die Wahrheit · 1915-04-30 · Heft 17 (30.4.1915) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 17 (30.4.1915)
Date
1915-04-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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©eite 4 Preise von 90 h (statt 2 K 40 li) für das Kilogramm besorgt ustv. Auch wurden auf Anregung des Knltns-Borstehers Herrn Theodor Spiegel 12 israelitische Kriegsverwundete die ganzen Osterfeiertage mit ritueller Verköstigung reichlich versehen. Auch den religiösen Gebräuchen wurde von seiten der Frauzensbader israelitischen Seelsorge Rechnung getragen. Nun zieht der Frühling ein und mit ihm auch die Hoffnung auf bessere und glücklichere Zeiten. Vor allem, daß ein für unser Vaterland ehrenvoller Frieden uns beschieden sein wird. Allein wenn der Krieg auch noch den ganzen Sommer währen sollte, rechnet man in Franzeusbad. wie von maßgebender Seite versichert wird, mit einer leidlichen Aurfrequenz. Man hofft, daß von unserer Doppelmonarchie urld Deutschland, als auch von den neutralen Staaten ein ganz ansehnliches Km Publikum nach den böhmischen Kurortes! kommen wird. Es sind auch tatsächlich bereits viele Anfragen von Kurgästen an die Badeverwaltung in Bezug ider nächsten Knrsaison eingelaufen und wurde den Fragestellern berichtet, daß die Kur vom Kriege nicht viel beeinflußt werden wird, daß vielmehr alles seinen gewohnten Gang nehmen wird. Auch das israelitische Hospital wird wie alljährlich, motz der. Ungunst der Verhältnisse, seine Pforten für bedürftige israelitische Arme öffnen Und werden bei der Aufnahme vorzüglich Angehörige unserer und, der verbündeten Heere Berücksichtigung finden. Oberkantor W i l k o w i t s ch. Hilfsaktion am Hlzsokerpatz ^Der Regierungskommisfär Pawlikiewicz der galizischen Statthalterei, zngeteilt der Armeegruppe FML. Sznrmay, berichtet folgendes: „Nach unserer erfolgreichen Offensive wurden nördlich des Uzsokerpaffes ungefähr zwanzig galizische Gemeinden den Russen entrissen. Da nach den gemachten Erfahrungen anzunehmeu war. daß die Bevölkerung dieser Gemeinden aller Lebensmittel entblößt ist, wurde mir seitens der galizischen Statthalterei der Auftrag, die befreiten Gemeinden zu bereisen und eine Hilfsaktion einznleiten. Was ich zu sehen bekam, mochte mein Herz erstarren. Die Not war tu manchen Gemeinden so groß, daß die zurückgebliebenen Bauern und Inden die von Viehschlachtnngen herrührendeu vergrabenen Abfälle ausgruben und aßen. In den Gemeinden Husne wyzne und nizne, Zadzielsko, Krasna, wurden die Einwohner von den Kosaken vollständig ansgeplündert. Besonders übel erging es den Inden; alle männlichen erwachsenen Juden wurden wegeu ihrer anstrophilen Gesinnnng verhaftet und in Turka interniert. Es blieben in vielen Gemeinden, wie in Matkow, Wisocko wyzne, Libuchora, Bukowiec, eine Anzahl Kinder zurück, deren Eltern von den Russen verschleppt wurden. Vierzig dieser unglücklichen Kinder habe ich zusammengelesen und nach Ung.-Hradisch transportieren lassen. Am ärgsten wüteten die Russeit in Sokoliki. In Zadzielsko erzählte mir die Jüdin Estera N., daß die Kosaken ihr gesamtes Habe fortnahmen und es an Bauern ans entfernten Gegenden verkauften. In der reichsten Gemeinde diefer Gegend, in Beniowa, blieben von dem im Frieden recht ansehnlichen Viehstand nur zehn alte lahme Pferde. Alles ist ausgeraubt, viele Häuser sind zerstört. Die Bevölkerung ist furchtbar apathisch. Die Sterblichkeit in den heimgesnchten Gemeinden stieg sprunghaft empor. Die kleinen Kinder starben dahin wie die Fliegen im Herbst. In allen Gemeinden waren weder Salz noch Kartoffeln noch Mais zu finden. Die erste Sorge unser Statthalterei war, Lebensmittel herbeizuschaffen, weil der permanente Hunger der fruchtbarste Boden für allerlei Seuchen ist. Bis die ersten Sendungen aus dem Hinterlande eintrafen, sorgte besonders der Feldmarschalleutnant Szttrmay für die Notleidenden. In den Gemeinden wurden dann, als die von der galizischen Statthalterei geschickten Nahrungsmittel einlangten, die Bewohner Nr. 17. ) mit Mais. Kartoffeln und Salz beteilt. Die Hilfsaktion ist j noch im Zuge, aber es gelang uns schon, die Sterblichkeit i zu verringern. Vorläufig ist an den Anbau nicht zu denken,! aber wir machen die größten Anstrengungen, um auch in! dieser Hinsicht helfend einzngreifen."! I. L. Perej.! Im „Neuen Wiener Journal" veröffentlicht der bekannte! Schriftsteller Hermann Menkes eilt fesselndes Lebensbild j des vorige Woche verstorbenen Dichters des russischen Ghettos,! das weitestes Interesse erregen dürfte und darum nachstehend j wiedergegeben werden soll: i Alts Warschau kam vor einigen Tagen die Nachricht vom Tode I. L. Perez', des Dichters, der.wie kein einziger j so nah in die Seele der Inden Russisch-Polens ltns blicken j ließ. Es wird gesagt, daß er an gebrochenem Herzen übest j das ungeheure Unglück, von dem seine Mitbrüder jetzt betroffen wilrden, gestorben sei. Die Anklage über das Schicksal der Inden Polens ist von der eiiie» .und anderen Seite zuletzt erhoben worden. Nirgends gibt es einen Judenhaß von dem Fauatismns wie er in dem einstigen alten Königreiche von den Nüssen und Polen in gleicher Weise geübt wird. Die alte Judentragik ist wieder erwacht und wir sehen einen . Teile dieses Volkes ans seinen Heimstätten grausam vertrieben, dem erdenkbarsten Elend preisgegeben. Was von den polnischen Jilden gekannt lvird, das ist nur die Außenseite, wie die Not sie geprägt hat. Diese verschlossene jüdische Seele aber lebt in den Erzählungen von Perez, die uns eitles der merkwürdigsten menschlichen Dokumente bieten, die wir in der Literatur besitzen. .... Nosenfeld ist mit seinen Judenliedern zum Dichter des jüdischen Proletariats geworden, der Arbeiter im Warschauer, Lodzer und New-Iorker Ghetto; Schalom Asch hat der Tragik und den Träumen der intellektuellen jüdischen Jugend Ansdruck verliehen, Perez, aber schilderte das alte, in Traditionen beharrende Judentum, die Glaubens- und Seelenstarken, diejenigen, die die Schwelle einer neuen Zeit noch nicht überschritten nub die große Geste der jüdischen Tragik noch haben. Georg Brandes hat einmal die Polen mit jener Frau in dem bekannten Bilde von Gabriel Max verglichen, die so bleich und reglos daliegt daß man glauben könnte, es sei eine Tote. Wenn man jedoch schärfer hinblickt, so gewinnen diese Züge Leben. Dieser Scheintoten gleichen die polnischen Inden. Ihre Seele ist nicht tot, trotz ihrer Passivität und der äußeren Erstarrung. Aber niemand konnte bisher sagen, wie ihr ist, welche Sehnsucht und welch Leid in ihr leben I. L. Perez war dieser Fürsprecher, der Deuter nnenträtselbarer Zeichen. Seine Erzählungen sind Seelenbilder. Er spricht wie einer, der nach einem längen und hilflosen Schweigen endlich eine Sprache gefunden hat, nicht um anzuklagen, sondern in einem Liebeswerben für die Verachteten. Dieses im Leid schweigsam und fatalistisch gewordene Volk hat er in einer einzigen Gestalt symbolisiert, in der Erzählung „Bonze Schweig" („Allsgewählte Erzählung von Perez, deutsch von M. Ascher. Berlin, Indischer Verlag.) Bonze ist ein Lastträger, dessen Leben nur von Mühsal, Hunger und Erniedrignngelr begleitet war. Als Knabe lvird er von seiner Stiefmutter mißhandelt, aber et schweigt und leidet. Er wird geknechtet, gepeinigt, von seinem Weibe betrogen, ullnd er schweigt. Er stirbt unter Schmerzen, aber seine Lippen öffnen sich bis zuletzt nicht zn einer Klage. Er lebte, wie ein graues Sandkörnlein am Meeresstrand, zwischen Millionen seinesgleichen. Und wenn ihn der Wind aufhob und auf die andere Seite des Meeres trug, bemerkte es niemand. Als man Bonze ins Spital brachte, blieb sein Winkel, den er in einer Kellerwohnung inne hatte, nicht leer. Zehn seinesgleichen warteten darauf und versteigerten ihn unter einander. Als Bonze ans dem Spitalsbett in die Totenkammer karn, wartetell zwanzig arme Kranke auf das Bett. Als man ihn ans der Totenkammer trng, brachte Die Wahrheit

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