Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 16 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Dre Wahrheit Nr. 16 der Berliner Zunz-Stiftung und der Wiener Israelitischen Allianz erscheinenden Werke über Rimalprozesse in Polen ein sehr reichhaltiges und durch Quellenforschung erhärtetes Material zur Kenntnis. Einleitend behandelte er den Auszug der Israeliten ans Aegypten und kam sodann zu „jenem Pessach-Abend" des Jahres 132 n. Chr., an dem der Aufstand Bar-Kochbas ausgebrochen ist, um nach einer kurzen Schilderung der Pessachabende im Mittelalter, das eigentliche Thema, das Ritualmärchen. zu beleuchten. Die Ritualprozesse lassen sich in drei Kategorien scheiden.- deren Ursachen erstens literarische sind: die sogenannten ..H o st i e u s ch ä n d u n g e n, Posen 1399 bis 1799, zweitens solche religiöser Art, Sochaczew 1556. Rozany 1659, drittens ökonomische 1635 Krakau. 1698 und 1710 Sandomierz, 1736 Posen nnd mehrere andere. Sowohl bei dem Pöbel, wie bei der Intelligenz der christlichen Bevölkerung war und ist heute noch der Glaube an das furchtbare Ritnalmürchen nicht zu erschüttern — trotz aller erbrachten Beweise der Unschuld der Juden — und trotz Eintretens der Päpste, wie Benedikt XIV. und anderen nnd somit hatten diese Prozesse stets einen blutigen Ausgang, wofür die unter den gräßlichsten Foltern erpreßten „Geständnisse" die gewollte „Begründung" abgaben. Allein auch die Standhaftigkeit, welche sie alle Torturen in einzelnen Fällen ertragen ließ, hals den Inden nichts, als „verstockte Sünder" mußten sie dennoch den Scheiterhaufen besteigen. Wiewohl in Polen sich eine sehr große Zähk solcher Prozesse, namentlich im 17. und 18. Jahrhundert abspielre — der Vortragende hat deren 157 bearbeitet, über hundert andere liegen Hinweise vor — ist doch Polen nicht das klassische Land der Ritualmvrde, lediglich brachte es die große Einwanderung von Juden aller Staaten aus Westeuropa, woraus sie vertrieben wurden mit sich, daß auch der Haß ins Maßlose stieg. Da fast immer die Oslerfeiertage zum Ausbruch irgend eines derartigen schrecklichen Ereignisses mißbraucht worden war, so ließen diese in den davon betroffenen jüdischen Gemeinden grausige Eriuuernng zurück, welche sich traditionell als „an jenem Pessach-Abend" von Generation zu Generation sortpflanzten. Die letzte Hinrichtung ans „Ritualmotiven" fand in Krakau im Jahre 1781 statt. Den inhaltsschwerennnd reichen, von hingebungsvollstem Eifer in der Durchforschung der Archive, bei gleichzeitig größter Objektivität, zeugenden Anssührungen des Vortragenden ward der begeistertste Beifall der Zuhörerschaft zum Lohn. Mit überaus warmen Worten betonte denn auch der Vorsitzende, Oberinspektor Engel, in seinem Danke an den Redner die große Fülle der milgeteilten, bisher nicht bekannten Daten und wies sodann auf den Zusammenhang hin, der zwischen der Scheußlichkeit der Ritualmordlügen und jener des gegenwärtigen, in der Geschichte ohne Vorbild befindlichen Weltkrieges bestehe. Beiden liegen dieselben niedrigen Urmotive zu Grunde. Die Befriedigung der schamlosesten Selbstsucht Einzelner, wozu nach erprobtem Rezepte die Auspeitschung der rohen Triebe der Massen mit Hilfe skrupelloser Erstudungen. unerläßlich ist und die sich auch heute vorzüglich bewährt. Er schloß mit dem Appell, gleichwohl nicht zu verzagen und den Mut zur Hoffnung nicht sinken zu lassen. Hiezu berechtige die Wahrnehmung.' daß die Zahl der blindwütigen Jndeuhaffer im Abnehmer» begriffen sei, daß es auch allerorten einsichtige Menschen gebe, die sich von ihrem ererbten Vorurteil abkehren. Als schlagendstes Beispiel hiefür führte er ans dem Lande des fanatischesten Hasses, Frankreich, den bekannten Schriftsteller und Historiker Ernst Renan, der seine ursprüngliche Prägung von der „Race inferieure“ der Juden widerrufen und in einem Bortrage über Judentum und Christentum in folgendes Urteil umgeändert hatte: „Das Judentum, das in der Vergangenheit so gut gedient hatte, wird auch in der Zukunft seine guten Dienste leisten. Es wird der wahrhaften Sache, der Sache des Freisinns, des modernen Geistes dienen. Jeder Jude ist ein Freund des Fortschrittes; er ist es seinem innern Wesen nach. Die Feinde der Inden sind bei näherem Zusehen zugleich Feinde des modernen Geistes. Die Begründer des freisinnigen Dogmas in der Religion sind die jüdischen Propheten. — Mit einem Worte: Die reiire Religio u, die wir als das einstige, die gesamte Menschheit zusammenhaltende Band ahnen, wird die Verwirklichung der Religion des J e s a i a sein, jene ideale, jüdische, von allen beigemischlen Schlacken befreite Religion! —^ Das Paradies aus Erden, das ist das von den Propheten erhoffte Zeitalter des allgemeinen Friedens, der Glückseligkeit und der Brüderlichkeit, wird aus dem Beitritt, der Menschheit zur G o t t e s v e r e h r u n g I s r a e l s e r b l ü h e n." Antifemitische Geleljvfnmheit. Bon Prof. Dr. Kahan, Znaim. Nicht nur die Not, auch der Haß macht erfinderisch. Namentlich gegen uns Juden ist der Haß geradezu unerschöpflich im Erfinden von lügenhaften Beschuldigungen, um uns in den Augen der Welt verhaßt und lächerlich zu machen. Was hat nicht der Judenhaß schon alles behauptet! Bon jener Mästung eines Griechen im Tempel zu Jerusalem, um ihn dann abzuschlachten, bis zu dem sonderbaren Appetit der frommen Juden nach Christenblut! — Und nicht einmal kurze Beine hatten diese Lügen. Im Gegenteil, sie hatten und haben noch sehr lange Beine und durchschreiten mit Riesenschritten die ganze Welt, um den Inden das Recht znm Leben abzusprechen. Und doch können die M e i st e r l ü g u e r, oder wie sie sich selbst nennen, die Antisemiten, ihrer Lügen nicht recht froh werden. Was nützt es ihnen am Ende, wenn sie die Inden samt und sonders als Mörder, Wucherer, Gauner, Feiglinge, kurz als minderwertiges Gesindel hinstellen, die neben der Edelrasse der Jndogermauen kein Recht zum Leben haben, wenn diese edlen Jndogermanen das Beste, was sie haben. Gott, Religion und Sittlichkeit, eben diesen verdammten, minderwertigen Juden zu verdanken haben! Müssen sie sich doch nach Nietzsche vor drei Juden und einer Jüdin beugen! Müssen sie doch alle die jüdischen Propheten als die unvergleichlichen, erhabenen Verkünder von Religion und Sittlichkeit bewundern! Aber der Haß ist erfinderisch. Er schreckt vor keiner noch so unsinnigen Behauptung zurück, wenn es gilt, den „Nimbus des auserwählten Volkes" zu zerstören, wenn es gilt, die verhaßten Juden als minderwertlg hinznstellen. - „Die Inden haben Propheten hervorgebrachl? Die Juden haben die Bibel geschaffen? Das Judeutnm hat das Christentum hergebracht?" — Nicht wahr! — sagt der „gelehrte" Antisemit. Die jüdischen Propheten waren gar keine Juden, sondern — Jndogermanen! Jesus war kein Jude, sondern ein Jndogermane! Ja, das ganze Volk Israel war von indogermanischer Rasse! Nur eben die Juden, das sind die richtigen Juden, das ist das Gesindel, das je eher je lieber ansgerottet werden muß. Ob geköpft oder gehenkt, bleibt sich gleich, nur die edlen Jndogermanen soll dieses Gesindel nicht belästigen! Nur der Edelrasse soll diese „inseriore" Rasse keine Konkurrenz bieten! Mancher könnte wohl glauben, daß hier die Gedanken eines Wahnsiuttigen wiedergegeben sind. Aber es ist der Gedankeugang antisemitischer ..Gelehrter", und ein hervorragender deutscher Gelehrter, einer der gründlichsten und ehrlichsten seines Fachs, Geheimrat Prof. Ed. König in Bon n, hat es über sich gewonnen, sich mit diesen „Gelehrten" gründlich, wie es seine Art immer ist, auseinanderzusetzen. In seiner kürzlich bei A. Marcus und E. Webers Verlag, Bonn, erschienenen Schrift „Das antisemitische Hauptdogma" führt er den ganzen Rassenantisemitismus