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Die Wahrheit · 1915-04-23 · Heft 16 (23.4.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 16 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 16. jüdischer Spionage wurden uns erzählt, die Pogrome wurden öffentlich gepredigt." Das „Lodzer Tageblatt", ein vor der deutschen Okkupation in jiddischer Sprache unter der Zensur der russischen Militärbehörden veröffentlichtes Organ, schreibt von anhaltenden Plünderungen durch die aus Tagedieben und halbreifen Burschen bestehenden Menge in den Tagen vom 27. bis 60. Oktober; aber das Gemälde dieser Pogrome erbleicht vor den allein und ausschließlich gegen die Juden gerichteten Austreibungen ans Grodzisk, Skiernewice, Nowo- Alrxandria, Irena, Kozienice. Mstcholova, Sochaczew, Lowicz, Gora, Kalwarja, Jwangorod und anderen Plätzen. „Rasßwjet" schreibt: „Am Abend des 29. Oktober wurde unter Trommellchlag das Dekret ausgerufeu, daß die Juden Skiernewice und seine llmgebnngen zu verlassen hätten. Repräsentanten der Inden wurden erst am 30. Oktober bei dem Kommandanten vorgelassen. Er sagte ihnen, daß er nicht imstande sei, etwas für sie zu tun. Andere Alttoritäten anszusnchen, war keine Zeit mehr, da der Befehl lautete, daß, wer nach 4 Uhr noch in der Stadt oder Umgebung weile, den Kriegsgerichten übergeben werde. So begann der Exodus: Männer und Frauen, alt und jung, Kinder bis zu den Säuglingen mußten die Stadt verlassen. Keine Erleichterung wurde ihnen gewahrt. All ihr Gut mußten sie zurücklassen und sofort nach ihrem Ausmarsch begann die Plünderung durch die zurückgebliebenen Russen. Die Auswanderer zogen in langer Reihe auf der Landstraße hin. Als sie die Stadt Balimow erreichten, wo sie die Nacht znbringen wollten, wurde es ihnen nicht erlaubt. Die ganze Nacht mußten sie wandern. Das Jammern der Weiber, das Weinen der Kinder, das Schluchzen der Männer erfüllten die Luft." Das sind die Tatsachen, die russische Zeitungen unter den Augen der russischen Zensoren veröffentlichen konnten und die Herr Sasonow glattweg ablengnete! Der Anssatz des „Labour Leader" schließt mit einer interessanten Erörterung über die antisemitische Politik der russischen Regierung, die er allem für diese Schrecken verantwortlich macht. Einzelne Veranstalter der vergangenen Pogrome hat man pro forma vor Gericht gebracht; aber der Zar hat sie begnadigt. Vor dem Kriege hat Pnrischkewitsch offen in der Dumasitzung festgestellt, daß die Presse der „Schwarzen Hundert" von der russischen Regierung subventioniert ist; anderseits sind diejenigen Leute, welche den verderblichen Einfluß der R-aktiv» wohl bekämpfen könnten, durch das antokratische Regime an Händen und Füßen gebunden. In Polen hat die Regierung eine Politik der Unterdrückung gegen die polnischen Demokraten und sozialistischen Elemente befolgt und damit den mächtigen Einfluß hervorgerufen und gezeitigt, den die reaktionäre antisemitische Partei der Narodowa Demokratia. an deren Spitze Roman Dmovsky steht, über die Polen ausübt. Daß die russische Negierung ganz allein für den tiefen Antagonismus zwischen Polen und Juben in Russisch-Polen verantwortlich ist, geht schon daraus hervor, daß man denselben in Oesterreichisch-Polen nicht kennt. Die Narodowa Demokratia ist die stärkste und bestvrganisierte Partei in Russisch- Polen; sie führt seit 1905 die antisemitische Propaganda auf ihrer Fahne, und auch der Ausbruch des Krieges hat in ihrer Politik nichts geändert; im Gegenteil, sie treibt in ihrem Warschauer Organ, der „Gazeta Poranna", die wüsteste antisemitische Agitation. So ist denn durch das Zusammenarbeiten der russischen und der polnischen antisemitischen Elemente in diesem Kriege die Position der Juden in Polen eine sich laug hinzieheude Agonie geworden. Namentlich die Erfindungen über Verrat der Inden zugunsten der anrückende deutschen Heere haben eine schreckliche Wirkung ansgeübt. Infolge solcher absurder Beschuldigungen haben die militärischen Autoritäten hunderte unschuldiger Inden, darunter mehrere hervorragende Schriftgelehrte, anfhängeu lassen. Die Brntalität der antisemitischen militärischen Autorität kennt keine Grenzen. Inden, die während der deutschen Invasion unter Androhung schwerer Strafen gezwungen worden waren, die von den siegreichen Deutschen auferlegten Kontributionen beischaffen zu helfen, wurden, nachdem die betreffende Stadt wieder in die Hände der Russen gelangt war. von den russischen militärischen Behörden anfgehängt. weil sie „dem Feinde Hilfe geleistet hätten". Mau denke sich, daß die belgische oder französische Regierung, wenn es ihr gelingt, einmal belgische oder französische Städte wieder zu erobern, alle diejenigen Belgier und Franzosen hängen lassen wollte, die unter deutschem Zwang ähnlich gehandelt haben! Der einzige Lichtblick in diesen Schreckensbildern ist für den „Labour Leader" die Einheit und das Zusammenhalten zwischen den organisierten polnischen und jüdischen Arbeitern. So weit die englische Zeitung über die Schandtaten des Alliierten der Engländer und der Franzosen, denen allen dreien die große, aufgeklärte Nation jenseits des Atlantischen Ozeans die Waffen liefert, die in den Händen der russischen Soldateska den Todeskampf der russischen Inden verlängern helfen. Wenn die Nummer des „Labour Leader" vom 18. März die entsprechende Verbreitung in den Vereinigten Staaten gefunden haben wird, dann wird es interessant sein, zu sehen und zu hören, ob unter dem Zeichen des Sternenbanners nicht doch alle jene Kreise, die sich stolz ihrer Aufklärung und Humanität berühmen, den Mut finden, um der verbrecherischen Waffenlieferung an Rußland und seine Verbündeten ein Ende zu bereiten. Die Behandlung der Inden in der Türkei. Die „Tnrqnie" veröffentlicht einen Artikel, in dem die Publikationen der feindlichen und der neutralen Presse, in denen die Lage der fremdländischen Israeliten in Palästina als nicht gut dargestellt wird, widerlegt werden. Der Artikel erinnert daran, daß sich die Regierung vor zwanzig Jahren genötigt sah. gewisse einschränkende Maßnahmen gegen die Bewegung der israelitischen Ei n w mibe r lt n g n a ch Palästina zu treffen. Aber diese sehr gemäßigten Maßnahmen könnten in keiner Weise mit jenen verglichen werden, von denen die Israeliten in anderen Ländern betroffen würden, wie zum Beispiel in Rußland, da sich diese Maßnahmen darauf beschränkten, Ausländern, die sich dort als Ansiedler niederlassen wollten, den Eintritt ins Reich zu verwehren. Als der Krieg mit dem Dreiverband ausbrach, beschloß man überdies, den Israeliten, denen es gelungen war, sich in Palästina seßhaft zu machen, eine begünstigte Behandlung zuteil werden zu lassen, und gewährte ihnen ausnahmsweise Erleichterungen bei Erwerbung der ottomanifchen Staatsangehörigkeit. Dieselben Erleichterungen wurden auch ausländischen Israeliten außerhalb Palästinas zugestanden. Diejenigen von ihnen, die von diesen Begünstigungen keinen Gebrauch machen wollten, wurden aufgefordert, die Türkei zu verlassen. Die Pforte hat mithin den Israeliten gegenüber einen Beweis ihres guten Willens geliefert. An jenem Peffach Abend. Mittwoch, den 31. Mürz l. I. fand der früher von der Polizei untersagte Vortrag im Verein zur Abwehr des A n t i s e m i t t s m n s über das Thema „An jenem Pessach-Abend" vor überauszahlreichen Zuhörern aus allen Schichten der Gesellschaft statt. Der Vortragende, Professor Dr. Majer Balaban aus Lemberg, der sich seit eineinhalb Jahrzehnten mit der Geicbichte der Juden in den Ländern des einstigen polnischen Reiches intensiv beschäftigt und bereits mehrere höchst wertvolle Werke hierüber veröffentlicht hat, deren eines von der philosophischen Fakultät der Lemberger Universität mit dem ersten Preis der Wawelberg'schen Stiftung ausgezeichnet wurde, brachte auszugsweise aus seinem demnächst im Verlage

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