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Die Wahrheit · 1915-04-23 · Heft 16 (23.4.1915) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 16 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 16. Seite 4. Die Wahrheit Leider gibt es in dieser großen Zeit auch kleine l Persönlichkeiten und Vereinigungen, welche niedrig genug! sind, aus diesem Meere von Unglück für sich Vorteile herausfischen zu wollen. Möge» sich rasch energische und tüchtige Staatsmänner finden, welche durch geeignetes Eingreifen solche unsaubere und gemeingefährliche Versuche im Keime unterdrücken. Leute, welche jetzt noch Getreide und Mahlprodukle verheimlichen oder andere Lebensmittel verteuern, find Schädlinge, die keine Schonung und Rücksicht verdienen. Landesvertretnngen und Bezirksverwaltungen, welche gegenwärtig noch ausschließlich ihr enges Berwaltungsgebiet mit Edelgetreide versorgen wollten und alle anderen Staatsbürger, deren Männer anslese rinn auch zum Schutze ihrer Gebiete gegen den gemeinsamen Feind kämpfen, kaltblütig von ihren Borsorgebestrebnngen ansschließen, sind keineswegs vom richtigen und angemessenen Patriotismus beseelt, welchen die gegenwärtige große Zeit gebieterisch fordert. Jene Zuckerfabrikauten und Händler z. B., welche gegenwärtig aus p u r e r G e w i n u s u ch t die aufgestapelten reichen Zuckermeugen, trotzdem die Ausfuhr nach England unmöglich geworden, znrückh alten, damit der künstlich heranfgeiriebene, horrende und ganz ungerechtfertigte Zucker- Preis nicht falle, oder noch vorrätige Kartoffelmengen nicht aus den Markt bringen, um den Preis noch höher heraufbriugen zu können, handeln nicht weniger schändlich als etwa einige Schacherjuden unter den schwer heimgesnchten Flüchtlingen aus den Ländern der Nordgrenze des Reiches, welche Lebensmittelverteuerung betrieben und auf die allein die Wiener Judenfeinde die Augen der Allgemeinheit zu richten belieben. In den letzten Jahrzehnten erfreute sich in Oesterreich die Landwirtschaft der ganz besonderen Staatsfürsorge^ trotzdem die Industrie und der Handel zur Füllung des Staatssäckels viel ausgiebiger beitrug. Die landwirtschaftlichen Vereinignugeu durften Getreide- und Fleischpreise, sowie alle anderen Prndnkte der Landwirtschaft unverhältnismäßig rasch zu einer Höhe hinaufschuellen, wie sie im gottgesegneten Oesterreich unerhört sind und auch die gegenwärtig festgesetzten Höchstpreise für Getreide und Mahlprodukte erlauben dem Landmanne ein wahrhaft l u k e r a t i v e s Einkommen. Der Kriegssozialismus faßt aber gegenwärtig Gewerbe, Industrie und Handel entschieden empfindlicher und besonders das große Heer der vermögenslosen Beamten, Lehrer und Angestellten, sowie, der Arbeiter verspüren ihn am stärksten. In einer Zeit aber wo alle wehrfähigen Söhne des Vaterlandes, gleichgiltig aus welchen Volksschichten und Bernsen sie stammen, einträchtig in den Schützengräben gegen auswärtige Feinde kämpfen, ist jede einseitige Parteinahme ungerecht und empörend. Mögen daher alle Volks¬ und Staatsschädlinge, auch wenn sie sich unter den Hohen und Begüterten finden, energisch und kraftvoll zur Rechenschaft gezogen werden. Der weitaus größte Teil des österreichischen Volkes erträgt gegenwärtig die großen und gewaltigen Anforderungen wacker und das Volk hat die größte Probe auf den G e m e i n s i h n ehrenvoll bestanden. Zn den kostbarsten Errungenschaften des Krieges wird man sicherlich anch eine allgemeine Steigerung der Vaterlandsliebe und des Gemeinsiunes zählen können, aber auch eine entschiedene Verurteilung aller unbegründeten Vorzugsstellungen und der niedrigen Selbstsucht. R. L. Der «eue Mater der Mgc. Unter der Ueberschrift: „Der neue Vater der Lüge über die russischen Pogrome" bringen die „Münchener Neuesten Nachrichten" in der Nummer vom 8. April folgenden interessanten Artikel: Der Ruhm der verflossene» russischen Gesandten in Konstantinopel, Jgnatiew, läßt den jetzigen Minister des Aeußeren, Herrn Sasauow, nicht schlafen. Was bedeuten die kleinen Lügen des von den Mohammedanern so treffend gekennzeichneten „Vaters der Lüge" gegen Sasanows eiserne Stirn, der in der Dumasitzung vom 9. Februar l. I. konstatierte. daß, wenn die Juden in dem von dem Kriege betroffenen Gebiete hätten leiden müssen, dies in feinem größeren Maßstabe sich ereignet hätte, als es auch bei der christlichen Bevölkerung der Fall war! Der neue „Vater der Lüge" erklärte denn auch kaltblütig, daß „nur bösartige Elfiudungen der Deutschen den Russen die Pogrome angedichtet" hätten. Englische Apologeten der russischen Regierung haben dann, bewußt oder unbewußt, Sasanows Konstatierung als unerschütterliche Tatsache anerkennen wollen. Aber selbst in England haben die russischen Lügen nicht durchaus verfangen können und ein am 18. März im „Labnr Leader" in London veröffentlichter Aufsatz „Haben in Rußland Pogrome stattgefundeu?" beschäftigt sich mit der rnssischeu Regierungslüge. Einiges daraus sei an dieser Stelle wiederholt: „Trotz Sasanows Ablengnnngen sind die Pogrome und namentlich die Austreibungen ganzer jüdischer Gemeinden durch russische Behörden ans einer großen Anzahl Städte, Austreibnngen, die in ihrer Brutalität mit den Martern der Inquisition wetteifern, durch zahlreiche und beständig wachsende Beweisstücke, welche in der russischen Presse veröffentlicht werden, bestätigt. Eine ganze Lawine authentisch bestätigter Berichte ist so unwiderstehlich in ihrem Lauf, daß es selbst der russischen militärischen Zensur unmöglich ist, die Tatsachen in Abrede stellen zu wollen. Diese Tatsachen, welche den Vorhang, der die Tragödie der Juden in Polen verhüllt, nur ganz wenig lüften, genügen aber vollständig, um das Gewissen der Menschheit erschauern zu machen, obwohl das Menschliche Gemeinschaftsgefühl durch die Brutalitäten des jetzigen Krieges so schwer gelitten hat." Der Aufsatz im „Labour Leader" zitiert des weiteren, um die Verlogenheit von Sasanows feierlicher Erklärung zu beleuchten, eine Reihe charakteristischer Aufsätze und Berichte aus den russischen Zeitungen „Nowy Woschod" und „Rasßwjet" vom vorigen und diesem Jahre, die in Petersburg unter den Angen der militärischen Zensur erscheinen. Da ist zunächst ein Interview mit den Dumamitgliedern Keineß und Januschkewitsch zitiert, die eine ganze Anzahl von Städten in dem vom Kriege heimgesnchten Gebiete besucht haben: „Die Juden in all diesen Plätzen leben in Schrecken und Angst vor den Terrorisierungen. Der kleinste Anlaß kann einen Pogrom Hervorrufen, deren schon eine große Anzahl stattgefundeu hat. Die Inden sind faktisch einer Willkürherrschaft ausgeliefert, die bereits entsetzliche Resultate hervorgerufen hat. Zu Jurburg sind fast sämtliche jüdischen Häuser und Läden geplündert lvordeu, obwohl die russischen Soldaten den wärmsten Empfang von den Juden erhalten und diese ihr letztes Stück Brot mit ihnen geteilt haben." Ein Leitartikel der „Nowy Woschod" gibt einen Ueberblick über die in den sechs Kriegsmonaten den Inden widerfahrenen Schicksale und sagt u. a.: „Hunderte von unschuldigen Inden sind zum Tode verurteilt, Zehntansende von ihren Geburtsstätten verjagt worden; zahlreiche Pogrome haben stattgefunden und, was noch schlimmer ist, eine dicke Pogromatmofphäre ist geschaffen . . . (hier waltete daun der Zensor). Und in all dieser Zeit floß das jüdische Blut täglich auf den Schlachtfeldern in Strömen und Hunderte und Tausende von Juden haben all ihre Habe verloren, da sie mitten in den schlachtendurchtobten Gebieten ihren Wohnsitz hatten." Ein jüdischer Soldat in der russischen in Polen kämpfenden Armee schreibt: „Es sind nun drei Monate, seit dem wir in Polen hin- und hermaschieren. In all dieser Zeit habe ich den Jammer und die Tränen, das Leid und die Verzweiflung der jüdischen Bevölkerung gesehen, die zu unsagbarem Unglück verdammt ist. Aber die größte Bitternis ist für sie, daß diejenigen, die sie verteidigen sollten, sie am härtesten schlagen. All ihre Hoffnung setzen sie auf uns, die russischen Soldaten. Hier in Polen hörten wir zuerst das Heulen dieser menschlichen Schakale. Phantastische Geschichten

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