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Die Wahrheit · 1915-04-23 · Heft 16 (23.4.1915) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 16 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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, Redaktion and Administration: Allen, II., Novaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.889. ^«abhängige Aertschnft für jüdische Bezugspreis: Ganzjährig. . . . , . K 15 — Halbjährig.K 7.50 : Administration Aut. 47.654 K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 400.918. Interessen. Für Kultus beamte: Ganzjährig.K 10. — Inserate: Erscheint jeden Kreita»;. — Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Für Ausland: Abonnemenrsnnd Jnsertions- Ganzjährig.8 Mark betrüge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 8 Rubel oder 16 FrcS. Nr. 16. 23 I1M5 Inhalt: Der Patriotismus im Kriege. — Der neue Pater der Lüge. — Die Behandlung der Juden in der Türkei. — An jenem Pessach-Abend. — Antisemitische Gelehrsamkeit. — Der russische Generalissimus Nikolai Nikolajewitsch und Pharao. — Verschiedene Nachrichten. — Wohltätigkeitsaktion des österr.-ungar. Kantorenvereines. Der Patriotismus im Kriege. Der Wellkrieg währt jetzt schon nahezu neun Monate und hat während dieser Zeit von der Menschheit mehr Opfer geheischt, als alle Kriege der Welt durch den Zeitraum der letzten hundert Jahre zusammen gesorderl haben. Die Liste der Toten, Verwundeten mrd Kampfunfähigen hat eine enorme Höhe erreicht und groß lvird auch nach dem Kriege die Zahl jener Krüppel und Siechen sein,, die vor dem Kriege die Auslese der Männerwelt vorstellten. Weite, vormals gottgesegnete Landstriche wilrden gründlich verwüstet und der Schützengrabenkampf hat die frnchtbarsten Felder anr Jahrzehnte hinaus in Oedland verrvandelt. Städte und Dörfer liegen in Ruinen und Gewerbe und Handel in denselben sind vernichtet. In die Millionen wuchs die Zahl der armen Kriegsflüchtlinge, welche ans Wohlstand in den Bettelstand geschlendert wurden nnd nun in sremden Gegendell umherirren. Selbst in den vom Kriege nicht unmittelbar heimgesnchten Gegenden der kriegführenden Staaten nnd sogar in nentralell Staaten wird die Kriegsnot verspürt. Und diese noch nie dagewesene, allgemeine Not wird überall geduldig dnrchgehallen, selbst in dem geknebelten nnd an gefährlichen anarchistischen Verschwörungen nicht armen Rußland. Diese Erscheinung bedeutet ein erfreuliches Ehrenzeichen für die ganze Menschheit und zeigt, daß Vaterlandsliebe nnd unbegrenzte O p f e r w i l l i g t i e t für dasselbe trotz der angeblichen Nüchternheit und dem Schwinden aller Ideale, in welche die Menschheit nach vielen Versicherungen verfiel, noch lebe nnd sich in umgekehrter Weise äußere. Die Palme dieser geschilderten Tugenden tragen die wackeren Nationen der verbündeten mitteleuropäischen Staaten davon. Die Heere des Deutschen Reiches und Oesterreich-Ungarns erregen durch ihre tapferen Kriegstaten und besonders ihre A n s d a u e r das Staunen der Mitwelt und erzwingen sogar die Achtung und Anerkennung ihrer Gegner. Die kühnen Unternehmungen der unerschrockenen deutschen mit) österreichischen Seehelden riefen geradezu Sensation in der ganzen Welthervor und die allgemeine Begeisterung und Opferwilligkeit ihrer Völker, den Krieg zu einem „guten Ende" 511 bringen, ist lange nach nicht erlahmt. Die edlen Osmanen zeigen sich ebenfalls patriotisch und kriegstüchtig und auch unsere Gegner, insbesondere die Franzosen, bewahren eine achtenswerte Ausdauer und jammerschade, daß sich diese Nation durch ihr korrumpierendes Bündnis mit dem russischen Zarismus unfähig machte, an der Spitze der Kultur itnd des Fortschrittes zu marschieren. Nur die britische Nation scheint im Belange des echten und wahren Patriotismus noch lange nicht mit den anderen Nationen konkurrieren zu können. Obgleich das System der allgemeinen Wehrpflicht bereits bei allen europäischen Staaten und auch im fernen Japan durchgedrungen ist, konnte es bei den Briten noch nicht dnrchgreifen. Großbritannien muß heute noch seine Krieger für schweres Geld mieten und die Vaterlandsliebe vermag trotz guter Bezahlung in der Zeit der Kriegsnot noch lange nicht genug Vaterlandsverteidiger unter die Fahnen zu bringen. Es wagte zu viel, als es sich in die Kriegshändel nn verflossenen Jahre selbst mittätig mengte, denn sowohl das englische Landheer wie auch seine Seemacht verlor seither viel von seiner ehemaligen Reputation. Großbritannien wird heute schon von seinen russischen nnd japanischen Verbündeten zu seinem geheimen Aerger düpiert nnd mißbraucht. Keinesfalls liegt es im Interesse Englands, den Russen Konstantinopel und den Japanern die Führung Chinas zu erkämpfen, noch dazu, wenn solche Kriegszüge ergebnislos verlaufen nnd neue gefährliche Verwicklungen auszulösen drohen. Auch nach England fliegen nun zu seiner Verblüffung schmerzende Kriegspfeile und es ist sehr unsicher, ob auch dort der Volkswille, „durchzuhalten", in dem Maße vorhanden ist, wie in Deutschland oder Oesterreich-Ungarn. Die britische Regierung erwartet auch ihren eigenen Eingeständnissen zufolge gar nicht mehr den Kriegsfuror ihrer Gegner etwa im Felde zu brechen, sondern hegt die wenig tapfere Hoffnung, die Feinde schließlich durch Hunger zu bezwingen. Die Organisation des Lebensmittelverbranches in Deutschland und Oesterreich-Ungarn sucht aber diese Gefahr kraftvoll abzuwenden und hier ist der V v l k s p a t r i 0 t i s m n s auch bereit, trotz aller Einschränkungen durchzuhalten. Gelingt der Kampf gegen dieses kräftigste Kriegshindernis, das bekanntlich auch Eisen brechen kann, dann haben die mitteleuropäischen Völker die schwierigste Probe auf ihre Vaterlandsliebe bestanden, daltn kann den europäischen Zentralstaaten der endliche Sieg nicht ansblerben. Nur die Staaten werden aus dem gegenwärtigen furchtbaren Völkerringen endlich siegreich hervorgehen, deren Völker die größte Summe vnn Patriotismus besitzen, der sie nicht nur kampftüchtig macht, sondern zum Ertragen aller Widerwärtigkeiten des Krieges befähigt.

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