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Die Wahrheit · 1915-04-16 · Heft 15 (16.4.1915) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 15 (16.4.1915)
Date
1915-04-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 15 Seile 6 in der schändlichsten Weise geplündert. Täglich kamen neue Horden und verbreiteten sich wie Heuschrecken. Drei Herren wurden als Geiseln ansgehoben: Abgeordneter Okuniewski, Gutsbesitzer Bezner und Hotelier Weinstei;'.. Sie wurden zusammen mit den Kolomeaer Geiseln zunächst nach Czortkow gebracht. Als die letzte Gruppe abzog, tränte man sich noch immer nicht die Wohnungen zu verlassen. Erst tags' darauf, als unsere erste Patrouille eintraf, eilten alle, Männer, Frauen und Kinder, erstere, da es gerade Samstag war, mit ihren Gebetmänteln aus der Synagoge herbei, küßten bie Mäntel unserer Soldaten und weinten —• Frendentränen. Die schreckliche Leidenszeit hatte ein Ende. Erklärung. Reichsratsabgeordneter Heinrich Reizes, dessen offenen Brief an den russischen Minister des Aeußeren, S asanow, wir seinerzeit veröffentlichten, gibt jetzt gegenüber einem seitens der russischen Regierung in die Welt gesetzten dementierenden Kommulliqnö folgende öffentliche Erklärung ab: »Meinen offenen Brief an den Minister des Aeußeren, Sasanow, stellt die russische Regierung in einem durch die Petersburger Telegraphenageutnr versendeten Kommuniquö ein öffentliches Dementi entgegen, in welchem sie meine tatsächlichen Angaben ableugnet. Demgegenüber erkläre ich kategorisch, daß ich die in dem offenen Briefe enthaltenen Anschuldigungen gegen die russische Regierung und deren Armee vollständig aufrechtrhalte, da sie in jeder Hinsicht ans Wahrheit beruhen; ja, sie geben kaum einen geringen Bruchteil dessen wieder, was von den Russen an Grausamkeit und Scheußlichkeiten aller Art an den Inden verübt wurden. Jeder Tag bringt dafür neue Beweise. Die darüber in der Bukowina und den von den österreichischen Truppen jüngst befreiten Städten und Gegenden Südostgaliziens aufgenommenen Protokolle enthalten Schilderungen, welche Schauder erregen. Man dünkt sich in die Zeit der Tartareneinbrüche zurückversetzt. Mord, Raub und Schändungen ohne Zahl; keine Spur einer menschlichen Regung! Bedarf es aber auch einer gewichtigeren Illustration der Wahrhaftigkeit der obigen Beschuldigungen als des bekannten grauenerregenden Befehles des russischen Obersten Armeekommandos? Westlich von Jaroslau müssen alle Inden ihre Wohnstätten, in denen sie schon seit Jahrhunderten leben, verlassen; sie müssen Haus. Hof, Hab und Gut aufgeben und zum Wander- und Bettelstäbe greifen; im Reste Galiziens aber werden die Inden in ihren Aufenthaltsorten interniert — all dies mit einer Begründung, welche darauf hinanslänft, daß die Inden dem Staate, dessen Bürger sie sind, die pflichtgemäße Treue und Anhänglichkeit bewahren. Nicht besser ergeht es den Inden in Rußland und Russisch-Polen. Diesbezüglich will ich einiges ans der Rede des Dumaabgeordneten Czcheidze anführen, welcher sagte: .Hunderttansende russischer Inden wurden unter die Waffen gerufen und gleichzeitig wird der Druck der Rechtlosigkeit selbst für einen Augenblick auch den jüdischen Verwundeten gegenüber nicht schwächer. Systematisch und unaufhörlich verbreiten die Diener der Reaktion ungeheuerliche Gerüchte und offene Verleumdungen gegen die jüdische Bevölkerung. Diese Politik hat in de»'an den Kriegsschauplatz angrenzendeu Gegenden zum Vergießen eines Meeres von Blut und zur vollständigen Vernichtung des gesamten Vermögens der ruhigen jüdischen Bevölkerung -geführt." Dies die Worte eines russischen Abgeordneten vor der versammelten Duma in Gegenwart der russischen Regierung. Ein anderer — Rußland gegenwärtig gewiß nicht ungünstiger gesinnter — Zeuge, der Kriegskorrespondent der Londoner „Daily Mail", berichtet seinem Blatte, sein Antomobil sei auf der Fahrt nach Warschau durch Scharen von Juden am Vorwärtskommen gehindert gewesen, welche durch Russen gewaltsam auh ihren Wohnstätten vertrieben wurden. Die Frauen, Kinder und Greise brachen unter den Mnhsalen der Wanderung, .Hunger und Plagen zusammen, während die waffenfähigen'Männer den Russen Kriegsdienst leisten mußten. Die russische Negierung leugnet das Vorkommen von Pogromen ab; ein solcher ist leider, sogar in meiner Vaterstadt Lemberg vorgekommeu, wobei viele Unschuldige umgekommen und verletzt wurden. Dies war die Visitenkarte, welche die russische Kultur in der herrlichen, freiheitsliebenden Stadt abgegeben hat. Andere Einzelheiten anznführen, ist hier nicht am Platze; wer sie erfahren will, lese in den in London —* nicht tu den Zweibundstaaten —> erscheinenden „Jewish Chronicle" den Artikel des bekannten amerikanischen Schriftstellers Kennan, »Der Zar ltixb die Inden" .und anderes nach. Worum es-der russischen Regierung bei ihren Demeittis zu tun ist. habe ich schon in meinem offenen Briefe erwähnt, und folgt aus dem Communiqns der Petersburger Agentur; sie will die öffentliche Meinung der neutralen Staaten und insbesondere der dort wohnenden jüdischen Bevölkerung irresühren. Einen nennenswerten Erfolg wird sie nicht erzielen. Vielleicht haben sich anfangs Angehörige der neutralen Staaten dadurch verleiten lassen, daß der Entente Frankreich und England angehören, deren Verdienste um die Freiheit in vergangenen Zeiten nicht bezweifelt werden können. Gegenwärtig aber ist es für jeden klar, daß es die Pflicht sämtlicher Inden der neutralen Länder ist, ganz und voll für den Zweibund einzutreten, wenn sie der jüdischen Sache nicht abtrünnig sein wollen. Für die jüdische Frage kommen England und Frankreich mit ihren zusammen 350.000 Inden wenig in Betracht: hingegen hätte ein Sieg der Entente die Präponderanz der russischen Reaktion in Europa und eine furchtbare Verschärfung der schon unerträglichen Knechtung von sechs Millionen russischer Inden zur Folge; sie würde eine Million Inden, welche in Galizien und der Bukowina wohnen, der österreichischen Freiheit teilhaftig und mit ihr verwachsen sind, vor die Wahl stellen, sich unter das schreckliche — umso schrecklichere, weil ungewohnte —■ Joch der russischen Barbarei und Rechtlosigkeit zu beugen oder das Heimatland zu verlassen. Bei wem das Gefühl für die Freiheit und das Geschick seiner Mitmenschen nicht erloschen ist, für den ist die Wahl nicht schwer, auf wessen Seite er sich mit seinen Sympathien zu stellen hat: auf Seite des grausigen, finsteren Rußland oder des hochknltnrellen Deutschland und des freien Oesterreich. Heinrich Reizes, Reichsratsabgeordneter. Gin Knriosnm. Von Prof. Dr. Kahan, Znaim. Z u a i m, die berühmte Gurkenstadt, hat eine radikale Stadtvertretung und sein Reichsrats- und Landtagsabgeordueter ist ein — Teufel! Ist es da zu verwundern, daß sich hier ein Schuft von einem Anonymus gefunden hat, der dem Bürgermeister die sensationelle Mitteilung machte, die Juden hätten iu ihrem Tempel sowie in der Totenkammer am Friedhof Mehlvorräte liegen, um sie der Behörde zu verheimlichen? Daß es Leute gibt, die diese unverschämte Luge glaubten, zeugt nicht gerade von hervorragender Intelligenz derselben, daß aber viele Zeitungen in Wien und der Provinz diese Lüge als Tatsache berichten, zeugt leider von der Verrohung gewisser Kreise, die sich zur Intelligenz des Volkes rechnen! Und doch ist in dem radikalen Znaim etwas geschehen, was nicht nur den wahrhaft Intelligenten als Kuriosum erscheinen wird, sondern auch den verbohrten Antisemiten zu denken geben muß. Während nämlich die Haupt- und Residenzstadt. Wien wohl die Brotkarten „klaglos" verteilen, aber das Brot lucht schmackhaft machen konnte, ist in Znaiin nicht nur das schmackhafteste Brot reichlich vorhanden, sondern auch. Mehl, und Hafer in solcher Menge, daß man auf das famose Maismehl verzichten kann und Vorräte bis über den August gesichert sind. . .. . .

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