Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 15 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15, Die Wahrheit Seite 5. die Russen, sämtliche . Aktenbündel, nachdem sie sie zuerst anseinandergeheftet und durcheinandergemischt hatten, über jämtliche Amtsräume der Post. Meterhoch lagen oft diese Faszikel übereinander. und es scheint fast unmöglich, sie wieder ordnen zu können. Umsomehr muß die Tätigkeit unserer Postverwaltnng gelobt werden, als sie doch einige Räume bald instand setzte und seit zehn Tagen den vollen Betrieb wieder aufnahm.. Dasselbe gilt auch von den anderen Behörden, die sukzessive nach Czernowitz znrückkehreu. Bon Czernowitz fuhr ich in einen Teil Ostgaliziens, das jetzt wegen der dort , stattfindenden heftigen Kämpfe im Vordergründe, unseres Interesses steht. Mein Weg führte über Lnzan, Nepolokontz zunächst nach Sniatyn. Längs der ganzen Wagenfahrt — der Eisenbahnverkehr soll in den nächsten Tagen ausgenommen werden — konnte ich in jeder Ortschaft den russischen Vandalismus feststellen. Kein jüdisches Hans wurde verschont. Alle Wohnungen, deren Bewohner geflüchtet waren, sind völlig leer, die Häuser selbst zum größten Teil demoliert oder eingeüschert. Ein Bild des Jammers. Da standen gerade zwei Familien, die zurückgekehrt waren, vor den Nnineu ihrer Häuser und rangen verzweifelt die Hände. Arme Dorfjnden. die sich ihr ganzes Leben gerackert, bis sie ein kleines Hänschen ihr eigen neunen konnten, sind nun buchstäblich zn Bettlern geworden. Ratlos stehen sie eine Weile vor den Trümmern ihrer Habe, nehmen dann unter Tränen Abschied von ihrem angestammten Wohnsitze und ziehen zurück in die Hauptstadt, wo sie wenigstens Unterkunft finden. Wahre Ahasvergestalten .. . In Sniatyn, der Grenzstadt von Galizien und der Bukowina, hielt ich mich etwas länger ans. Sniatyn, ein Städtchen von bekanntem ostgalizischen Typus, zählt etwa 12.000—15.000 Einwohner, davon mehr als die Hälfte Juden, der Niest verteilt sich auf Rnthenen und Polen. Die Russenherrschaft ist hier verhältnismäßig noch am glimpflichsten abgelaufen. Der Kommandant, ein Pole, war nämlich mehr für Geld als für gute Worte für alle und alles zu haben. Auch die „lieben Inden" nahm er so oft in Schutz vor den Plünderungen seiner Soldateska, wenn sie den sanften Bitten die klingenden Münzen folgen ließen. Für einen Pelz, der 1600 Kronen kostete, beschützte er die Fabrik des W. Aber auch kleinere Beträge wies er nicht zurück. Er war es auch, der dem Großrabbi von Wiznitz. Hager, zur Flucht verhalf. Natürlich gegen Erlag einer größeren Summe. Man spricht von 5000 Kronen. Und das kam so. Rabbiner Hager, der über eine große Zahl von Anhängern und Verehrern namentlich in Galizien, der Bukowina und Ungarn verfügt, war anfänglich, schon mit Rücksicht auf die große Zahl seiner Allhänger, die zu ihm geflüchtet waren, um unter seinen Fittigen Schutz-zu finden, fest entschlossen, seinen Wohnsitz nicht zu verlassen. Ein würdiges Pendant 511 Erzbischof Repta, der bekanntlich während der ersten Russeninvasion in Czernowitz ebenso zum Schutze der armen Bevölkerung zurückgeblieben war. Doch beide sahen sich in ihrer Erwartung, die Bevölkerung zu schützen, arg getäuscht. Die skandalöse Behandlung des Rabbiners veranlaßte diesen schließlich, die Flucht^ zu ergreifen. Der Plan wurde jedoch den Russen verraten nnd eine Kasakenpatronille setzte dem flüchtenden Rabbi nach nnd erreichte ihn bei Putilla. In ihrer Roheit versetzten sie dem ehrwürdigen Manne mehrere Kolbenhiebe und brachten ihn nach Wiznitz zurück. Schließlich gelang es ihm doch, nach Sniatyn zg entkommen, von wo ihn, wie erwähnt, der Kommandant dieses Städtchens unter Beigabe von zwei Soldaten bis zur rumänischen Grenze bringen ließ. Voit hier fuhr Rabbiner Hager über Rumänien nach Ungarn. . Derselbe Kommandant war übrigens kurze Zeit auch in Sadagora tätig und auch dort war er auf sein eigenes Wohl sehr bedacht, mehr als ans das seines Staates. Ein nettes Geichichtchen, das. mir Gntspächter R. erzählte, sei hier wiedergegeben. Eines Tages ließ besagter Kommandant aus dem Meierhpfe des R. einen Stier holen und zugleich sagen, daß er. für ihn.160. Rubel zahlen werde. Der Eigentümer möge kommen. Nach einigem Zögern begab sich R, in. die Amiswohnung, wo er auf» freundlichste empfangen und mit Zigaretten und Bier bewirtet wurde. Die 160 Rubel bekam er aber nicht zu sehen. Beim Abschied entließ ihn der Kommandant sehr gnädig und ermunterte ihn, sich in jeder Gefahr an ihn zu wenden. Am selben Tage noch verbreitete sich das Gerücht, die russischen Soldaten wollen den Meierhof des R. in Brand stecken. Erschrocken eilte R. neuerlich in die Amtswohnung, wo ihn der „liebenswürdige" Kommandant beruhigte nnd sofort Verfügungen zum Schutze des Meierhofes traf. R. mußte eine Quittung über den Empfang der 160 Rubel (die er tatsächlich nicht erhielt) fertigen nnd außerdem 40 Rubel in barem erlegen. Dafür prangte am Eingänge des Meierhofes ein ärmlich-russisches Attest, gezeichnet vom Czernowitzer Gonvernenr-Evreinoff. in dem der Meierhof als russisches Staatsgut erklärt nnd jede Beschädigung desselben mit dem Tode bedroht wurde. So haben die 200 Rubel den Meierhof in Znczka, der Eigentlim des griechischorientalischen Religionsfonds ist, vor weiterem Schaden gerettet, während unzählige andere Gutsnnd Meierhöfe völlig vernichtet und eingeäschert wurden. So wird der Schaden, den die Rtlfsen in Szipenitz. dem Gute ves Gutsbesitzers Korn, angerichtet haben, auf mehr als l1/., Millionen Kronen eingeschätzt. Bon Sniatyn fuhr ich nach Horodenka. Hier konnte ich noch deutlicher die Spuren der russischen „Kulturträger" konstatieren. Die Straße in einem erbärmlichen Zustande, kaum auffindbar. Ich traf Hunderte von Arbeitern, die mit dem Wegschanfeln des Schnees nnd dem Jnstandsetzen der Straße beschäftigt waren. Das Städtchen Horodenka ist Bahnstation der Lokalbahn Zaleszczyki—Kolomea—Delaiyn nnd zählt etwa 15.000 Einwohner; die Mehrheit ist ruthenisch. Horodenka ist Wahlkreis des Abgeordneten Okuniewski. Etwa sechs Wochen war die Stadt völlig herrenlos. Die arme Bevölkerung, nameiltlich die jüdische, mußte jedoch die Schonzeit bald bitter büßen. Mitte Dezember rückte eine russische Besatzungstruppe ein nnd damit begann die wahre Schreckensherrschaft. Der Kommandant. Jermulenko. wurde mir von allen Seiten als ein Wüterich schlimmster Sorte geschildert. Namentlich auf die Inden hatte er es abgesehen. Ein zweiter Torquemada, ersann er täglich neue Repressalien und Gewaltakte gegen die jüdische Bevölkerung. Täglich erließ er neue Ukase, die den Zweck hatten, die Inden auf jede nur mögliche Weise zn schädigen. Er ging aber in seiner Bestialität so weit, daß er täglich vom Fenster ans ruhige Passanten, Juden, von der Straße verhaften und in seinen Amtsraum bringen ließ, wo ihnen grundlos 25 Nagackahiebe appliziert wurden. Unter den Verordnungen Jermnlenkos, der sich übrigens immer Informationen in Czernowitz holte, verdient erwähnt zn werden, daß die Geschäftsinhaber beauftragt wurden, ihre polnischen oder deutschen Schilder gegen solche mit russischer Aufschrift einzutauschen. Das Lesen von Zeitungen war strenge untersagt. Hie und da wurde eine Nummer des „Bnkarester Tagblatt" eingeschmuggelt und dafür 10, 15, mitunter auch 20 Kronen gezahlt. Wie die Maranuen in Spanien, versammelten sich daun die Zeitungsleier in einem fast hermetisch abgeschlossenen Raume, wo sie ungestört die allerdings dürftigen Nachrichten in sich aufnehmen konnten. Während meiner Anwesenheit, zwei Wochen nach der Entsetzung. konnte ich noch wahrnehmen, wie eingeschüchtert und gebrochen die Leute einhergehen. Der Schreck steckt noch in ihren Gliedern. Kindlich-naiv waren ihre Fragen, die sie an mich richteten. Ob es denn wahr sei. daß Przemysl noch in unserem Besitz sei, ob Paris und Warschau schon gefallen wären? Für eilte Nnntmer der „Neuen Freien Presse" vom 5. d. M. bot man mir vier Kronen an. Ich präsentierte sie dem Stadtkommandanten Oberstleutnant M. Am gefährlichsten gestaltete sich der Abzug der Russen, der zeitlich mit der Entsetzung Kolomeas begalin. Zum Unglück für die ohnehin schwergeprüfte jüdische Bevölkerung bewegte sich der russische Rückzug von Kolomea über Horodenka nach Zaleszczyki. Fünf Tage und ebensoviele Nächte wurde