Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 14 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 14. Die Wahrheit dann ist es unvermeidlich, daß diese gewissenlose Methode auch von Parteien oder mindestens von mo ral losen Parteiführern nachgeahmt wird. So wird auch die Korruption und der Verrat begreiflich, der sich immer schamloser und häufiger in solchen Kreisen breitmacht. Der politische Volksbetrng wird in der Gegenwart trotz gesteigerter Volksbildung und errungener Volksrechte nicht weniger schwunghaft betrieben, als in den dunklen Zeiten des Vormärz.. Ist aber das nackte Selbstinteresse im Staatsverkehre zulässig, dann läßt es sich aus die Dauer nicht vermeiden, daß dieser niedrige und gewiß verwerfliche und gemeins ch ädlich e Beweggrund auch im inneren Volksleben und innerhalb der Familie nberhandnimmt und den Fortbestand desselben als fressender Krebsschaden gefährdet. Tugend und Moral liegt ja eben darin, daß die Familie, die Gemeinde und der Staat als heilige, notwendige Organisation über die Einzelwesen gestellt und allgemein als solche anerkannt werden. Das gemeinsame Interesse adelt und erhebt den Menschen, der nackte Egoismus zieht ihn aber hinab und stellt ihn auf die Enwicklungsstufe des Tiere s. Einzelinteresse und Gemeininteresse sind deshalb einander entgegengesetzte und daher einander bekämpfende Begriffe. Nur das Interesse der Gemeinsamkeit hat die Menschheit höher gebracht, wird es aber vom Einzelinteresse wieder überwuchert, dann ist auch der Kamps gegen den gemeinsamen Organismus, der wahre Anarchismus, entfesselt. Der Verlauf des Weltkrieges, der alle kämpsenden Staaten hart trifft, läßt trotz aller für uns günstigen Vorzeichen den Ausgang desselben nicht klar erkennen. So viel ist aber bereits sicher, daß jene Kriegshetzer frech gelogen haben, die von einem „Stahlbade" faselten, das der Krieg für die an demselben beteiligten Völker vorstelle. Die Motive sind wohl edel, welche die Krieger ins Feld bringen, aber die Not und die ungeahnten Gefahren des Krieges entfesseln auch ungeahnte Laster, die bis dahin unbetätigt schlummerten. Der maßlose Zorn und die damit verbundene Lockerung der Moral zeitigte bei unseren Gegnern, nicht nur im russischen Heere allein, Orgien des Bestialismus, die das Staunen und Entsetzen der friedlichen Menschheit erregten. Ein Rückblick in die Weltgeschichte lehrt aber klar, daß alle großen und länger andauerden Kriege eine Verrohung der Völker hervorbrachten, die verhältnismäßig lange andauerte und die Wiederkehr geordneter und einwandfreier Verhältnisse oft jahrzehntelang verzögerte. Gebe daher die gütige Vorsehung, daß der verderbliche Weltkrieg bald sein Ende erreiche! Es.ist aber bereits hohe Zeit, daß die einzelnen Bürger für das innere Staatsgetriebe Augen und Ohren offen halten und jene gewissenlosen Volksverhctzer und Prediger des Hasses nach Gebühr einschätzen, die bereits ihr Unwesen in politischen Vereinen und in der öffentlichen Tagespresse treiben. Dieses gefährliche Schüren des Nationalhasses sowohl, als des konfessionellen und Klaffenhaffes in der gegenwärtigen schwer bedrängten und aufgeregten Zeit ist ein wahres M e p h i st o- Unternehme n, welches die Unternehmer schwer belastet und brandmarkt. Ein solches Unterfangen ist auch sei ge, weil es die durch den Kriegszustand hervorgerufeue Unfreiheit für egoistische Zwecke einseitig ausznnützen und zu mißbrauchen sucht. Ist es beispielsweise ehrenhaft, wenn antisemitische Blätter gegenwärtig beharrlich nur jüdische Lebensmittelwucherer und betrügerische Heereslieseramen namentlich publizieren und alle christlich-arischen Mitglieder dieser gemeinschädlicheu Gesellschaft verschweigen?. Wollen diese Psendo-Patrioteu zu dem verderblichen Kriege gegen das Ausland auch noch innere konfessionelle und Klassenkämpfe hinzufügeu, um im Trüben den Bestand und die Macht ihrer schwer gefährdeten Bereinigung in die Zeit nach Kriegsschluß hinüberretten zu können? Allerdings ist zu hoffen, daß ihnen diese gemeingefährlichen Bestrebungen nicht gelingen werden, denn die österreichische Regierung bewährt auch im Kriege ihre Macht und hat im Laufe desselben bereits gar manche tiefeinschneidende Einrichtungen im Interesse des Gemeinwesens durchgeführt. Soivohl die Handelsfreiheit, als auch die individuelle Freiheit der einzelnen Staatsbürger, sich nach Belieben zu ernähren, wurden bereits gewaltig eingeengt, soweit diese Privatrechte als gemeingefährlich erkannt wurden und es ist zn hoffen, daß diese staatliche Erziehung des Voltes zum Gemein sin ne auch nach diesem Kriege nicht mehr anssetzen werde. Nur dann erfüllt der Staat diese seine erziehliche Pflicht, wenn er in allen Belangen das Gesamtintereffe über Vorrechte einzelner Bürger oder Vereinigungen stellt und kraftvoll durchführt, nur dann kann er auch die Stürme und Notlagen des Krieges am sichersten überdauern. Durch die Judenverfolgungen und Verhaftungen der sozialistischen Dumamitglieder während des Krieges dokumentierte der anscheinend so machtvolle russische Staat nur seine innere Schwäche und jedes .Staatsgebilde steht ans schwachen Füßen, welches außerstande ist, die ungerecht verfolgten Schwachen gegen Ungesetzlichkeiten und Uebergriffe der Starken zu schützen. Der gemeine Egoismus ist der Hanptfeind aller Staailichkeit und jeder Staat muß in seinem eigenen Interesse gegen denselben Stellung nehmen. R. L. Jüdische Soldaten meiner Kompagnie. Im „Egyenlöffeg" veröffentlicht der Kommandant der 8. Feldkompagnie des 31. Honvedregimentes, Hauptmann Elemer Kocsy, folgende Mitteilungen über die jüdischen Soldaten seiner Kompagnie, die sicherlich die weitesten Kreise interessieren werden: Hier hört man immerfort die Frage: Wie entsprechen unsere Soldaten jüdischen Glaubens vor dem Feinde? . . . Ans die obige Frage will ich mit Tatsachen und Namen antworten, um damit zn beweisen, daß die in unseren Truppen kämpfenden jüdischen Soldaten genau solche Helden, ebenso tapfer und pflichtbewußt sind, wie die übrigen. Diese meine kleine Arbeit wird bei der Verfassung der Geschichte meiner Kompagnie, so wie ich es znsammengestellt habe, als Grundlage dienen. Mit der 8. Feldkompagnie des Vespremer Honved - Hansregimeutes zogen die folgenden jüdischen Soldaten gegen den Feind: Eugen Wolf, Einjährig-Freiwilliger-Gefreiter, Eugen N e n h a u s e r, Gefreiter, Emmerich Schiffer. Gefreiter, Julius Neumann, Honved. Zur Belohnung ihrer Verdienste und hervorragenden Verwendbarkeit habe ich von den Genannten zur Auszeichnung unterbreitet, und zwar den Einjährig-Freiwilllgen-Gefreiten Engen Wolf und den Gefreiten Eugen N e u h a n s e r für die silberne Tapferkeitsmedaille. Der Honved Julius Neu m a n u wurde gleichfalls für die silberne Tapferkeitsmedaille vorgeschlageu. Diese Auszeichnungen haben sie seither auch bereits erhalten. Zn meinen hervorragenden Soldaten gehörte auch der Gefreite Emmerich Frank, der jedoch noch während der Mobilisierung zn einer Marschkompagnie versetzt wurde, wo er znm Zugsführer vorrückte. Der Gefreite Emmerich Schiffer wurde zum Zugsführer befördert. In dem Folgenden werde ich die Taten und die Tapferkeit meiner oben angeführten braven Soldaten kurz schildern: Engen Wolf, Einjährig-Freiwilliger-Gefreiter, hat sich schon von der ersten Zeit an als fleißiger, energischer, sehr pflichtbewußter Unteroffizier erwiesen. Während der Mobilisierungstage nach den Einrückungen benützte er seine freie Zeit nicht dazu, um auszuruhen, sondern half freiwillig in meiner Kompagniekanzlei die vorkommenden schriftlichen Arbeiten dur'chznführe». Wegen seines zn umsangreichen Körperbaues wurde er auf dem Kriegsschauplätze mit anderer gleichfalls weniger marschfähiger Mannschaft zum Regimentszug eingereiht. Hier hat er um die Ausrechterhaltung der Ordnung die größte Energie und den größten Eifer an beu Tag gelegt