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Die Wahrheit · 1915-03-26 · Heft 13 (26.3.1915) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 13 (26.3.1915)
Date
1915-03-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6 Hx. 13 Die W.idrvkit sich her nach Warschau zu getrieben. Unter dem erheuchelten Vorwand, daß die Juden sich der Spionage schuldig machten, lassen die russischen Militärbehörden in wenigen Stunden bevölkerte Städte und Flecken von der Bevölkerung räumen und Tausende von Familien vertreiben. Niemand darf Zurückbleiben, weder die Notabeln, noch hundertjährige Greise, noch Wöchnerinnen. In wenigen Stunden sind etwa 50.000 Juden gleichsam in einem Kesseltreiben nach der Hauptstadt Polens geschafft worden. Sie mußten fünfzig Kilometer und mehr in Regen und Schnee täglich zu Fuß znrücklegen, denn Bauerngefährte sind entweder gar nicht oder doch nur zu unerhörten Preisen anfzutreiben. Greise und Kinder starben unterwegs. Ein Mädchen brachte den vor Frost erstarrten Leichnam ihres Vaters heran. Eine Frau, die auf dem Hof des jüdischen Gemeindegebäudes ans einem Wagen stieg, stieß einen verzweifelten Schrei ans und brach ohnmächtig zusammen, denn sie erkannte, daß das Kind, daß sie unterwegs an ihrem Busen gewärmt hatte, gestorben war. Dieses sind Tatsachen, und zwar Tatsachen, welche die russische Militärzensur hat passieren lassen, denn sie sind in dem „Nowi Woschod" veröffentlicht worden. Die Zustände sind schrecklicher als zur Zeit der spanischen Jndenanstreibung von 1492. Denn damals dienten doch die Söhne der Vertriebenen nicht in dem Heere Ferdinand des Katholischen. In Rußland aber begegnen die jammervollen Züge der Vertriebenen ans ihrem Wege unter den Soldaten des Zaren ihren Vätern, Gatten oder Brüdern, die in umgekehrter Richtung hinausziehen. um das Land zu verteidigen, aus dem man ihre Familien verjagt. Eine Tragödie sondergleichen. Aber auch die jüdischen-Soldaten selbst werden nicht besser behandelt. In Moskau wurde einem solchen im Lazarett ein Arm abgenommen. Als er das Lazarett verließ, wurde er schleunigst ausgewiesen. Ist seine Heimat vom Feinde besetzt, so mag er sehen, wo er bleibt. Er kann nicht außerhalb der Zone leben, in der seine Stammesgenossen zusammengepfercht sind. Eine alte jüdische Dame war von Lodz nach Petersburg gefahren, wo ihr Sohn lebt. Aber hier war ihres Bleibens nicht, weil sie kein Leumnudszeugnis hatte. Wie sollte sie sich aber ein solches verschaffen, da die Polizei zu allererst aus Lodz geflohen war. Isidor Kaufmann. Mit der allen wahrhaften Künstlern eigenen nnd seinem innersten Wesen entsprechenden Bescheidenheit hat Meister Isidor K a u s m a n n am 22. d. M. seinen 60. Geburtstag im engsten Familienkreise begangen. In dieser tiefernsten Zeit, da die weltgeschichtlichen Ereignisse einander drängen nnd alles Denken und Fühlen sich nur den schicksalsschweren Vorgängen ans dem Kriegsschauplätze zuwendet, mag wohl die große Oeffentlichkeit den persönlichen Gedenktagen selbst bederltender Männer geringeres Interesse als sonst entgegenbringen, aber wir Juden können trotz der bangen Sorge, die uns bedrückt, nicht achtlos an dem bedeutsamen Merktage des Mannes verübergehen, der seine ganze, vielbewnnderte künstlerische Schaffenskraft dem jüdischen Leben gewidmet hat. Wenn wir bedenken, was unserer Feinde nicht alles versucht haben, um den jüdischen Typus zu einer der schändlichsten Karikaturen herabzuwürdigen und dann den poesievollen Zauber der Schöpfungen Isidor Kaufmanns auf uns einwirken lassen, dann komm! uns erst recht zum Bewußtsein, wie unendlich viel wir der herrlichen Kunst dieses Meisters zu danken haben. Als ich bei meinem ersten Besuche im Kunsthistorischen Museum zu Wien nach langem Herumwandern ein kleines, jüdisches Bild, „Der Talmudist", entdeckte, kannte mein Erstaunen keine Grenzen. Mir waren die Judentypen aus dem „Kikeriki" und anderen ähnlichen kunstbefleckten Blättern bekannt und jedesmal beim Ansehen solcher Karikaturen drängte mir eine Welle der Empörung alles Blut zum Gehirn, nnd da mit einem Male, in einer der größten Bildergalerien der Welt, entdecke ich meinen alten Rabbi, wie er leibt und lebt. Dieser Rabbi, der so viele meiner Heimatsgenossen in die Lehre der jüdischen Religion eingeführt nnd so Bielen von uns die talmndische Wissenschaft übermittelt hat/schaute herunter zu mir wie in den guten, alten Zeiten, als ich das Glück hatte, seinen weisen Worten zu lauschen. Ein frohes, vergnügtes Wiedersehen wahrlich, aber auch gleichzeitig die erhebende Erkenntnis, daß es einen Judeumaler gibt: Isidor Kaufmann. Viele Bilder habe ich seit dieser Zeit von Isidor Kaufmann bewundert und jedesmal, beim Anblick eines Kaufmännischen Judenbildes, fühlte ich mich in meine alte Heimat versetzt. Ich sah meinen Vater, wie er im Kreise meiner Angehörigen in der Sabbathstnbe das Kidnschgebet verrichtete, meine Mutter über das „Z’enoli ur’enoh'' die „Sidra" lesen, ich sah unser altes Gotteshaus, in welchem so viele jüdische Leidensnnd Frendentränen geflossen, und wie in einem Spiegel sah ich mich selbst, wie ich allsabbathlich mit meinem alten Rabbi vor meinen Vater hintral nnd ihm ans der alten Gemara den Schinr vorsagte. Jedes Bild von Kaufmann ein Stück alter Heimat, unverfälschtes Judentum, echtes jüdisches Leben nnd wahre jüdische Typen. Und für all' diese Gaben seiner großen Kunst danken wir Isidor Kaufmann aus vollem Herzen. I. G. Anfiösnng der Czeruomitzer Knltnsgemeinde. Der Auflösung des Czernowitzer Gemeinderates ist nun die Auflösung der israelitischen Knltnsgemeinde gefolgt. Ein überaus bewegtes Kapitel der Geschichte der Inden in Czernowitz findet damit seinen Abschluß. Fast seit einem Vierteljahrhnndert stand Abgeordneter Dr. Strauch er an der Spitze dieser Gemeinde, die er in politischen, nationalen nnd religiösen Angelegenheiten führte. Als nach Kriegsausbruch die Rnsseninvasion Czernowitz bedrohte, verließ Dr. Strancher wie alle anderen Abgeordneten die Bukowina und begab sich nach Wien. Während der ersten Rnssenperiode blieben noch'mehrere angesehene Mitglieder der jüdischen Gemeinde in der Hauptstadt; sie nahmen sich der armen jüdischen Bevölkerung an nnd standen ihnen mit Rat und Tat bei. Es erging auch den Aermsten in dieser Zeit leidlich. Eine Periode des Schreckens und der fürchterlichsten Entbehrungen brach aber für die arme jüdische Bevölkerung an, als die Russen zum zweitenmal Czernowitz besetzten. Alles, was Rang, Namen und Vermögen besaß, flüchtete rechtzeitig, und nur die ärmsten der armen Inden blieben zurück. Alle Institute der Israeliten, das Waisenhaus, das Altersversorgnngshaus und das Spital blieben ohne Leitung und aller Mittet bar. 8000 Arme, die weder Erwerb noch Barmitel hatten, waren dem Hunger preisgegeben. Die Situation war trostlos. In diesen Tagen höchster Bedrängnis traten einige bescheidene brave Männer aus dem Volke in uneigennützigster Weise an die Spitze der verwaisten jüdischen Gemeinde. Der Tischlermeister S i k o f a n t, der Klempnermeister Nathan T r o p P e r, der Assekuranzbeamte Julius Kühdorf und der Tischlermeister Chaim T e n n e n b a n m nahmen sich ihrer Glanbensbrüder an, vertraten sie vor dem Gonvernenr E v r e i n o w nnd liefen oft Gefahr, für ihre Hilfsbereitschaft ins Gefängnis geworfen oder als Geisel verschickt zu werden. Da ein Ukas der russischen Machthaber die arme jüdische Bevölkerung von dem Genüsse der Unterstützungen aus öffentlichen Mitteln ausschloß, verschafften die vier aufopferungsvollen Männer mit Preisgabe ihres eigenen Gutes Mittel zur Erhaltung der Institute und znr Unterstützung der armen Inden. Der Arzt Dr. C Hai es versah mit rastlosem Opfermut die Agenden der früher erwähnten Institute in sanitärer und hygienischer Beziehung und behandelte die Kranken. Als die Stadt von der russischen Herrschaft befreit wurde, begaben sich die genannten Herren zum Landespräsidenten Grafen Meran, erstatteten ihm über ihre Tätigkeit Bericht und baten ihn, ihnen die Last der freiwillig übernommenen Bürde

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