Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 12 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite h. Nr. 12. Im Nachstehenden die amtlichen Meldungen: Wien, 15. März. (Korr.-Bur.): Aus dem Kriegspressequarticr wird gemeldet: In Galizien wurde folgende Anordnung der russischen Heeresleitung öffentlich knudgemacht: „Die Erfahrungen des Krieges haben uns die feindselige Stellung der jüdischen Bevölkerung Polens, Galiziens und der Bukowina deutlich gezeigt. Das' jedesmalige Verlassen dieses oder jenes Rayons und dessen Einnahme seitens unseres Gegners fuhrt zu heftigen Maßregeln gegen die mit uns sympathisierende Bevölkerung, gegen welche die Inden sowohl die Oesterreicher als auch die Reichsdeutschen anfhetzen. Um die uns ergebene Bevölkerung vor Grausamkeiten und unsere Truppen vor Spionage, welch letztere die Inden ans der ganzen Front ausüben, zu beschirmen, hat der allerhöchste Oberkommandant durch einen Erlaß das Verbleiben der Inden im Rayon der Armee und deren Eintritt in den Rayon westlich der Stadt Jaroslau verboten und zur Verhinderung eventueller Verleumdungen der friedlichen, mit uns sympathisierenden Bevölkerung seitens der Juden und zur etwaigen Auffindung von Spionjuden anbesohlen, Geiseln zu nehmen, auf welche die Strafe auferlegt wird: Todesstrafe" durch den Strang. Für jeden einer Strafe seitens der Oesterreicher oder Reichsdeutschen nnterworfeneu friedlichen Bewohner und für jeden gefangenen Spionjuden werden zwei Geiseln zur Verantwortung gezogen. Diese Maßregel wird ausschließlich im Interesse der friedlichen, mit uns sympathisierenden Bevölkerung zu deren Schutz vor den Aufhetzereien unseres Gegners auf dieselbe auf Grund der Verleumdungen der Inden getroffen und erscheint als erzwungenes Resultat einer sechsmonatigen Geduld und der festen Ueberzeugnng von der Illoyalität und Grausamkeit der Juden der Ortsbevölkerung gegenüber." Wir enthalten uns jedes Kommentars über diese an die düstere Zeit des Mittelalters gemahnende Maßregel. Ein Tagesbefehl des Festungskommandanten von Nowo-Georgiewsk. S t o ck h o l m, 16. März. (Korr.-Bur.) : Der Festnngskommandant von Nowo-Georgiewsk erließ an die ihm unterstellten Truppen des Festungsrayons folgenden Befehl unter dem 27. November a. St. Nr. 89: In deutschen Blättern sind Artikel erschienen, worin davon gesprochen wird, daß die Deutschen in den russischen Inden hoffnungsvollen Verbündeten begegnen, die, abgesehen davon, daß sie für die Verproviantierung sorgen, als die besten, teilweise uneigennützigsten Spione erscheinen, bereit zu allen Diensten, wenn nur zum Schaden der russischen Interessen. In einem Siege der Deutschen erblicken die Inden ihre Errettung vom Zarenjoche und von der Unterdrückung durch die Polen. Analoge Mitteilungen treffen fortgesetzt auch von den Truppen ein. Zum Zwecke der Sicherung der Truppen gegen die schädliche Tätigkeit der jüdischen Bevölkerung hat der Oberrbefehlshaber angeordnet, bei der Besetzung von bewohnten Punkten von der jüdischen Bevölkerung Geiseln zu nehmen und die Bewohner darauf hinzuweisen, daß im Falle verräterischer Tätigkeit irgendeines Ortsbewohners die Geiseln hingerichtet würden, und zwar nicht nur während der Periode der Besetzung des betreffenden bewohnten Punktes durch unsere Truppen, sondern auch nach dessen Räumung, falls dies erforderlich werden würde. Bei Besetzung von bewohnten Punkten hat mau sich daher durch eingehende Untersnchnng zu überzeugen, ob Zubehör für drathlose Telegraphie vorhanden sei und ob sich eine Signalstation, Brieftanbenstationen, unterirdische Telegraphenanlagen usw. vor finden. Mit den dabei betroffenen Personen ist nach der ganzen Strenge des Gesetzes zu verfahren. Ans Grund des Telegrammes des Generals Oranowski Nr. 3432, der Kommandant des Festungsrayons: G. d. K. Bobyr. Der Befehl wurde am 2. Dezember 1914 abends 6 Uhr von der Druckerei ansgegeben. Die Iitdenfrage. E i n G e s p r ä ch mit dem deutschen Botschafter in Washington. Der deutsche Botschafter in Washington, Graf von Bernstorff, hat kürzlich einen Mitarbeiter des „Fr. Generalanzeiger" empfangen und ihm Mitteilungen über die Lage der Juden iu Polen gemacht. Der Berichterstatter legte dem Botschafter folgende Fragen vor: 1. Wie ist heute die Lage der Juden in Polen? 2. Was tut die deutsche Regierung für die polnischen Inden in den von der deutschen Armee besetzten Gebieten? 3. Hilft Deutschland in irgendeiner Weise den dort hungernden Juden? 4. Ergreift die dortige deutsche Verwaltung Maßnahmen zur Unterdrückung von Judenpogromen? Diese vier Fragen beantwortete Se. Exzellenz wie folgt: „Ich höre oft von Berlin über die Lage der Inden in Polen und will Ihnen alles mitteilen, was mir darüber bekannt ist. Ich kann zunächst versichern, daß die deutsche Verwaltung in Polen die prekäre Lage der dortigen Inden nicht ignoriert, und daß sie alles tut, was in ihrer Macht liegt, um die Not zu lindern. Ich betone ausdrücklich, was in ihrer Macht liegt, weil Sie bedenken müssen, daß die Lage der Inden in Polen tansendmal trauriger ist als die Lage der Belgier, obgleich in Amerika von der Not in Belgien so viel die Rede ist, während von der Not in Polen gar nicht gesprochen wird. Ich bitte, nicht zu übersehen, daß die Belgier nur den Deutschen gegenüberstehen. Der Krieg fiackert nicht mehr in Belgien selbst und der überaus größte Teil des Landes weiß nichts mehr von den unmittelbaren Schrecken des Krieges. Die Lage der Belgier ist bei weitem nicht eine so verzweifelte wie die der polnischen Inden. Nach und nach kehrt jetzt Belgien zu normalen Verhältnissen zurück; zudem werden die Belgier von vielen Seiten unterstützt, während für die polnischen Inden viel weniger getan wird. Auch ist die belgische Bevölkerung im allgemeinen eine wohlhabende, während die jüdische Bevölkerung in Polen auch in Friedenszeiten eine überaus arme ist. Man kann also Polen mit Belgien gar nicht vergleichen. Die dortige Bevökerung war schon vor dem Kriege pauperisiert und ist jetzt ruiniert. Das wir keine Feinde der polnischen Inden sind, wissen diese selbst sehr wohl. Wir haben es durch Taten bewiesen. Unsere Soldaten teilen oft Brod mit den armen Juden in Polen, und unsere Verwaltung tut ihr Bestes, um die Not zu lindern. Ich will Ihnen nur ein paar Tatsachen mitteilen, die Ihnen bis jetzt sicherlich unbekannt waren: Tausende von polnischen Juden des Grenzgebietes sind nach Westpreußen geflüchtet, wo sie freundliche Aufnahme gefunden haben und wo deutscherseits alles getan wird, um sie nicht hungern zu lassen. Die meisten haben bei uns Unterkunft gefunden und sind jedenfalls viel besser daran, als ihre Glanbensgenosfen, die in Polen geblieben sind. Soviel über die Lage der Juden in Polen, und was wir für sie tnn." Was denkt man in Deutschland über die Leistungen der jüdischen Soldaten in diesem Krieg? war die nächste Frage. „Ich kann Ihnen nur sagen," antwortete Graf Bernstorff, „daß unsere jüdischen Soldaten sich glänzend schlagen. Sie sind tapfer, mutig und intelligent, und unsere Regierung weiß das zu schätzen. Bisher sind ungefähr 800 jüdische Soldaten mit dem Eisernen Kreuze ausgezeichnet worden und 200 jüdische Soldaten sind auf dem Schlachtfelde zu Offizieren ernannt worden. Sie wiffen wohl, daß man bei uns nicht umsonst das Eiserne Kreuz erhält. Von den achthundert jüdischen Soldaten, die diese Auszeichnung erhielten, können Sie sich wohl denken, daß sie tapfer und heldenmütig gekämpft und sowohl die deutsche Regierung als das deutsche Volk wissen die Tapferkeit der jüdischen Soldaten richtig einzufchätzen." Glauben Ew. Exzellenz, daß der Eindruck, den diese kriegerischen Leistungen der Juden gemacht haben, irgendwelche politischen Folgen nach sich ziehen wird?