Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 12 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 12 „Die Folge» sind schon jetzt sichtbar," antwortete Graf Bernstorff. „Vor dem Kriege genossen die deutschen Inden alle politischen und bürgerlichen Rechte nnd Freiheiten, nur Offiziere konnten sie nicht werden. Nicht deshalb, weil die Regierung dagegen war, sondern weil sie von den Ossizie.rskorps nicht gewählt worden sind. Die Regierung konnte beim besten Willen nichts dagegen tun, weil unsere Offizierskorps in dieser Frage vollständig autonom sind. Jetzt sind aber im deutschen Heere etwa 200 Offiziere jüdischen Glaubens, mit anderen Worten, die Macht der Ereignisse hat sich stärker erwiesen als die Vorurteile des deutschen Offizierskorps. Da nun dieses bis jetzt existierende Vorurteil in nicht weniger als 200 Fällen gebrochen wurde, so darf man ruhig behaupten, daß das Vorurteil als solches überhaupt nicht mehr existiert. Sobald ein Regiment einen oder mehrere Inden zu seinen Offizieren zählt, wird in der Zukunft ein jüdischer Osfiziersaspirant wegen seines Judentums nicht mehr abgewiesen werden können. Die jüdische Offiziersfrage in Deutschland kann als gelöst betrachtet werden." Im Laufe der Unterhaltung ließ sich noch der Botschafter über die soziale und politische Stellung der Inden in Deutschland aus und bemerkte unter anderem, daß die Inden in Deutschland sozial eine viel größere Rolle spielen als die Juden in England oder Amerika. „Kein englischer oder amerikanischer Jude nimmt eine solche Stellung in seinem Lande ein wie etwa Herr Ballin in Deutschland. Der deutsche Kaiser nennt viele jüdische Herren seine Freunde. Bis jetzt ist es den Juden in Deutschland nicht schlecht gegangen. Sie hatten die Möglichkeit, ihre wirtschaftlichen und intellektuellen Kräfte zu entwickeln und zu einem großen Faktor im Leben Deutschlands zu werden. Sie haben Dank ihrer Energie und Begabung aus allen Gebieten des wirtschaftlichen und geistigen Lebens Großes geleistet und die starke Position geschaffen. Es ist wahr, der Antisemitismus war weit Verbreiter, aber nach dem Kriege wird der Judenhaß vollständig verschwinden, denn erstens wird das Volk nach dem Kriege viel demokratischer werden und zweitens ist das deutsche Volk von der Treue der deutschen Juden zum Reich und von ihrer ehrlichen Anteilnahme am jetzigen Kriege überzeugt. Sie müssen auch nicht übersehen, daß der Antisemitismus in Deutschland zum größten Teile unter dem Adel verbreitet war. Durch eine Kette von Umständen und Schicksalen haben sich die Juden in einen Zweig des Lebens — in den wirtschaftlichen — sozusagen hineingekapselt. Mittlerweile ist der Handel zur Großmacht geworden und hat fast alle anderen Faktoren überstügelt. Der Adel ist sozusagen zurückgeblieben. Bei dieser Lage der Dinge ist eine gewisse Erbitterung des Adels gegen die Inden, die so viel zum wirtschaftlichen Aufschwünge Deutschlands beigetrageu haben, aufgekommeu. Es kommt noch hinzu, daß der deutsche Abel auf diesem Gebiete nicht historisch denkt. Bei vielen Adeligen aber war der Antisemitismus ein törichter, politischer Sport. — Aber jetzt kommen andere Zeiten. Der Krieg wird das Volk demokratisiert haben, wodurch schon an sich die Macht des Adels bedeutend geringer wird und für törichten Sport wird die Zeit zu ernst. Daß ich selbst kein Antisemit bin, werden Sie wohl wissen. Schon einer meiner Ahueu hat auf dem Wiener Kongreß für die Juden plädiert. Ich zähle viele Juden zu. meinen besten Freunden. Ich bin fest überzengt, daß, soweit Deutschland in Betracht kommt, der Autisemitismus als abgetane Sache betrachtet werden kann. Nach dem Kriege wird die jüdische Emanzipation voll und ganz dnrchgeführt." Jahwe, der Gatt des Alten Testaments. In dem Artikel: „Jahwe, der Judeugott", den Herr Prof. Kahau in Nr. 6 dieser Zeitschrift hat erscheinen lassen, ist mehrmals ohne Einschränkung von „protestantischer Theolog" oder „die protestantische Theologie" gesprochen: worden. Dies ist an den Stellen geschehen, wo von der Deutung des Namens Jahwe als „Wettergott", von seiner Auffassung als „Nationalgott" und von der Beschränktheit der Nächstenliebe des Alten Testaments die Rede ist. (S. 5, ä, b und 6 b.) Darin ist ein Unrecht enthalten, denn unter den protestantischen Alttestameutlern gibt es auch nicht wenige, die jene Deutung und Auffassungen nicht billigen und ich darf von mir sagen, daß die beispielsweise angeführten Behauptungen, die von einer neueren Schule vertreten werden, von mir mit allem Nachdruck bekämpft werden sind. Dies ist zuletzt in meiner „Geschichte der alttestamentlichen Religion kritisch dargestellt" (1912) geschehen. Darin ist mit Anführung und Einzelbeleuchtnng aller Gründe jener modernen Autoren nachgewiesen, daß der Name Jahwe nicht einen Wettergott oder Vulkangott usw. bezeichnet und überhaupt kein Naturgott war, sondern über den Natnrgewalten stand und sie souverän zur Hinansführnng seines Geschichtsplanes in seinen Dienst nahm (S. 174 b), auch keine Menschenopfer forderte und duldete (S. 175—183). Darin ist ferner mit allen Mitteln grammatisch-historischer Exegese gezeigt, daß Jahwe nicht die Stellung eines Lokalgottes oder Nationalgottes einnahm (S. 197—199). Auch der neuerdings so oft gegen Jahwe erhobene Vorwurf der Parteilichkeit, der Launenhaftigkeit und Willkür ist nach allen Seiten hin als ein von den Quellen v e r l e n g n e t e s, modernes Dogma beleuchtet worden (S. 185—194). Endlich ist gerade in meinem Buche nachgewiesen, daß der Begriff des Nächsten schon im Alten Testament über die Grenzen des israelitischen Volkes hinausreicht (S. 282). Leider ist meine Arbeit in den zwei Jahren nach ihrem Erscheinen noch nicht weit genug bekannt geworden, aber ich darf hoffen, daß nun auch jüdische Gelehrte mir helfen, die von mir an Meinungen einer modernen Schule von Alttestamentlern geübte Kritik als mit den religionsgeschichtlichen Quellen zusammeustimmend zur Anerkennung zu bringen. Bonn, den 1. März 1915. Geheimrat Ed. König Dr. litt. Semit., pkil. theol. Internationale Wissenschaft liche Uereinignng israelitischer Kantoren. Die Grundidee dieser Vereinigung ist während des Sommers 1914 in einem Weltknrorte gefaßt worden, in dem bedeutende Fachmänner aus aller Welt versammelt' waren. Die Vereinigung legt bei gemeinsamer Arbeit den Hauptwert auf die Erhaltung der altchasanischen Kunst, die von allen Seiten vernachlässigt, der Vernichtung anheimfallen könnte. Das provisorische Aktionskomitee befaßt sich seit langer Zeit mit allen Vorarbeiten, die durch die momentane Lage etwas behindert sind. Alle wissenschaftlichen Fragen werden zunächst durch ein Rundschreiben besprochen werden; das jeweilige Ergebnis erscheint daun in einer gedruckten Seprrat-Beilage der „Wahrheit", die alle zwei Monate ein sach- und fachgemäßes Beiblatt nebst musikalischen Zugaben bringen wird. In den Ausschuß der Vereinigung sind berufen die Kollegen: B i.r n b a u m, Königsberg; Friedman u, Berlin; Lin Hardt, Hannover; Singer, Kattowitz; K o r n i tz e r, Hamburg; Bauer, Wien und eventuell ein zweiter Wiener Kollege; Lazarus, Budapest; K a r t s ch m a r v f f, Kanisza; Kaiser, Baltimore; Bau m, New-Aork etc. etc. Die Hauptarbeit der Bereinigung soll ein musikalisches Kompendium für israelitische Kantoren sein, in dem alle wichtigen Gebet-Intonationen der verschiedensten Länder musikalisch genau festgelegt werden. Eingehende Mitteilungen folgen in einem demnächst erscheinenden Berichte.