Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1915-03-19 · Heft 12 (19.3.1915) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 12 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063862-3063874--09509-3076767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit Völker, wie er, der Weise von Emmersdorf, als Herold einer sich vorbereitenden neuen Zeit, sie seherisch erblickte. Flora Wilhelm—F r ä n ke l. IsaK Uoah Mannheimer. Zn seinem 50. Todestage. Zn bezug auf die Frage des Herrn Rabbiners Doktor Rosenmann: „Wann ist Jsak Noah Mannheimer gestorben?" gestatte ich mir zu bemerken, daß auch der selige Doktor Jelliuek in seiner zur Feier des 50 jährigen Jubiläums des israel. Tempels in der Inneren Stadt Wiens am 26. März 1876 gehaltenen Rede den 18. März als Sterbetag Mannheimers bezeichnet hatte. In dieser im Verlage der israel. Knltusgemeinde erschienenen Rede hatte er es vor allem als seine erste und heiligste Pflicht erachtet, die Verdienste, die sich die bereits Heimgegangenen Begründer dieses Gotteshauses erworben, gebührend zu würdigen. Bezüglich Mannheimers segensreicher Tätigkeit äußerte er sich in folgender Weise: „Nur einem dieser Väter, welcher vor elf Jahren, am 18. des Monates März, von der Erde geschieden ist, habe ich in das weitgcöffnete Auge geschaut und acht Jahre laug mit ihm in dieser Gemeinde gewirkt. Seht Ihr ihn noch oben vor der Bnndeslade mit dem weißschimmernden Zeichen des ehrwürdigen Greisenalters? Geist, sprudelnder Geist, durchströmte sein ganzes Wesen, der in lebenssrischer Beweglichkeit noch in hohem Alter sich offenbarte. Mut und Unerschrockenheit redeten aus seinem Antlitze, streng und ernst wie das alte Prophetenwort floß die Mahnung und Zurechtweisung von seinen Lippen, bald dumpf grollend, wie der Donner, mit der tiefsten, bald hell anfschreiend im Tone der Entrüstung mit der höchsten Stimme, bald klagend wie Jeremias über den Verfall der alten guten Sitren, bald aber auch weich und sanft klingend wie die Rede Jesaias, um sich selbst und seine Zichörer über d i e Zukunft seines Volkes zu beruhigen." Bei dieser Gelegenheit kann ich es nicht unterlassen, zu bemerken, daß ich gerade um jene Zeit meine Schrift: „Kore Kadorot^, «Beiträge zur Geschichte der Inden in Mähren", veröffentlicht habe, und da wurde in mir, der ich seit meinen Studienjahren für die Wiener Knltusgemeinde und ihre Emrichtungen und Institutionen schwärmte, der Wunsch rege, diese Schrift dem Wiener Knltusvorstande zur Feier des 50 jährigen Jubiläums des Stadttempels zu dedizieren. Da ich aber der Befürchtung Raum geben zu müssen glaubte, man würde es als ein unbescheidenes, inkorrektes Vorgehen anfsassen, einer so hoch achtbaren Körperschaft ein Buch zu widmen, ohne vorher die hiezu erforderliche Einwilligung eiugeholt zu haben, wandte ich mich diesbezüglich an meinen seligen Freund und Gönner Dr. Jellinek und bat ihn, mir in dieser Angelegenheit seinen wohlmeinenden Rat erteilen zu wollen. Sofort schrieb er mir: Wien, 10. Mürz 1876. „Geehrter Herr Doktor! Nach meiner Ansicht würde der hiesige Vorstand nicht ungehalten sein, wenn Sie ihm Ihre „Geschichte der Juden in Mähren" widmeten, besonders wenn Sie in der Dedikation hervorheben wollten, daß mährische Landesrabbiner auch Rabbiner von Wien waren und zugleich die Bedeutung der Wiener Gemeinde für die österreichische Jndenheit betonen würden. Ich glaube, der Vorstand würde über Ihre Widmung als Ausdruck der Teilnahme Mährens ander Jubelfeier sich freuen. Es grüßt Sie und erwartet Ihre Schrift Ihr ergebener Dr. Jellinek". Ich tat also, wie er mir geraten. In der dem Werke vorgedruckteu Widmung heißt es n. a.: „Ehrsamer Vorstand! Die „Geschichte der Juden in Mähren" enthält auch schätzenswerte Materialien für die Geschichte der Wiener Juden und ich habe in diesen „Beiträgen" umsomehr Gelegenheit gefunden. Nr. 12. letztere öfters zu berühren und ans die hohe Bedeutung, die die Wiener Gemeinde für die Jndenheit Oesterreichs zu allen Zeiten hatte, aufmerksam zu machen, als die hervorragendsten mährischen Landesrabbiner, wie Lipmann Heller, Gerson Aschkenasi und B. Eskeles auch das Rabbinat in Wien bekleidet. hatten. Die Freunde des Fortschrittes der Knltnr und Bildung in Mähren können es als einen glücklichen Zufall betrachten, daß nicht nur die Ahnen des verewigten Predigers Mannheimer, der sich um die Rechtstellnng der Inden wie um die Förderung humanitärer Institutionen unverwüstliche Verdienste erworben, ans Mähren stammten, sondern, daß auch dessen Nachfolger, Herr Prediger Dr. Jellinek, der eine wahre Zierde des Judentums genannt zu werden verdient, ein Mährer von Geburt ist." Hierauf erhielt ich vom Knltusvorstande folgende Zuschrift: „Geehrter Herr Doktor! Wir haben die uns gesandte Schrift „Kore Hadorot“,. Beiträge zur Geschichte der Inden in Mähren, welche Sie anläßlich der Feier des 50 jährigen Jabilänms des Tempels der hiesigen Gemeinde uns gewidmet haben, erhalten. Wir fühlen uns angenehm verpflichtet, Ihnen für diese freundliche Aufmerksamkeit unseren Dank und zugleich das Interesse ansznsprechen, das Ihre Publikation durch den wichtigen Inhalt wie durch die gediegene Darstellung in uns wachgernfen hat. Erlauben Sie, daß wir diesem Schreiben einen kleinen Beitrag zu den Drnckkosten beifügen und zugleich den Ausdruck unserer vorzüglichen Hochachtung. Der Vorstand der israel. Knltusgemeinde Knranda, Cohn, Epstein, Frankl. Zum Schluffe muß ich noch bemerken, daß, so oft von Mannheimers und Jellineks Wirksamkeit die Rede ist, auch der Name eines Dritten genannt werden muß, und zwar der des berühmten Sangesmeisters Salomon Snlzers, der der genialste und begabteste SchoHack Zibbur des XIX. Jahrhunderts war. Er hatte sich ebenfalls um die Hebung und Belebung des feierlichen, würdigen Gottesdienstes hohe Verdienste erworben. Dr. M. H. Fr. Rnsfticher Karbarismus. Mit der vorwöchentlichen Meldung, daß ein russischer Befehlshaber bekanntgeben ließ, er werde vierzehnhundert wehrlose jüdische Familien vor der Front der russischen Truppen hertreiben und dem Feuer der österreichisch-ungarischen Truppen anssetzen, glaubte man den Gipfelpunkt der bestialischen Schandtaten, die von den Russen gegen die Juden in Polen und Galizien während des Krieges verübt wurden, überschritten, aber die moskowitischen Würger und. ruchlosen Mörder nuschnldiger Menschen haben in ihrer blutrünstigen Unersättlichkeit noch eine Steigerung gefunden und heute wird ein Henkersbefehl des russischen Armeeoberkommandanten gemeldet, der alle Schandtaten in der Geschichte der Menschheit weit übertrifft. Schmach und Schande über Rußland, Schmach und Schande über England und Frankreich, die angeblich im Namen der Zivilisation und Menschlichkeit den gegenwärtigen Krieg führen und zu solchen Hnnnentaten ihres Verbündeten schweigen. Die Empörung über diesen noch nie dageweseneu Barbarismns unserer Feinde schmerzt aber doppelt, wenn dabei in Erscheinung tritt, daß es selbst im eigenen Lande Leute gibt, die demselben ein Mäntelchen nmhängen, und festgenagelt muß es werden, daß ein Wiener antisemitisches Blatt sich die Gefühllosigkeit leistete, die bezügliche Meldung des Kriegspresseqnartiers mit dem Titel: „Maßnahmen der russischen Heeresleitung gegen jüdische Spione" zu versehen und den charakterisierenden amtlichen Kommentar, der von einer „an die düsterste Zeit des Mittelalters gemahnende Maßregel" spricht, einfach wegznlassen. Die Geschichte wird auch über diese stillen Verehrer russischer Gewalttaten ihr Urteil fällen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.