Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 11 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sie haben sich, meine Verehrten, zum Zeichen Ihrer Teilnahme von Jht-en Sitzen erhoben und sind gewiß damit einverstanden, daß von dieser Kundgebung im Protokoll der heutigen Sitzung Vermeil geschehe. Auf das Referat über unsere spezielle Tätigkeit übergehend, berichten wir Janen, daß die Agenden des Vereines in neun Plenarsitzungen und einer größeren Anzahl von Komiteesttzungen behandelt wurden. Die schwierigste Aufgabe, die uns im abgelanfenen Jahre gestellt wurde, betraf die Wiederbesetznng der durch den Abgang des hochverehrten Herrn Rabbiners Dr. I. T a g l i ch t erledigten Seelsorgerstelle. Wie schwierig diese Aufgabe gewesen ist, erhellt überaus deutlich aus der Tatsache, daß es galt, einen Mann zu ersetzen, der durch mehr als zwei Dezennien eine wahre Zierde unseres Tempels und seines Standes gewesen ist, der stets in vorbildlicher Weise sein heiliges Amt versah und der allenthalben nur herzlichste Sympathien anszulösen vermochte. Mit schwerem Herzen begleiteten wir sein Scheiden und unsere aufrichtigsten Wünsche für sein ferneres Wohlergehen in dem ehrenvollen Wirkungskreise, den er nunmehr gefunden, geleiten ihn. Das ihm gebührende goldene Blatt in den Annalen unseres Tempels bleibt ihm für immerwährende Zeiten gesichert! Im Sinne unserer Geschäftsordnung haben wir im Monate April einen öffentlichen Konkurs für die erledigte Stelle ausgeschrieben, worauf wir 26 Angebote erhielten. Wir können feststellen, daß fast sämtliche Bewerber eine ausgezeichnete Qualifikation mitbrachten, ein Beweis, wie hoch die Mariahilfer Kanzel auch in Fachkreisen eingeschätzt wird und es war uns wirklich schwer, unter den Kandidaten eine entsprechende Auswahl für Probepredigten zu treffen. Wir haben die sieben bestqualifizierten Bewerber zu Probepredigten eingeladen, welche im Laufe des Monates Mai und anfangs Juni unter außerordentlicher Teilnahme des Publikums stattfanden. Wir haben die betreffenden Herren auch eingeladen, vor einem kleineren Kreise in unserem Sitzungssaal über ein ihnen gegebenes Thema einen freien Vortrag zu halten. Der Bedeutung der Sache entsprechend, hat sich der Vorstand zur Beurteilung der Bewerber durch eine Anzahl hochaugesehener Mitglieder, denen wir auch an dieser Stelle unseren ganz besonderen Dank zum Ausdrucke bringen, verstärkt und wurde in einer Expertise die Meinung dieser Herren über die Kandidaten augehört. Die Majorität der Expertise und der Gesamtvorstand einigten sich dahin, Herrn Rabbiner Dr. Jakob D r o b i n s k y, bisher in Friede! - Mistek, zu einer nochmaligen Probepredigt einznladen, die am 6. Juni vorigen Jahres stattfand und auf Grundlage derselben wurde Herr Dr. Jakob Drobinsky vom Vorstand einstimmig zum Vereinsprediger im Sinne der Dienstpragmatik provisorisch auf ein Jahr bestellt. Wir glauben nicht unbescheiden zn sein und auch die Bescheidenheit unseres jetzigen ehrwürdigen Seelsorgers nicht zu verletzen, wenn wir sagen, wir glauben die richtige Wahl getroffen und die Kanzel in unserem Gotteshause einem Manne verliehen zn haben, der vermöge seines hohen Wissens und seiner besonderen Eignung würdig und berufen ist, uns das Wort Gottes zu verkünden. Daß Herr Rabbiner Dr. Drobinsky den ausgezeichneten Ruf, der chm von seiner früheren ehrwürdigen Gemeinde vorausgegangen, nicht nur zu rechtfertigen, sondern noch zn überbieten vermochte, erhellt ans der Tatsache, daß bei seinen Predigten der Tempel sich eines massenhaften Besuches erfreut und es herrscht nur eine Stimme der Anerkennung und Bewunderung für die gediegenen oratorischen Darbietungen des Seelsorgers. Möge ihm eine lange und ersprießliche Wirksamkeit zum Preise und Verherrlichung des Allmächtigen an unserem Gotteshanse beschieden sein!" Die Ergebnisse unserer Fiuanzgebarung, die Ihnen später vorgelegt werden, wiederspiegeln den Ernst der Zeit, in welcher wir jetzt leben. Zum ersten Mal nach längerer Zeit bilanzieren wir mit einem Fehlbetrag, der teilweise durch die Verminderung der Spenden und der Einnahmen ans der Betsitzevermietung, hauptsächlich aber durch Entgang von Nr. 11. TranunKen hervorgerufen wurde. Trotz de---.-ungünstigen Ergebnisses haben wir uns veranlaßt gesehen,- einen-Teil sämtlicher Tempelspenden der Kriegsfürsorge zu widmen und habe» diese Beträge dem jüngst gegründeten Mariahilfer Zweigverein vom Roten Kreuze und den armen galizischen Flüchtlingen gewidmet. Unserem patriotischen Empfinden, folgend, haben wir einen Teil unserer Gebahrnngsgelder in österreichischer Kriegsanleihe angelegt. Wir haben auch inr heurigen Jahre zwei Bethansfilialen errichtet, die tatsächlich überfüllt waren, wiewohl sie ein kleineres Erträgnis abwarfen, wie im Vorjahre. Wir haben nämlich eine große Anzahl von Betsitzen unseren armen Glaubensgenossen ans Galizien und der Bukowina zur Verfügung gestellt und haben auch den verwundeten Soldaten in unserem Tempel an hohen Feier-' tagen unentgeltliche Betsitze angewiesen. Im ersten Halbjahresind uns auch größere Widmnngsspenden zugekommen. Die Herren kais. Rät Ernst und Julius P o l l a k, die Söhne unseres unvergeßlichen Vizepräsidenten, stifteten eine Maskir- und Jahrzeitstiftnng und erlegten hiefür K 3100.— Notenrente. Herr Otto Strakosch widmete uns anläßlich des- Todes seiner Mutter Henriette S t r a k o s ch den Betrag von K 40.—, Herr Leopold Luriö anläßlich der Ver-- mählung seiner Tochter K 200.—, Herr Wilhelm Meyer am Todestage seiner Gattin K 100.—. Den edlen Spendern sei auch an dieser Stelle der herzlichste Dank gezollt. Bei dieser Gelegenheit erwähnen wir, daß sich Herr Leopold Luris veranlaßt gesehen hat ans dem Vorstande zu scheidein Wir haben diesen Entschluß mit wirklich aufrichtigem Bedauern entgegengenommen und entsprechen nur einer Ehrenpflicht, wenn wir in unserem Jahresbericht seiner leider nur kurzen aber verdienstvollen Tätigkeit und seiner warmen Anhänglichkeit an unsere heilige Sache mit herzlicher Dankbarkeit gedenken. Wir planen eine Reorganisation unseres Bethaus-- Vorstandes, durch welche dieser Körperschaft ein größerer Wirkungskreis eingeränmt werden soll und hoffen, Ihnen im nächste» Berichte hierüber Mitteilung machen zn können. Am 19. Dezember kamen am Geburtstage unseres hochverehrten Gönners und Mitgliedes Herrn Präsidenten Salo Cohn die Zinsen seiner bei uns gegründeten Wohltätigkeitsstiftnng an ein ehrenhaftes ehemaliges Mitglied, welches durch den Krieg in. harte finanzielle Bedrängnis geraten ist, zur Verteilung. Wir haben mit dem edelmütigen Spender die Genugtuung, daß durch diese Unterstützung eine schwankende Familienexistenz gesestigt und erhalten wurde. Am 31. Jänner vorigen Jahres feierte ein angesehenes Mitglied unseres Bezirkes, Herr Moritz Weiß mit seiner Gattin Amalie in unserem Tempel das Fest seiner goldenen Hochzeit. „Geehrte Versammlung! Wir leben in eitler historischen Zeit lind all unser Denken und Hoffen, unsere Wünsche und Empfindungen gelten unseren Brüdern auf gefahrvoller Wahl-- statt. Wie könnte es anders sein, daß wir am Schlüsse unseres Berichtes nicht der Hoffnung Ansdruck geben sollen,, daß uns ein baldiger rühm- und ehrenvoller Friede beschieden sein möge, der uns gestattet, das heilige Werk, an dem wir mit allen Fasern unseres Herzens hängen, in ruhiger Weise einer neuen Blüteperiode entgegenzuführen. Selbst in dieser schweren Zeit vielfacher Entbehrungen legen wir Ihnen das Schicksal unseres Tempels ans Herz, denn massenhaft drängen sich unsere schwer geprüften Volksgenossen an unsere geheiligte Stätte, um dort ihr Herz ansznschütten lind erbarmungsvollen Trost zn finden. Helfen Sie uns, meine Hochverehrten, durch Ihr unentwegtes Interesse und durch Ihren werktätigen Opfermut diese Glanbensstätte auch über diese harte Zeit hinaus zn erhalten und deren Zukunft für alle Zeiten sicherznstellen. Das walte Gott! In dieser Stunde erheben wir unser Flehen und unser Gebet zn Gott dem Allmächtigen, auf daß er seinen reichsten Segen herabströmen lasse auf das Haupt unseres allergnädigsten gütigen Kaisers und Herrn Franz Josef I., dessen ganzes Leben gewidmet war der Fürsorge für seine ihn grenzenlos