Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 11 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 11. Die Wahrheit Seite 7. Da/— es -sind ungefähr 75 Jahre her — ich war damals in der Volksschule, forderte der Lehrer eines Tages von der Kanzel öffentlich die jüdischen Schulkinder auf, in der nächsten Stunde sich über die Äufenhaltsbefugnis ihrer -Eltern ausznweisen. — Ich hatte einen Korrepetitor, der eines Tages nicht zur Lehrstunde erschien; er war des Nachts ^polizeilich ansgehoben, abgeschobeu worden. Es dürfte wohl die Anfenthaltsbollette abgelaufen gewesen sein. — Das sind so Arabesken, Schnörkeln in dem monumentalen, aber der Menschheit nicht zum Stolz und nicht zur Ehre gereichenden Banwerke der Jttdendruck-Gesetzgebnug. Indessen, das größte Lebenswerk Mannheimers war und bleibt doch die Reformierung des jüdischen Gottesdienstes, bei welcher er das richtige Maß einznhalten, Altes nnd Neues zu versöhnen, miteinander zu verbinden verstand, durch die Einführung der deutschen Predigt unserem Gottesdienste neues Leben einhanchte, so ein einträchtiges Zusammenwirken der verschiedenen religiösen Richtungen ermöglichte. Und als Folge oder im Zusammenhänge die Schöpfung einer Reihe -von Anstalten und Stiftungen auf dem Gebiete der Wohltätigkeit. Und all das die Grundlage für die nach einun de i n h a l b h n n d e r t j ä h r i g e r Störung wieder auffebende mud erstarkende Wiener jüdische Kn l t ns g e m e i n d e die, in facto bestehend, nach weiteren Jahrzehnten auch die rechtliche Anerkennung erhielt durch ein Kaiserwort, durch .ein Wort unseres erhabenen Monarchen. Meine verehrten Herren! Ich eile zum Schlüsse. Mir in meinerjngeudlichen Phantasie erschien Mannheimer als der Prophet mit dem durchgeistigten, leuchtenden Angesichte, der vom Berge herab die Gesetzestafeln seinem Volke brachte. So steht das Bild dieses herrlichen Mannes, dieses .Führers in Israel, in meiner Erinnerung und so möchte ich nach den Worten unseres von Mannheimer verfaßten Haskara= Gebetes an Sie Alle und auch für die kommenden Zeiten die bereits gestern gehörte Mahnung, die ernste Mahnung richten, daß wir sein Werk in Ehren halten und heiligen, -dadurch die Einheit und Einigkeit, den Frieden in unserer Gemeinde wahren und erhallen mögen, wie dies in schöner, eindringlicherer Weise als ich es vermag, gestern ans Herz gelegt wurde. ,-D-O*? pHS “DT Das Andenken des Gerechten sei gesegnet. Den Gedenkfeierlichkeiten wohnten die Familienmitglieder des Verewigten, die Vorstandsmitglieder der Knltusgemeinde, die Vorstandsmitglieder des Prediger Mannheimer-Vereines, sowie eine große Anzahl hervorragender Mitglieder der Gemeinde bei. Tempelverein Mariahils—Neubau Samstag, den 6. d. M., halb 7 Uhr abends, fand im Zeremoniensanle. VI., Schmalzhofgasse 3, die einnndvierzigste ordentliche Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines für die beiden Gememdebezirke Mariahilf—' Neubau unter zahlreicher Beteiligung der Gemeindemitglieder statt. Präsident Dr. Engel begrüßte die Erschienenen, insbesondere Herrn Rabbiner Dr. I. D r o b i n s ky, die Präsidentin des Frauenvereines im VI. Bezirke Frau Frieda Strauß, die Vizepräsidentin Frau Dr. Engel, die Vorstandsdamen Wolf, Beck und Heim, den Obmann des Vereines „Naclilatli Jeschurun“ Dr. Karl L ö w y, den Redakteur der „Wahrheit" Dr. Moriz Löwy, und hielt darauf dem tagsvorher Heimgegangenen Vorstandsmitgliede Herrn Ignaz Klein einen stimmungsvollen Nachruf, der von der Versammlung stehend angehört wurde. Nach Verlesung und Verifizierung des Protokylles der letzten Generalversammlung erstattete Präsident Dr. Jakob E n g e l nachfolgenden Bericht: „Geehrte Versammlung! Zn einer nngewöhnlichen Jahreszeit haben wir uns heute hier versammelt, um Ihnen Mechenschaft abznlegen über unsere Gebahrung im Vereinsjahre 1914. Im Schoße des Vorstandes wurde es erwogen, mit Rücksicht auf die gegenwärtigen Verhältnisse von einer Generalversammlltng dieses Mal überhaupt Umgang zil nehmen, doch erheischt die Sorge um den Bestand und eine ersprießliche Leitung unseres Vereines die heutige Versammlung, zumal unser Tempel gerade in dieser ernsten Zeit gleichsam zu den „Kriegsnotwendigkeiten" gehört, indem der Besuch desselben nnd das Gebet an geheiligter Stätte zahllosen unserer Glaubensgenossen ein Herzensbedürfnis ist. Dem Usus folgend, wollen wir Ihnen zunächst über die Mitgliederbewegung im abgelanfeuen Jahre berichten. Unser Mitgliederitand betrug im Vorjahre 280. Leider sind 14 gestorben, 12 ausgetreten, doch nur 7 nene Mitglieder angeworben worden, sodaß wir mit einem Stande von 262 Mitgliedern abschließen. Allzu zahlreiche Ernte hat leider der Tod in den Reihen unserer treuen Mitglieder gehalten. Wir beklagen in erster Linie den Verlust nnseres hochverehrten nnd um den Tempel in außerordentlicher Weise verdienten Vizepräsidenten Friedrich Pollak seligen Andenkens. Mit seinem Namen ist die Geschichte unseres Vereines auf das innigste verknüpft und jede Seite derselben ist erfüllt von ruhmreichen Werken seiner innigen Hingebung an unserer heiligen Sache. Fast fünf Dezennien lang hat er sein reiches Wissen, seine Lebenserfahrung nnd sein goldenes Herz dem Mariahilfer Tempel gewidmet. Er legte durch eine reiche Spende die Grundlage zum Ban unseres Gotteshauses, mit allen Fasern seines Herzens hing er au diesem Werk, das seinen Namen preisen wird noch in den spätesten Zeilen. Am 9. März vorigen Jahres hat er hochbetagt einen glücklichen Lebensabend beschlossen; was unser Verein an Ehrenbezeigungen zu verleihen vermochte, haben wir in tiefer Wehmut ihm dargebracht nnd für alle Zeiten wird ihm die Nachwelt eine unauslöschliche Dankbarkeil bewahren und sein Andenken lind Namen in hohen Ehren halten. Am 29. November vorigen Jahres verloren wir unerwartet und nlnso schmerzlicher unser Vorstandsmitglied und Obmann der Tempelsektion. k. k. Generalstabsarzt Dr. Jakob Zucker m a n n; leider war es ihm nur kurze Zeit gegönnt, seine ansgezeichnele, unermüdliche Arbeitskraft in den Dienst nnseres Vereines zu stellen; alle Agenden, mit denen ihn das Verlranen des Vorstandes auszeichnete, hat er mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und mit regstem Pflichteifer versehen mib war allezeit ans vollem Herzen bei unserer Sache. So gereichte er nicht nur unserem Vereine, sondern gewiß der ganzen Jndenheit zur Zier und Ehr! Wir beklagen weiter den Verlust unseres treuen, langjährigen Mitgliedes nnd ehemaligen Vorstandskollegen Wilhelm B a ch r a ch. der leider allzu vorzeitig seiner Familie und einem großen Kreise ihn hochschätzender Verehrer entrissen wurde. Mit Dankbarkeit gedenken wir seiner Tätigkeit im Vorstande. Wir betrauern weiters das Hinscheiden unserer langjährigen anhänglichen Bereinsmitglieder Ignatz Baue r, Jacques Fleisch hack er, Wilhelm Landau, David Lederer, Fanni Löwy. Salomon Peretz, Hermann Pfeifer, Frau Ruh m a n n, Maximilian S ax. I. S ch l efinget* und Heinrich Spielmau n. Es ist uns Herzenspflicht, an dieser Stelle jener zahlreichen Volksgenossen ans unseren beiden Bezirken zu gedenken, die, dem Rufe nnseres erhabenen Monarchen folgend, freudig ihr Blut vergossen haben auf dem Felde der Ehre und mit tiefer Wehmut gedenken wir insbesondere der Söhne unserer verehrten Bereinsmitglieder Richard Knepler, kais. Rat Leo Mislap nnd Ferdinand Spira, die als Offiziere ihr junges, hoffnungsvolles Leben in Feindesland beschlossen. In Ehrfurcht und tiefster Dankbarkeit beugen wir uns vor diesen Helden nnd entbieten den schwergeprüften Eltern den Tribut aufrichtigen Beileides. Möge sie das Bewnßtfein trösten, daß diese Helden ihr teueres Leben gelassen für eine große sittliche Idee und gewiß auch zu Ruhm und Ehre des jüdischen Namens!