Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 11 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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> $■ Sette 6 Die W Oberrabbiuer Dr. M. G übemann wurde iu einer klassischen Gedenkrede, welche nachhaltigen Eindruck hervorrief, der Wirksamkeit Mannheimers gerecht, wobei er auch pietätvoll des Altmeisters Sulzer gedachte, welcher im Vereine mit Mannheimer den Gottesdienst reorganisierte. Auch der gesangliche Teil war ein erhebender. In bewährter Weise besorgte Oberkantor Don Fuchs die kantorale Funktion und Chormeister Professor Josef Sulzer^- der Sohn Salömon Sulzers — die Leitung der Chöre. Sonntag vormittags versammelte sich, trotz des ungemein schlechten Wetters, eine Schar treuer Verehrer, an der Spitze der Präsident Dr. Alfred Stern, am Grabe Mannheimers auf dem alten Währinger Friedhofe, woselbst Rabbiner Dr. E. Fenchtwang eine pietätvolle, herzerhebende Ansprache hielt. Den Schluß der Feier bildete die öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes, welche in dem mit dem Bilde Mannheimers geschmückten Sitzungssaale abgehalten wurde und bei welcher der Präsident, Herr Dr. Alfred Stern, aus seinen reichen Erinnerungen schöpfend, die nachfolgende Ansprache hielt: „Der Ort, auf dem du stehst, ist ein heiliger Boden." „Dieses Bibelwort schicke ich den Erinnerungen voran, die an dieser Stelle und heute auf mich einstürmen, lebhafter als sonst, gerade an dem heutigen Tage, an dem ich vor fünfzig Jahren, einer der sehr wenigen, vielleicht der Einzige unter Ihnen, in dieser Straße, aus diesem Hanse dem Sarge des Mannes folgte, dessen und seines Wirkens wir heute wehmuts- und andachtsvoll gedenken. Das war keine prnnkvolle Leichenfeier, keine Blumenwagen, aber in Scharen, in unabsehbaren Scharen folgte dem Sarge die gesamte Judeuschast Wiens, ohne Unterschied des Ranges und der gesellschaftlichen Stellung, folgten unter lautem Weinen und Jammern die Scharen der Armen und Gebeugten, die den Verlust ihres Schützers, ihres Vaters beklagten. Damals, auch ich unter der Schar der Trauernden, ahnte ich nicht, daß nach einem halben Jahrhunderte ich berufen sein werde, von dieser Stelle aus an den Vorstand, an unsere Gemeinde ein Wort des Gedenkens zu richten, des Gedenkens an den herrlichen. mir unvergeßlichen Mann, dessen Bild mir lebendig vor der Seele steht. In dem Gotteshanse, hier in diesem Hanse, in dem nach ein und einem halben Jahrhunderte in unserer Vaterstadt wieder errichteten öffentlichen wenngleich versteckt eingebauten Tempel sehe ich vor mir den Mann mit seinem geistig belebten Angesichte auf der Kanzel stehen, höre ich die von Begeisterung durchglühten, herzenswarmen Worte, die Mahnungen, beiten in andachtsvoller Stimmung die Gemeinde lauschte, höre ich die mahnenden, strafenden, die in jenen Zeiten des Druckes erhebenden und tröstenden und immer zur Einigkeit mahnenden Worte, deren mir so manche noch heute in der Erinnerung, in der Seele haften geblieben sind. Schon als Knabe, au der Hand meines Großvaters s. A., wurde ich in den Tempel geleitet. „Mannheimer spricht heute", so lautete das Losungswort. Mannheimer, ohne jedes Epitheton. Das Wort „Prediger" ist nicht klangvoll, man gebrauchte es nicht. Er hieß nicht und war auch nicht Schuldirektor, als welcher er — eigentlich zum Scheine — berufen worden war. Er war nicht Rabbiner der Gemeinde, er war nicht einmal Doktor. Aber gleich den Großen in der Geschichte, in Knust und Literatur hatte den vollen Klang fein Name, ohne jedes Epitheton. So wie man von Schiller, Beethoven, Spinoza spricht und nicht von dem „Dichter Schiller-, dem „Ko mp o n i st e n Beethoven", dem „Philosophen Spinoza", wie jedes solches epitheton ornans eine Verkleinerung des Namens, der Bedeutung des Mannes wäre, so hatte bei nus der Name Mannheimer — einfach Mannheimer — den vollen Klang. Mannheimer, der auch, nachdem er die unmittelbare Ausübung des Lehramtes zurückgelegt hatte, doch immer bei iiiictjeit Nr. il. den in diesem Hause stattfindenden Religionsprüfungen erschM und da zu uns Knaben manches eindringliche Wort sprach, Mannheimer, der bei den B a r m i z w a h s und bet jbejt von ihm eingeführten Konfirmationen den jungen Len,ley, Knaben und Mädchen, es in die Seele legte, daß sie ungeachtet aller in jenen trüben Zeiten ihnen bevorstehendem Hemmungen treu ausharren mögen au unseren geheiligten Traditionen. M a n n h e i m e r, der — ich erinnere mich dessen ganz genau — bei einem in der Gemeinde auch unter den Vertretern anfgetanchten Konstikt von der Kanzel herab mit flammenden Worten zu Frieden und Einigkeit mahntze. M a u n h e i m e r, der, einem Rufe folgend, an das Sterbebett meines seligen Großvaters trat, tröstende und herzerhebende Worte an den sterbenden Greis richtete. Mannheimer, der Reformator des jüdischen Gottesdienstes, der aber von dem Althergebrachten so viel beibehielt, daß alte und neue Richtung sich damit versöhnen konnte und versöhnte und der so der Sendbote des Friedens in der Gemeinde war. Und nun in wenigen Tugen jährt sich ein Gedenktag in der Geschichte Oesterreichs, 67 Jahre — es ist keine Zahl, welche sich zu einer Feier eignet — aber da vor 67 Jahren, da trat, wohl zum erstenmale, der jüdische Prediger und mit ihm auch der jüdische Sangesmeister Sulzer in das volle Licht der Oeffeutlichkeit, als die Todesopfer jener freiheitlichen Bewegung — es waren unter diesen Katholiken, Protestanten und auch Inden — zu Grabe geleitet und in einem gemeinsamen Grabe bestattet worden, als Mannheimer, als der erste, der Erstberufene unter den Rednern, herrliche Worte des Gedenkens sprach und dann znm Schlüsse die Öffentlichkeit daran mahnte, wie man den für die Freiheit gefallenen toten Inden die letzte Ehre erweise, man auch ans das seit Jahrhunderten traurige, unverschuldete, Geschick der lebenden Juden blicken, ihnen als f r e i en M än iteru ihr Recht gewähren möge. Als das erste Parlament, der konstituierende Reichstag, in Oesterreich gewählt wurde, da war es selbstverständlich, daß in demselben Mannheimer nicht fehlen durfte. Die Stadt Brody hatte ihn zum Deputierten gewählt und da führte nun einmal mich, den siebzehnjährigen Jüngling, der Zufall in die Kaiserburg, ich glaube, es war in dem Redoutensaale, wo sonst die Maskenbälle abgehalten wurden oder in der kaiserlichen Reitschule, welche, zu einem Saale nmgestaltet, Sitz des Parlaments war. Und gerade da hielt Mannheimer eine Rede, eine — Finanzrede zum Budget des Reiches. Eine Finanz re de, welche er ungefähr mit den Worten begann, daß er von Kapital und Finanzen gar nichts verstehe. Aber in diesem Budget waren enthalten die Judeustenern, die jüdische Aufenthaltsstener, die jüdische Schlachtsteuer. Und in einer geradezu klassischen Rede richtete er an die Abgeordneten des ersten österreichischen Parlaments die Frage, ob sie denn diese R e l i g i o u s bestenernng in dem ersten Budget, welches sie, die Volksvertreter, zu votieren berufen seien, aufrecht erhalten wollen. Die jüdische Aufenthaltsstener, die jeder nach Wien kommende fremde Jude — nnd welcher Jude war nicht fremder Jude? — zu bezahlen hatte, also einen Leibzoll, der schon seit Kaiser Josess Zeiten allgemein aufgehoben worden, nach dessen Tode als I n d e n bollette wieder eingeführt worden war und die Schlachtstener, die doch nur der arme Mann, der bei der Schlachtung des Hühnchens das Rituale beobachtet wissen will, nicht aber der Reiche, der sich über das Rituale hinwegsetzt, zu zahlen hat, die Steuer, welche sich daher als eine Auflage für einen religiös-rituellen Akt darstelle, und da meinte er nun, daß er da eigentlich gar nicht für uns Inden spreche; wir Juden könnten zu den uns treffenden Lasten auch diese Last noch etwa ein Jährchen tragen, aber eine Ehrensache für die e r st e n Volksvertreter sei es, bei dem ersten von ihnen votierten Staatsbudget derartige Bestenernngen des re l i gi ö sen Bekenntnisses nicht znzulaffen. Man kann sich heute kaum einen Begriff machen von den amtlichen legislativen, gesetzlich geltenden Bedrückungen nnd Verfolgungen unserer Voreltern.