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Die Wahrheit · 1915-03-12 · Heft 11 (12.3.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11.Die Wahrheit_Seite 5. Herz geyffenbar t., Er hat für dieselben so viel getan, daß ein Mehr füglichüberflüfsiggeweseu wäre. Da die Kultnsgemeinde-Repräsentanz von Czernowitz ihren'Posten verlassen hatte und der Stadtmagistrat nicht in der Lage, war, den zahllosen Armen zu helfen, beauftragte Graf v. Meran einen seiner Beamten, sofort nach Czernowitz zu reisen und die notleidende jüdische Bevölkerung (das gleiche galt selbstverständlich für alle Nationen) mit Geldbeträgen zu beteilen. Schon als die Russen in Czernowitz hausten, ließ er sich es nicht nehmen, nebst dem Gehalt für die zurückgebliebenen Staatsbeamten auch einen ansehnlichen Betrag für die Stadtarmen zn übermitteln. Die Bevölkerung der . Bukowina ist diesem seltenen Menschen und ersten Beamten des Landes unendlich dankbar. Seine Hochherzigkeit kennt keine Grenzen und er macht dabei keinen Unterschied, ob Christ oder Jude. Seine Ernennnng zum Exzellenz-Herrn löste deshalb in allen Bevölkernugsschichten lebhaftste Freude und Befriedigung aus. Als Graf v. Meran jüngsthin nach Czernowitz znrückkehrte, empfing ihn die Bevölkerung mit Jubel und Begeisterung, darin sich mich — Tränen der Freude mischten. Isidor Obstgarten. Jsak Uaah Mannheimer. Zur fünfzigsten Wiederkehr seines Todestages (18. März 1865 20. A d a r 5625) von Dr. M. Rosenmann. Derselbe Monat, ja derselbe Tag sogar, an welchem der nenbegründeten Wiener Knltnsgemeinde erster Seelsorger, Jsak Noah M a n n h e i m e r, mit dem Tode rang, um ihm nach Mitternacht zn erliegen, bildete 17 Jahre früher den Höhepunkt seines Lebens und verschaffte ihm. fast ungewollt, eine weit über den engen Kreis seines Wirkens hinansgehende Popularität und überdies einen Ehrenplatz in der innerpolitischen Geschichte Oesterreichs, der ihm selbst von minderwohlwollender Seite, wie Helfert (Geschichte der österr. Revolution, Band I. S. 211 und 282) mit anerkennenden Worten für sein „mäßigendes Einwirken" willig eingeräumt wurde. Am 17. März 1848, als die 15 Opfer der Revolution, darunter Karl Heinrich Spitzer und Bernhard Herschmanu, zwei Angehörige des israelitischen Glaubens, gemeinsam zu Grabe getragen werden sollten, erwies sich Mannheimer als ein Mann von Initiative und unbeugsamer Tatkraft. Ueber alle anftanchenden Bedenken sich kühn hinwegsetzend, erschien er in vollem Ornat, begleitet vom Oberkantor Sulzer, in der Kapelle des allgemeinen Krankenhauses, um dort seinen Platz neben den Särgen der Gefallenen einzunehmen. Den Eindruck, den sein Vorgehen hervorrief und die Wirkung, die Mannheimer, ihm selber unbewußt, hiedurch erzielte, schildert Dr. Anton Füster, der katholische Feldkaplan der Wiener Legionäre, mit folgenden Worten (Memoiren, B. 1. S. 58 ff.): „Ich ging vor dem gesamten Publikum zn ihnen im gestlichen Ornate und sprach mit Fleiß sehr laut, damit es alle hörten: Meine Herrn Kollegen, wir sind alle hier in demselben Amte, um denen, die für die Freiheit gefallen sind, die letzte Ehre zu erweisen. Wollen wir sie ihnen nicht gemeinschaftlich erweisen? Wollen Sie uns nicht das Vergnügen machen, sich an uns anzuschließen, damit wir in der Tat gemeinschaftlich ihnen allen unsere Achtung bezeigen?" Die beiden Ehrenmänner reichten mir die Hand und schlossen sich mit Freude an uns katholische Priester; sie nahmen mich in die Mitte und der lange Gang auf den Friedhof, war einer meiner schönsten. Altes und Neues Testament reiheten sich unter die Fahne der Freiheit. Das Volk sah mit Verwunderung und mit Freude auf die geistliche Gesellschaft, es mar ihm eine unbekannte Erscheinung, jüdische und katholische Priester in ihrem Kirchenornate gemeinschaftlich ihre geistlichen Funktionen ausüben zu sehen." Mannheimer hielt an dem offenen gemeinsamen Grab eine Rede, die nicht nur einen momentanen Erfolg hervorrief, den Füster mit den Worten kennzeichnete: „Mannheimer ist ein berühmter Kanzelredner und sprach außerordentlich rührend und erhaben", sie wurde auch durch Flugblätter in deutscher und tschechischer Sprache weit verbreitet. Mannheimer hatte hiedurch eine Bresche in das politische Ghetto seiner Glaubensgenossen geschlagen und stand nunmehr bei all seiner Bescheidenheit im vollsten Lichte der Oeffentlichkeit. Getreu seinem Prinzip, für die Schwachen und Bedrängten das Wort zu ergreifen, beantragte er im Zentralkomitee der Nationalgarde, Bürger und Studenten Wiens, dem er zngezogen wurde, am 15. Mai 1848 d i e E r t e i l u n g des Wahlrechtes an die Arbeiter mit der Begründung, „man möge sie nicht zwingen, ihr Recht ans ungesetzlichem Wege zn suchen". In gleichem Sinne befürwortete er in der 80. Sitzung des konstituierenden Reichstages in Kremsier, dem er als Abgeordneter der Stadt Brody angehörte, die wettgehendste Einschränkung der Todesstrafe, außer bei „Verbrechen im Kriege vor dem Feinde und Meutereien auf offener See", wobei er manches Streiflicht auf den damaligen Zustand der Korrektionsanstalten warf, „die jeder, der sie als Sünder betritt, als Verbrecher, als geschulter, gut geschulter Bösewicht wieder verläßt." (29. Jänner 1849). Mannheimers politisches Wirken fand derart Anklang und seine schlichte Persönlichkeit Anerkennung bei allen Parteien (vgl. seine Briefe ans Kremsier m meiner Abhandlung: I. N. Mannheimer, 2. Auflage, Wien. R. Löwit 1915), daß, als der Reichstag zn Kremsier am 4. Mürz 1849 aufgelöst wurde und viele Abgeordnete in der Flucht ihr Hell suchten, Mannheimer unbehelligt nach Wien znrückkehren konnte, um seine segensreiche Tätigkeit als Seelsorger wiedelvoll aufzunehmen. In Kopenhagen am 17. Oktober 1793 geboren, wurde er über Veranlassung von M. L. Biedermann im Jnili 1825 nach Wien berufen, wo er bald nach der Einweihung des neuen Tempels in der Seitenstettengasse den in fast allen modernen Gemeinden Oesterreichs eingeführten berühmten „M a n n h e i m e r Ritus des G o t t e s d i e n st e s" schuf und so der drohenden Spaltung der Gemeinde vorbeugte. Zudem erwies er sich als Kulturträger ans allen Gebieten der gemeinnützigen Tätigkeit. Eine Fülle von Humanitären Vereinen: für Waisenerziehung und Krankenpflege, Förderung des Handwerkes mib Versorgung der Handelsangestellten bildete die Frucht seiner rastlosen aneiferuden Tätigkeit. Sein zündendes Wort, namentlich aber seine „Hingebung an die gewonnene Ueberzeugung. verbunden mit Zartgefühl gegen die Anschauungen anderer; Widerwillen gegen das Gemeine, verbunden mit Nachsicht gegen die Gemeinen", wie der Historiker Graetz, Mannheimers Wirken bezeichnete, verschafften ihm ein williges Folgen im Kreise seiner Gemeinde und eine weit über denselben hinausreichende Anerkennung. Diese kam im Jahre 1863 anläßlich seines siebzigjährigen Geburtstages spontan zum Ausdrucke: Die „Concordia" ernannte ihn zum Ehrenmitgliede; der Gemeinderat der Stadt Wien verlieh ihm über einstimmigen Beschlich taxfrei das Bürgerrecht; der Bürgermeister Zelinka und der Statthalter Graf Choriusky nahmen an dem veranstalteten Festmahl teil und die Brüder Johann und Richard Strauß wirkten bei einem dem Jubilar dargebrachten Ständchen mit. „Ich habe der Wahrheit zu jeder Zeit das Zeugnis gegeben; habe gerechtet mit meinem Volke und für mein Volk; war zn jedem Liebesdienste bereit und willig!" lautete das Bekenntnis des greifen Mannheimer. Er hat es eingehalten bis zum letzten Atemzuge. Mannheimer-Gedenkfeier. 'Die vom Vorstande der Wiener israel. Knltnsgemeinde anläßlich der Wiederkehr des 50. Todestages des ersten Predigers der Wiener israel. Knltnsgemeinde Jsak Noah Mannheimer s. A. veranstaltete Gedenkfeier verlief in äußerst solenner Weise. Sie wurde Samstag abends, den 6. d. M mit einem Gottesdienste im Stadttempel, der Stätte des langjährigen, segensreichen Wirkens Mannheimers, eingeleitet.

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