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Die Wahrheit · 1915-03-12 · Heft 11 (12.3.1915) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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X Leite 4 Die Wahrheit die jeden bieder und rechtlich deukeuden Menschen lind insbesondere die von. denselben hart geschädigten Flüchtlinge zum Nachdenken auregen müssen. Neben den Berichten über geleistete Wohlätigkeit, über edel ansgedachte Fnrsorgearbeit kommen auch vor Berichte über Agitationen, über Versammlungen, über behördliche Verfügungen, die den Zweck verfolgen, den nach Wien verschlagenen Flüchtlingen jedes geschäftliche Unternehmen, jede gewerbliche Tätigkeit zu stören und zu verwehren. Da muß map sich doch unwillkürlich die Frage vorlegen, wie kommt es, daß Menschen, die von so viel Mitleid und Erbarmen für ihre verunglückten Mitbürger erfüllt sind, daß sie keine Mühe sparen, keine Anstrengungen scheuen, um deren Rot und Unglück zu steuern, andererseits wiederum so engherzig und mißgünstig sein können, ebendenselben Unglücklichen die Möglichkeit zu nehmen, sich in ihrer früher gewohnten Weise, durch eigene Arbeit durch eigenen Fleiß ihr Brot und ihren Bedarf zu verdienen und zu erwerben. Da muß man sich sagen, ob nicht etwa ein Mangel an höherer Einsicht und tieferer Erkenntnis der Wohltätigkeitspflicht die Schuld an diesen widerspruchsvollen Handlungen trägt. Angesichts dieser Verhältnisse möchte ich daher auf die goldenen Regeln aufmerksam machen, die ein jüdischer Geistesfürst, gleich groß als Religionsgelehrter, Arzt und Philosoph, aufgestellt hat, damit sie als Maßstab dienen für die Bewertung uud Bemessung der verschiedenen Arten der Wohltätigkeit. Ans diesen Regeln kann und soll es wohl jeder lernen, wie er es am besten einrichten soll, um der Psticht des Wohltnns am würdigsten gerecht zu werden. Rabbi Moses ben Maimon sagt nämlich in seinem berühmten Werke „Jad Hachsaka" Folgendes: Die Arten der Wohltätigkeit sind verschieden und sie lassen sich einer Stufenleiter vergleichen, an welcher acht über einander gestellte Staffeln sich erheben, die gleichsam den natürlichen Entwicklungsgang des Tngendsinnes der Wohltätigkeit plastisch darstellen. Ans der untersten Stufe befinden sich diejenigen Wohltäter, die zwar geben, aber nicht ausreichend genug geben, und auch das, was sie geben, nur wie gezwungen und mit saurer Miene geben. Höher stehen schon diejenigen, die das, was sie geben, mit Freude uud Wohlwollen an die Armen verteilen. Und so stellt er den Aufstieg der Wohltätigkeit dar bis er zur siebenten Stufe kommt. Ans diese stellt der Maimouide die Wohltätigkeit, die so geübt wird, daß weder Empfänger noch Geber einander persönlich kennen. In diese Kategorie fällt auch die Wohltätigkeit, die geübt wird von Vereinen und öffentlichen Körperschaften, ans Gemeinde- und Staatsmitteln. Ihr Vorzug besteht darin, daß, weil hiebei der Arme seinen Wohltäter nicht direkt anznschanen braucht, noch kennt, ihm dadurch viel von dem beschämenden und drückenden Gefühl der Erniedrigung erspart wird. Aber, so schließt er seine Untersuchungen, alle diese Wohltätigkeitssormen überragt au Edelsinn und Erhabenheit jene Art des Wohltnns, die schon zur achten Stufe gehört und welche darin besteht, den Unglücklichen und Dürftigen nicht mit Geschenken und Spenden, sondern durch Schaffung von Erwerbs- und Verdienstmöglichkeiten zu Hilfe zu kommen. Dies ist die schönste Form wohlzutun. Dies ist echte und wahre Wohltätigkeit und heißt schon Humanität. Denn die Humanität schont und wahrt am meisten des Menschen Ehre und des Menschen Würde. Sie erhebt ihn nicht nur physisch und geistig, sondern sie stärkt und zieht auch groß sein besseres Wesen, sein höheres Intellekt. Wie unendlich hoch nun die Humanität jede andere Form der Wohltätigkeitsübung überragt, dies mögen alle jene erkennen, ersoffen und beherzigen, die eS bis nunzu noch nicht erfahren haben. Sie werden nach Erlangung dieser höheren Erkenntnis es wohl zu würdigen wissen, wie sehr es dem Empfinden eines jeden besseren Menschen zuwiderläuft, und wie sehr sich sein Gemüt dagegen sträubt und auslehnt, Geschenke zu empfangen oder Unterstützungen in Anspruch zu nehmen und wie sehr er sich dagegen blos danach sehnt, im Schweiße seines Angesichtes selber sein Brot zu verdienen und zu erarbeiten. Eine talmudische Legende legt her,• Mühe,'' die'' Rojch aus der Arche ansgeschickt, um den Wässerstand zu ermitteln nnd die dann zu ihm mit einem Olivenblätte im Schnabel znrückgeke.hrt war, folgende Worte in den Mund: Besser eine^bittere. Kost wie Olivenblätter ans der' Hand Gottes als süße Leckerbissen ans Menschellhäilden. .Und wie die Taube ebenso sprechen auch die zahlreichen Flüchtlinge in Wien, die bis nunzu gewohnt waren, durch Arbeit und Fleiß Gottes Segen sich selbst zu erwerben. Möge' niemand ihnen dies vorenthalten wollen. Möge der Begriff der Humanität von allen jenen erfaßt, erkannt und geschätzt werden, die demselben bis nunzu nicht die entsprechende Würdigung zu Teil werden ließen. Zn hoffen sei es ja wohl, daß auch diese höhere Erkenntnis nnd Einsicht in Bälde durchdrungen und Gemeingut aller jener Bürger, Bewohner nnd Kreise dieser Stadt werden wird, die noch vorläufig in der Entwicklung ihres Tngendsinnes um eine Stufe zurückgeblieben sind. Zn wünschen wäre es aber, daß es schon gleich jetzt geschehe, bevor es schon zu spät sein wird. Denn, wie die Kriegsberichte jetzt lauten, sind unsere tapferen Truppen auf dem besten Wege, die vom Feinde besetzten Gebiete und Landesteile von demselben wieder zu säubern nnd zu befreien, nnd dann kehren die Flüchtlinge heim und sagen: Die Wiener sind hilfreich, edel nnd gut, das goldene Wiener Herz, es lebt und pulsiert wirklich kräftig geung, aber sie sind um eine höhere Idee noch — zurück! Mayer H o r o w i tz-Buczacz. Wien, im März 1915. Die I»idenfre»mdlichkeit des Kiltrsminaer Kandespriistdenlen. Die Verleihung der Geheimratswürde an den Bnkowinaer Landespräsidenten Grafen v. Meran ist eine der wohlverdientesten Auszeichnungen, die je einem Verwaltnngsbeamten zuteil wurde. Keiner vor ihm und keiner nach ihm wird sich so große und unvergängliche Verdienste um die Bukowina erworben haben, als Graf Meran. Wie sein Großvater, Erzherzog Johann, als unvergeßlicher Förderer Steiermarks noch jetzt im besten Andenken steht, so wird die Erinnerung an seinen ihm würdigen Enkel als Beschützer und Märtyrer des östlichen Kronlandes ewig fortleben. Ich sage Märtyrer, und nicht ohne Grund. Denn ein solcher war Graf v. Meran in dieser Zeit der schweren Heimsuchung des Landes durch den Krieg entschieden. Er hat viel erlebt nnd viel gelitten. Wich nicht von der Stelle früher, bis er durch die Umstände hiezu gezwungen wurde. Kam es zur Flucht, so versorgte er zunächst die in Massen geflüchtete Bevölkerung nnd die geblieben ist, stattete er mit Barmitteln aus, auf daß sie nicht verhungern. In der zweiten, freiwillig gewählten Landeshauptstadt der Bukowina, in Dornawatra, gab es erst recht große, schwere Arbeit. Denn die Flüchtlinge, die nach dem Westen strömten, mußten nach Bistritz mittelst B o rspann — in Ermanglung einer Eisenbahn — gebracht werden. Der allezeit sorgsame Landeschef setzte sich mit den Militärbehörden ins Einvernehmen und hat diesbezüglich vollen Erfolg erzielt. Ueberdies richtete er ein ans allen Nationalitäten des Landes gebildetes Hilfskomitee ein, das mit der Fürsorge für die Flüchtlinge betraut wurde und den Armen und Mittellosen auch staatliche Unterstützungen gewährte. Unter den Flüchtlingen befanden sich naturgemäß zumeist Jude n, die, von den russischen Greueltaten am schwersten betroffen, in der Flucht ihr Heil suchen mußten, auch wenn sie ihnen mitunter zum Fluch geworden. Denn nicht alle konnten wunschgemäß untergebracht werden, wenngleich die Fürsorge des Staates für die Heimatlosen alles Lob verdient. Bei solchen Gelegenheiten zählt nämlich nicht das Einzelindividnum, sondern die Masse. Und für diese ist alles geschehen. Was den Grafen v. Meran betrifft, so hat er gerade den jüdischen Flüchtlingen gegenüber sein goldenes

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