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Die Wahrheit · 1915-03-12 · Heft 11 (12.3.1915) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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f Redaktion und Administration: Wien, II., Novaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.889. Administration 4938 II. ff. k. Lsterr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. IV0.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- und JnsertionSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Heitschrift für jnöische Iirteresseu. Erscheint jeden AreitnA. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig.K 15— Halbjährig.K 7.50 Für Kultnsbeamte: Ganzjährig.K 10.— Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark 8 Rubel oder 16 Frcs. Ur. 11. ieu, 12. Mär; I»I5 Inhalt: Wohltätigkeit und Humanität. — Die Judeufreuudlichkeit des Bukowinaer Landesprüsidenteu. — Isaak Noat» Mauheimer. — Mannheimer Gedenkfeier. — Tempelverein Mariahilf—Nenban. — Jgnoz Klein. — Hilfsverein vom Roten Kreuz. — Berichiedene Nachrichten. — Kundmachung. — Oesterr.-ungar. Kantoren-Verein. Wohltätigkeit nnd Humanität. Zwei Dinge fallen hentzntage beim Lesen der Zeitungen besonders aus nnd bilden derzeit den Hauptinhalt aller Tagesnnd Wochenschriften. Sie sind der Spiegel des allgemeinen Interesses in der Gegenwart, der Ausdruck der Gedanken nnd Empfindungen, welche die Oeffentlichkeit beherrschen, sie sind die Meilenzeiger für die Bahnen, ans welcher sich alle öffentliche Tätigkeit und die Handlungen der Völker bewegen und abwickeln. Es sind dies die Kriegsberichte und die Fürsorgemitteilnngen. Die einen melden in fettgedruckten Lettern wie in mörderischen, männermordenden Schlachten die zivilisierten Völker Europas einander zerfieischen und aufreiben, wie auf der Erde und in der Luft, auf dem Meere nnd in seinen Tiefen die verschiedensten Errungenschaften der modernen Technik an der Arbeit sind, um Menschenleben zu vernichten und Menschenwerke nnd Knlturwerte zu zerstören. Die anderen wiederum erzählen in ellenlangen Blätterspalten wie Staat und Land, wie edle Menschenseelen und mitfühlende Herzen restlos bestrebt sind, Not und Elend, Leiden und Qualen zu lindern und zu mildern. Hier vernehmen wir Freude und Jubel über die vierfünf-- und sechsstelligen Zahlen, welche die dem Kriegsmoloch hingeopserten Hekatomben von Menschenleben vorstellen, dort wiederum herzergreifendes und seelenerschütterndes Weinen und Klagen über hervorgerufene Menschenleiden, an deren Beseitigung Staat und Gemeinde, öffentliche und private Wohltätigkeit in gemeinsamem Streben ernstlich bemüht sind. Welch ein klaffender Gegensatz, welch ein himmelschreiender Widerspruch auf ein und derselben Blattseite. Diesen auszngleichen nnd durch beschönigende Worte wissenschaftlich zu erklären, überlasse ich gerne den Großen und den Weisen, den Kundigen und Vielerfahrenen. Eines nur möchte ich auch für mich in Anspruch nehmen, nämlich die Freiheit, öffentlich zu besprechen den Kontrast von Handlungen, die ich geübt sehe, von denselben Leuten und denselben Behörden gegenüber einer gleichen Kategorie von Personen. Der Krieg ist Sache der Strategen und Diplomaten, darüber mögen jene reden. Ich als Laie nnd als ein am Kriege nicht aktiv sondern nnr passiv Teilnehmender will über die derzeit geübte Wohltätigkeit, das ist dem mir näher stehenden und sichtbaren Teile der öffentlichen Tätigkeit ein Wort zu reden mir gestatten. Seit Monaten schon ist es in den Zeitungen zu lesen, wieviel da geleistet wird, welche. Institutionen geschaffen werden, um den verunglückten Flüchtlingen ans Galizien und der Bukowina, die durch die Invasion des Feindes ihr Hab und Gut, ihr Haus nnd Heim verloren haben, zu Hille zu kommen, damit sie nicht dem Hunger nnd der Kälte der Verzweifllttng nnd dem Grame anheimsallen, damit sie das ihnen durch die Ungunst des Schicksals zngefallene schwere und bittere Los der Flucht nnd Auswanderung weniger hart empfinden. Niemand könnte sich da des Gefühles der Verehrung und Hochachtung für die Bewohner und die Behörden unserer Reichsmetropole erwehren, wenn er da die Berichte liest, welch' edlen Sinn, welch' rührigen Eifer sie allesammt entfallen, sowohl Behörden als Private, Hochnnd Niedriggeborene, alle Schichten, Klassen nnd Stünde im Dienste der Mildtätigkeit, im Dienste der Armensürsorge. Die zahlreichen Ansspeisehallen, die vielen Tee- und Wärmestuben, die nenerrichteten Bekleidnngsstellen, die Flüchtlingsheime und Fürsorgeanstalten sind wahrlich ein sehr schönes und sehr ehrendes Zeugnis, ein für die spätere Zukunft noch laut sprechendes Denkmal des goldenen Wienerherzens, das so schön sich bewährt und so zartfühlend empfindet. Wer könnte, wer wollte dies nicht gerne anerkennen nnd preisen. Zwar sind Akte der Wohltätigkeit, des Gebens und Spendens nach Kräften und auch über die Verhältnisse zumal den jüdischen Flüchtlingen keine neuen Erscheinungen. Die leider in der Geschichte unseres Volkes sehr häufig vorkommenden Fälle von Masseuversolgnngen. des Massenraubes und der Masseuplünderuugen, der Vernichtung jüdischer Existenzen en gros und en detail haben beim jüdischen Volke die Tugend des Wohltuns, der Freigebigkeit und Mildtätigkeit zu einer festen, unverwüstlichen Charaktereigenschaft desselben gemacht. Und diese Tugend war auch heimisch genug und sie wurde geübt und gepflegt von dem Groß der Flüchtlinge, die heute leider gezwungen sind, staatliche oder private Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber dennoch finden auch diese vielen Formen der Fürsorge und der Unterstützung, welche ihnen bisher nicht so sehr bekannt waren und welche sie noch lange in dankbarer und verehrender Erinnerung, auch nach ihrer Rückkehr in die alte Heimat behalten werden. Sie werden es dort besonders lobend hervorheben und zu erzählen wissen, daß da in Wien von allen Nationalitäten und Konfessionen ein gleich starker Eifer entfaltet wurde, den unglücklichen^ Flüchtlingen aus jede mögliche Art und Weise zu Hilfe zu kommen, d. h. sie zu unterstützen. Aber neben diesen erhebenden und erquickenden Erscheinungen schleichen auch dunkle Schatten, abstoßende Bilder.

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