Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Nr. 9 Seite 6 «Moment" (Warschau) eine Unterredung mit einer hochstehenden Persönlichkeit, die anscheinend zu der liberalen Richtung gehört. Es ist bemerkenswert, mit welchen Vorbehalten auch von dieser Seite den Inden die bürgerlichen Rechte versprochen werden. Der russische Politiker hat sich folgendermaßen über die zukünftige Gleichberechtigung der Inden geäußert: Es wird geplant, den jüdischen Ansiedlungsrayon abzuschaffen, jedoch nur in Bezug auf die Städte. Das Wohuuugverbot für die Dörfer wird auch künftighin bestehen bleiben. Man denkt daran, die Prozentnorm in den mittleren und höheren Schulen fallen zu lassen. Es ist aber nicht sicher, ob dieses gleich oder erst im Verlaufe von einigen Jahren geschieht. Man will indes den Juden erlauben, eigene Schulen zu gründen. Es ist ferner möglich, daß man den Juden den Zugang znr Advokatur wieder gestatten wird; man denkt sogar daran, jüdische Offiziere zu ernennen. Jedoch hält man dieses Projekt in den maßgebenden Kreisen für verfrüht. Die hohen Finanzkreise sind sehr dafür, daß mau den Ansiedlungsrayon abschafft. Sie machen aber gleichzeitig darauf aufmerksam, daß dadurch die Auswanderung von nicht diplomierten jüdischen Handwerkern aus Polen nach Rußland einen zu großen Umfang annehmen wird, wodurch eine große Konkurrenz zwischen dem jüdischen Arbeiter, der für einen viel niedrigeren Lohn arbeitet, und dem russischen Bauer entstehen wird. Mit der Befreiung Galiziens wird sich für Rußland einen neue Judenfrage bilden. Die galizischen Inden leben noch ärmer als die Juden Polens und sind bereit, für einen noch kleineren Lohn zu arbeiten. Auch von diesen Inden ist im Falle der vollen Freizügigkeit eine starke Konkurrenz zu befürchten. Zn beachten ist es, daß die galizischen Inden an ein freieres Regime gewöhnt sind, weshalb sie sich nicht so leicht mit den neuen Zuständen abfinden werden. Die maßgebenden Kreise halten deshalb eine Organisation der jüdischen Massenauswanderung für sehr wichtig. Wir glauben, daß England eine von den deutschen Kolonien bekommt und sie uns dann wiedergibt. Jedenfalls wäre es sehr wünschenswert, wenn Syrien unter Englands Protektorat käme. Dieser Landstrich soll dann den Inden unter der Garantie der vollen Selbstverwaltung überlassen werden. Man wünscht auch, daß über diese Fragen eine öffentliche Diskussion sich entwickelt. Insbesondere hält man in den maßgebenden Fragen eine Erörterung der Emigrationsfragen für höchst notwendig. Man sieht ans den vorstehenden gequälten Ausführungen, wie wenig Hoffnung die russischen Inden haben, eine wirkliche Gleichberechtigung zu erlangen. Nur eine Niederlage des Zarismus wird sie ihnen verschaffen. Kevottttiouare Propaganda im russischen Heere. Von Oberkantor Armin Wilkowitsch, Eger. Ein Kommunique des russischen Generalstabes beschuldigt Oesterreich, Flugschriften unter die russischen Soldaten verbreitet zu haben, in denen der Zar angeblich seine Soldaten bittet, den Heeressührern den Gehorsam zu verweigern, weil der gegenwärtige Krieg gegen leinen Willen geführt wird. Es war ein furchtbares und blutiges Ringen und Kämpfen, das zu Anfang des verflossenen Jahrhunderts von vielen Völkern Europas geführt war gegen Willkür und Unterjochung durch verzopfte Bureaukratie. Die Empörung der unterdrückten Menschheit rief Dichter und Helden hervor, die, angefacht von der hehren Idee der Freiheit, freudigen Herzens ihr Blut vergossen, um ihren Nachkommen das kostbarste Gut, die Freiheit, zu hjnterlaffen. Und wie im jetzigen Weltkriege die stärksten Festungen dem gewaltigen Anprall der 42 Zentimeter-Geschosse der Deutschen nicht staudzuhalten vermögen, so vermochte auch die herrschende Klasse nicht, die grauen Mauern der Konvention zu erhalten; sie fielen erbarmungslos und als lorbeerbekränzte Siegerin zog in eine neue Welt, bejubelt von den Massen, die Freiheit ein. Die Befürchtung der Obrigkeiten, daß mit dem freiheitlichen Gedanken . der Sinn für die Erhaltung und Beschütznng des Staates bald schwinden müsse, erwies sich als gänzlich unzutreffend, denn erst jetzt, als das Vaterland von Feinden arg bedroht ist, merken wir, mit welch unsäglicher Liebe alle Schichten des Vaterlandes Gut und Blut für Kaiser und Reich zu opfern wissen. Auch wir Inden standen in den vormärzlichen Freiheitskämpfen nicht abseits. Wir sind stets auf unserem Posten, wenn das Horn zum Kampfe für Freiheit und Menschenrecht ruft. Und unsere ehrlichen arischen Mitmenschen werden gerne bestätigen, daß die nns verliehene Gleichberechtigung dem Staate Nutzen und nicht Schaden brachte. Wir nahmen reichen Anteil an der Entwicklung der Knust und Wissenschaften, wir halfen mit, Handel und Gewerbe zu reichster Blüte in unserem Vaterlande zu bringen, so daß Wohlstand und Kultur auch in die tteseren Schichten der Völker bald einzog. Ganz anders aber blieb es im Zarenreiche! Dort tobt weiter der Kampf um Freiheit und Menschenrecht. Ohne Ende! Freilich versuchte man seit dem Ausbruche des Krieges denn inneren Feind durch Zaren-Manifeste an die «lieben Inden" und Auszeichnungen an revolutionäre Anführer zu begütigen, allerlei Bnreaukratenkuiffe zur Anwendung zu bringen, allein die Beschwichtigungsmittel sind nicht überall von Wirkung, außerdem fallen oft die Tschinowniki ans der Rolle und bald lodert die Flamme der Empörung mit erneuter Kraft gegen das unerträgliche Joch des Zarismus im Kaukasus auf, bald in den baltischen Provinzen, bald in Polen usw., und ehe nicht die Macht des heutigen Regiernugssystems gebrochen ist, kommt das Niesenreich nicht znr Ruhe. Und darum ist es wieder nur Pharisäertum, nicht aber ehrliche Entrüstung, wenn der russische Generalissimus Oesterreich zeiht, Flugschriften in russischer Sprache verleumdenden Inhalts gegen den Zaren und die russischen Soldaten verbreitet zu haben, denn der russische Oberbefehlshaber weiß wohl, daß diese revolutionäre Propaganda ein Anssatz ist. der am eigenen Kopfe blüht. Wir aber weisen solche Beschuldigungen mit Entrüstung zurück. Wir bedienen uns nicht niederträchtiger Mittel, deren sich unsere Feinde in Bosnien und der Herzegowina wie in Ungarn bedienten, deren Losungswort „Mord" ist. Feget nur beit Schmutz vor euren eigenen Türen! Tempelverein im IX. Bezirk. Montag, den 22. Februar, 7 Uhr abends, fand im Zeremoniensaale des Tempels, DL, Müllnergasse 21, die Generalversammlung des Bethausvereines „Chewra Beth- Hatefilah" im IX. Bezirke statt. Der Vorsitzende Obmann- Stellvertreter Dr. Markus Schnepp begrüßte die erschienenen Gäste, Mitglieder, insbesondere den Delegierten des Knltnsvorstandes Dr. Heinrich Schreiber, den Vertreter des Tempelvereines im XIII. Bezirke, kais. Rat Salamon Beer, die Vertreter der Presse, Dr. Bloch und Dr. Löwy, und widmete dann, während die Versammlung sich von den Sitzen erhob, Worte pietätvollen Gedenkens dem im abgelanfenen Jahre Heimgegangenen durch sein verdienstvolles Wirken unvergeßlichen Obmanne Herrn Gottlieb Bettelheim. Nach Verlesung des Protokolles der letzten Generalversammlung, die sich znm größten Teile mit der Regelung der Rabbinerfrage im Bezirke beschäftigte, wurde der Bericht über das abgelaufene Vereinsjahr erstattet, dem wir folgendes entnehmen: „Nicht lange nach unserer letzten, am 22. Juni abgehaltenen Generalversammlung, nach welcher wir einen neuen Aufschwung unseres Vereines erwarteten, brach der furcht-