Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9. Die Wahrheit Seite 5. „An Se. Exzellenz Herrn Sasonow, kaiserlich russischen Minister des Aeußern. Den Inden ist eine große Ehre zu teil geworden. In der Nede, in welcher Eure Exzellenz die Duma „wahrheitsgetreu" über die durch den Krieg geschaffene Lage informieren wollten, widmeten Sie einen Absatz den Inden. Hiebei erklärten Sie mit einer vielsagenden Verbeugung gegen den in der Diplomatenloge anwesenden Botschafter der Vereinigten Staaten, die Nachrichten über die seitens der Russen an den Juden begangenen Greuel und Pogrome seien unwahr, und von der deutschen Negierung, beziehungsweise deren Washingtoner Botschafter tendenziös erfunden; die jüdische Bevölkerung, sagten Sie, haben bloß in dem zum Kriegsschauplatz gehörenden Ortschaften gelitten und nicht mehr, als nicht zn vermeiden war. Fürwahr, die Ehre, inmitten der großen Ereignisse der Weltgeschichte von seiten des kaiserlich russischen Ministers des Aeußern, einer besonderen Erwähnung gewürdigt zn werden, ist eine sehr große, und die Inden müßten darüber Freude nnd Befriedigung empfinden, wenn bei diesen armen, gepeinigten nnd mit ausgesuchten Torturen geplagten Menschen ein solches Gefühl anfkommen könnte. Freilich würde auch in diesem Falle der Gedanke störend wirken, daß nicht Menschlichkeit oder Gerechtigkeitsgefühl Sie veranlaßt haben, sich mit den Juden zn beschäftigen, sondern die Absicht, vor Ihren Verbündeten, den „gottesfürchtigen" Engländern, die Barberei' Ihres Landes zn verhüllen, noch mehr aber, die öffentliche Meinung Amerikas, dieses wahren Landes der Freiheit, zn beruhigen. Es muß zwar der Versuch eigeutümlich anmuten, Sie, der Minister des Reiches der Peter-Pauls-Zitadelle — des Reiches der Henker Mnrawiew, Kaulbars e tuti quanti — des Reiches der Kischenewer und Kiewer Blutbäder, das Volk der Dichter nnd Denker als Barbaren und sich als Hort der Freiheit hiustellen; aber nicht Polemik, sondern Richtigstellung von bewußten Unwahrheiten ist der Zweck dieser Zeilen, der Unwahrheit, welche Sie mit dem Ableugnen der im Kriege von den Russen an den Inden verübten Greuel begangen haben. Zu dieser Richtigstellung und zn der Aufklärung der öffentlichen Meinung Amerikas fühle ich mich als Jnhe und Volksvertreter verpflichtet und berufen. Natürlich ist hier nicht der Platz, das ganze gesammelte Material vorznlegen; dazu wird nach dem Kriege Zeit sein, wenn eine allgemeine Ueberschau vorgenommen werden wird. Hier bloß einige wenige Tatsachen. 1. Wo immer Ihre gegen Wehrlose sehr tapferen Soldaten in Galizien und in der Bukowina einrückten, war ihre erste Frage nach den Judenhäusern (Jewrej), um über sie herzufällen und sie anszurauben. 2. So oft Inden sich über an ihnen begangenen Raub bei den russischen Offizieren beklagten, lehnte diese ein Einschreiten ab mit der Begründung, es sei nicht wert, eines Juden wegen einen russischen Soldaten, und wäre es auch ein Räuber, zu bestrafen. 3. Die Fälle der Schändung jüdischer Frauen nnd Mädchen durch russische Soldaten aufzuzählen, erforderte Folianten. 4. Inden, welche noch vor der russischen Invasion ihre Liebe zum angestammten Herrscherhause betätigten, wurden in unzähligen Fällen den raffiniertesten Torturen seitens der Rnssen ansgesetzt. 5. In Gebieten, in welchen die Rnssen auch nur kurze Zeit haitsten, blieb kein einziges jüdisches Vermögen unbeschädigt. 6. In Lemberg, dem — gewiß nur vorübergehenden — Sitze eines Generalgouverneurs, veranstalteten die Russen unter dessen Augen zur Zeit der hohen jüdischen Feiertage einen blutigem Pogrom, dem Hunderte von Unschuldigen zum Opfer fielen. Ans Gewehren wurde auf die Wehrlosen geschossen, als wären sie nicht Menschen, sondern wilde Tiere. Das Gebet am Vorabend des Versöhnungsfeftes konnte nicht abgehalten werden. 7. Ans der vor kurzem befreiten Bukowina meldet man, daß den Inden für requirierte Sachen nicht nur nichts bezahlt, sondern auch mit Einäscherung der Häuser gedroht wurde. Diese Drohung wurde auch in vielen Fällen verwirklicht. 8. In Russisch-Polen, in welchem die Leidenschaften durch die Kriegsfurie aufs äußerste arfgepeitscht sind, hat Ihre Regierung die niedrigsten Elemente der Bevölkerung zu Mord und Raub an den Inden anfgehetzt in einer Weise, welche alles bisher Bekannte überboten hat. 9. Dort ordnete auch Ihre Regierung an, daß aus ein Trommelzeichen alle Inden sich an einem bestimmten Orte zu versammeln haben. Als die Juden in mehreren Städten auf ein solches Signal sich stellten, wurde ihnen befohlen, binnen drei Stunden die Stadt zu verlassen, da die Ungehorsamen als Spione vom Militärgericht bestraft würden. Natürlich gab es keine Ungehorsamen. Tarnende nnd Abertausende wurden unter Eskorte von Soldaten von ihren Wohnstätten, ihrem Hab und Gut, weggeschleppt nnd durch Peitschenschlüge von numenschlicheu Soldaten zu immer größerer Eile angetrieben. Der Anblick dieser sich hinschleppenden Männer, Frauen, Greise nnd Kinder soll herzbrechend gewesen sein. Bloß ihre Henker kannten kein Mitleid. Als aber das Ziel der Wanderung erreicht war — das Dorf, in welchem die Unglücklichen bis zum Schlüsse des Krieges zu verbleiben haben — da fehlte oft die Hälfte der Wailderer — sie war auf dem Wege vor Hunger, Kälte, Ermattung und Krankheit oder unter den Schlägen der wildenBegleitmannschaft znsammer - gebrochen. 10. Was im Innern Rußlands an den Juden verbrochen wird, dies dringt jetzt während des Krieges nur sehr schwach über die Grenze, aber die Pogrome hören fast nicht ans und noch dumpfer ist der furchtbare Truck, welcher auf den armen Juden lastet. Wie unmenschlich, wahnsinnig unmenschlich ist es, daß jüdische Mütter und Frauen zn ihren in der Armee dienenden verwundeten oder schwer kranken Söhnen nnd Männern nicht zugelassen werden, weil die Militärspitäler außerhalb des Ansiedlungsrayons liegen t Wie herzlos ist dies gegenüber den armen Kranken, welche sich ihre Leiden im Dienste des Staates geholt haben. Eine halbe Million Juden zum Waffendienste zu zwingen und sie so wie ihre Allernächsten dann als Rechtlose nnd Aussätzige zn behandeln, das ist echt russisch. Wenn es wahr ist. daß die Weltgeschichte das Weltgericht ist, dann, Herr Minister, wird das Urteil über Rußland und seine Helfershelfer furchtbar anssaüen. Aber wie immer es sein wird, sprechen Sie, Herr Minister, in Ihren Reden nicht von den Juden. Scheinheiligkeir gehört seit jeher zu dem Requisiten der russischen Minister. Aber in der Judenfrage ist jeder Versuch Rußlands, sich reinzuwaschen, vergeblich und lächerlich. Wenn es eine öffentliche Meinung gibt, welche sich durch Gerechtigkeit und Frerheitsliebe keilen läßt, wenn diese öffentliche Meinung Einfluß auf die Haltung der neutralen Staaten haben wird, so wird deren Platz niemals auf seiten Rußlands sein. Von der großen nordamerikanischen Union sollte mau dies mit Bestimmtheit Voraussagen können. Das Land Washingtons und Lincolns wird sich durch das Reich Plehwes und Jgnatiews. durch das Reich der kontinuierlichen Massenmorde nicht betören lassen. Wien, am 16. Februar 1915. Heinrich Reizes. Abgeordneter des österreichischen Parlaments. Russische Nersprechnngen. Man weiß in Deutschland schon seit langem, daß es mit russischen Versprechungen nicht weil her ist. In Rußland wird immer sehr viel versprochen, aber sehr wenig gehalten. Die unmenschlichen Unterdrückungen der Juden in Rußland seit dem Ansbruch des Krieges haben ihrerseits den Glauben an die Versichernugen der konservativeil russischen Kreise völlig erschüttert. Nun veröffentlicht die jüdische Zeitung! ' \!