Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. Die Wahrheit Seite 5 wurde, konnte sich der Verein nicht verhehlen, daß mit den sehr beschränkten Mitteln hier nicht .geholfen werden könne. Es gelang, die von den hochherzigsten Intentionen geleitete Regierung zu bewegen, ihr humanitäres Hilfswerk nach der Richtung anszndehnen, daß die Einrichtung der in der Folge gebauten Baracken ans staatlichen Mitteln geliefert, ebenso Kleider, Wäsche und Schuhe für die unglücklichen Flüchtlinge für Rechnung der Regierung beigestellt wurden. Die Israelitische Allianz steht nach wie vor mit den in Mähren befindlichen Hilfskomitees in engem Kontakte und in den häufigen gemeinsamen Besprechungen werden die Wünsche und Beschwerden gtprüfl und eingehend beraten, um sodann den maßgebenden Behörden, mit denen die Allianz in steter Fühlung steht, vorgelegt zn werden. Es kann mit Genugtuung konstatiert werden, daß der Fürsprache des Vereines in den wichtigsten Fragen der namentlich in Mähren geführten Fürsorgeaktivu ein gut Teil der Vervollkommnung des Hilfswerkes und der Verbesserung der Lage der in den drei erwähnten hauptsächlichen Konzentrationslagern allein etwa 23.000 Personen zählenden unglücklichen Flüchtlingen znkommt. Der Verein konnte nunmehr die ihm durch Spenden zugegangenen Mittel zur Förderung zahlreicher Äohlfahrtseinrichtungen verwenden, die zur Erleichterung der Existenz der großen Massen der Flüchtlinge in Wien und auswärts geschaffen wurden. Verschiedenen Volksküchen und Ansfpeisnngsstellen in Wien wurden monatlich Subventionen bewilligt, um ihnen eine sehr billige Mittagskost-Berabreichung an viele Tausende von Flüchtlingen zn ermöglichen. Ebenso wurden die mit der Z e n 1 r a l st e l I e der Flüchtlingsfürsorge in Verbindung stehenden, teils von dort direkt geleiteten, teils durch Frau Anitta Müller hervorgerufenen Institutionen, Teestuben, W ö ch n e r i n n e n h e i m usw. durch größere Subventionen gefördert. Für etwa 700 Schüler der in Wien ad hoc eröffneten Polnischen Gymnasien und für zahlreiche Schülerinnen verschiedener Kurse für Mädchen wurde von der Allianz das Schulgeld gezahlt und teilweise wurden überdies Schulbücher zur Verfügung gestellt. Für die Zahlung von Taxen für galizische U u i v e r s i t ä t shörer wurde dem Vereine zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studierender eine größere Summe Angewiesen. Um den durch die Flucht vor der russischen Invasion am härtesten getroffenen Familien aus dem Mittelstände in besonders berücksichtigungswürdigen Fällen eine entsprechende über die staatliche Unterstützung hinansgehende Hilfe zu gewähren, wurden dem Leiter der Z e n t r a l st e ll e. Herrn Gemeinderat Dr. Schwarz-Hiller, namhafte monatliche Beträge zur Verfügung gestellt. Den zahlreichen in Wien weilenden Rabbinern und Rabinatsassessoren ans Galizien wurden monatliche Zuschüsse direkt vom Verein bewilligt. Den Hilfskomitees in Pohrlitz und in Gaya, sowie in Ung.-Hradisch wurden zu dringenden Anschaffungen bedeutende Subventonen gewährt. Ueberdies wurden von der Allianz im Dezember v. I. als C h a n u k a s p e n d e für die drei Barackenlager je 3000 Päckchen Tabak, je 50.000 Zigarettenhülsen, je 60.000 Stück Zigarettenpapier, je 10.000 Korrespondenzkarten, größere Quantitäten Strickwolle, Strick- und Nähutensilien, Kämme, Bürsten, Taschenmesser und andere nützliche Gegenstände, sowie eine Kollektion hebräischer Bücher (Bibel- und Talmudexemplare, Midraschim und andere rabbinischeSchriften) gesandt. An dieser beteiligte sich auch das Hilfskomitee in Brünn mit einem namhaften Beitrag. Ueberdies hat die Allianz auch verschiedenen Gruppen galizischer Flüchtlinge .in Böhme n über deren Verlangen hebräische Bücher gespendet. Eine besondere Aufgabe, die mit dem statutarischen Wirkungskreise des Vereines im Zusammenhänge steht, trat an die Israelitische Allianz dadurch heran, daß sich das Bedürfnis einstellte, für den Schulunterricht der in jedem Barackenlager nach vielen Hunderten zählenden Kinder Sorge zn tragen. Auch bei dieser Aktion fand der Verein seitens des Kriegsfürsorgeamtes, wie seitens des Statthalters in Mähren das wohlwollendste Entgegenkommen. Im Verein mit der Baron Hirsch-Stiftung und mit dem Hilfskomitee in Brünn .wurden Volksschulknrse eingerichtet, bei welchen qualifizierte Lehrer, die sich unter den Flüchtlingen befinden und vorwiegend dem Lehrkörper der Baron Hirsch-Stiftung angehören, den Unterricht erteilen. Die Ausgaben der Israelitischen Allianz für die Flucht-, linge aus Galizien und der Bukowina haben bis Anfang Februar 1915 etwa L 110.000 betragen. Snlzer-Kettqnir«. Von Oberkantor Singer-Kattowitz. (Fortsetzung.) III. Snlzers Ring. Unter den zahllosen Snlzer-Andenken. die mir nach dem Hingänge meines teueren Vaters b'r zufielen, befinden sich außer Noten, Handschriften. Bildern und Briefen, auch einzelne kunstgewerbliche Gegenstände, die neben dem materiellen, einen großen historischen und ethischen Wert besitzen und sicher das Interesse weiterer Kreise erwecken dürften. Da ist ein holländischer Kupferstich ans dem Jahre 1590. Der ‘man jna mit vielen Priestern steht vor dem König, der, ans dem Throne sitzend, eine Platte hält, ans der in wundervoller Klarheit ein vierstimmiger Gesang alls tw 2'i'vn zll lesen ist. Auf der Stirnseite stehen die Worte: „eanticum canticoruma. Der Wert dieses Stiches wurde mir erst klar, als vor einiger Zeit ein Berliner Kunsthändler bei seinem Besuche mir eine enorme Summe für denselben anbot. Noch erwähne ich eine gewöhnliche, mit einem Holzklotz oben verschlossene Literflasche, die inwendig den ganzen Altar des Seitenstetten-Tempels mit allem Zubehör und dem betenden Kantor, in farbigem und goldgesticktem Material, getreu Hochgebildet, enthält. Eine ganz fabelhaft schwierige Arbeit eigenartiger Kleinkunst, deren Schlüssel selbst eiir Kunsthistoriker Wiens nicht finden konnte. Ferner ein aus Spanien stammendes Handtuch, in das der B*:rc ro-a eilt» gestickt ist. Am meisten bewundert aber wird von allen Knustkennern jener merkwürdige Ring, den Snlzer meinem Vater einst selbst ansteckle. Auf einem bandartig ziselierten Reifen, in dem zweimal die Wortejro* eingraviert sind, ruht eine quadratische Platte, die in genanester Reihenfolge die zwölf Steine des Hohepriester-Brustschildes »2"&m mw enthält. Die Seitenlänge der Platte beträgt kaum einen Zentimeter und doch ist jeder der zwölf Steine ganz nach Vorschrift gewählt und genau zu erkennen. Daß selbst der jener undurchsichtige, bald weiß, blau und fleischfarbig schillernde Stein, ferner der mit seinem mnschligen Bruch und roten Wellenlinien hier zn finden ist, hat bei Kennern überall die größte Sensation erregt. Wenn die Aufzeichnungen verläßlich sind, hat Snlzer diesen Ring im Jahre 1868 ans Italien erhalten. IV. S n l z e r s H n m o r. Wohl selten ist über die persönliche Eigenart eines Menschen so viel gefaselt worden, als über Snlzer. Seine Biographien schießen wie Pilze ans der Erde und enthalten immer die gleichen Falsationen und Hypothesen, so daß alle, die Snlzer wirklich gut kannten, ihn wie durch einen Vexierspiegel verzerrt sehen. Während die halbe Welt widerhallt von Lob und Preis des einstigen großen Sängers, dürften nur wenige etwas erfahren haben, von dem hohen Menschenwerte Salomon Snlzers. Eine wahrhaft getreue Sulzer- Biographie harrt also noch ihres Schreibers. Der Geist und Witz Snlzers müßte darin ein breites Kapitel einnehmen. Infolge seiner Bildung und scharfen Verstandeslogik hatte Snlzer eine ausgeprägte schlagfertige, mitunter etwas sarkastische Art gegenüber jenen Kantoren, die von Eitelkeit oder Selbstsucht getrieben, ihm nahten. Für alle aber hatte er eine offene Hand, wenn es galt, Not zn lindern.