Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 8. man mm vom Abschlüsse eines solchen Sonderfriedens abgekouuueu sei. Rußlands Eintreten für den serbischen Mordköuig wird ein ewiges Schandblatt in der Geschichte Rußlands bleiben. Interessant ist die russische Genügsamkeit betreffs der neutralen Staaten Rumänien, Spanien und Italien. Herr Sasanow begnügt sich schon mit russenfreundlichen Kundgebungen in Rumänien itnd dankt den letztgenannten Staaten sowie Schweden für humane Hilfeleistung an russische Flüchtlinge. Die russische Courage scheint also doch etwas geheftet zu sein und es spricht nicht für äÜzugroßes. russisches Selbstbewußtsein. wenn Herr Sasanow über die Bundesgenossenschaft Japans, die Rußland noch sehr unangenehm werden kann, seine besondere Freude äußert. Den Gipfel der bewußten Verlogenheit und der Heuchelei erreichte aber die Rede des russischen Ministerpräsidenten Goremykin. Er fabelte von der stattgefundenen b r ü d e rlicheu Annäherung zwischen dem russischen und dem polnischen Volke .(!), „das ohne Murren die Prüfungen erträgt, die ihm anserlegt werden." Er fabelt von der glänzenden Zukunft Rußlands am Schwarzen Meere vor den Mauern von Konstaulil.l0pe.l. Goremykin meint, „der tiefe Glaube des russischen Volkes au den schließlicheu Triumph setze sich nunmehr in Sicherheit um." .. Ist dies auch wahr? Ändere Mitglieder der Duma behaupteten, ..Rußland bekämpfenden deutschen Militarismus und verteidige die Gedanken der Menschenliebe, der Humanität und des Rechtes." (!!!) Rußland ist bereits seit Jahrhunderten die echteste Verkörperung eines militaristischen Staates und alle seine staatlichen Maßnahmen liefen ans robuste Eroberungen hinarts. Rußlands Menschenliebe und Humanität wird aber am treffendstell durch seine Behandlung der Sozialdemokraten und Inden demonstriert. Schließlich regiert in Rußland der Zar, und das Volk wird heute noch in den empörendsten und unwürdigsten Sklaveubandeu sestgehalteu. Mil großen Worten werden die Staaten der Entente keinen Schrecken verbreiten und die Kriegssitnation nach sechseinbalb Monaten des bittersten Kampfes ist für die verbündelen Zenrralstaaten Europas dlirchaus günstig. Deutschland und Oesterreich-Ungarn, wie auch das tapfere osmanische Volk drohen weniger mit Worten, lassen dafür aber die Taten sprechen. Die Opferwilligkeit in Oesterreich-Ungarn ist wahrhaft heroisch und es ist sehr zu bedauern, daß die österreichische Regierung seiner Volksvertretung keine Gelegenheit gab, dieselbe legal zu bekunden. Es ist sicher anzunehmen, daß die österreichische Volksvertretung angesichts des uns anfgezwnngeuen Krieges ebenso einig und patriotisch gestimmt hätte, wie es in Deutschland geschah. Aber selbst eine kleine Opposition wäre im nationenreichen Oesterreich kein Unglück gewesen, nachdem es solche Minoritäten selbst in den Nationalstaatelt Frankreich und England gab und dort aus Mißvergnügen wegen des Kriegsausbruches sogar Minister demissionierten. Angesichts der bereits wochenlange wieder vorgekornmenen Kriegserfolge der mitteleuropäischen Verbündeten in der ganzen ungeheuer langen Front gegen die Russen und der zähen Haltung der Deutschen gegen die Franzosen und Engländer finden die großmältligen Versicheruugen der Entente immer weniger Glauben und gar maucherZeituttgsleser denkt an das bekannte altjüdische Sprichwort „Soll ich so leben, er wirds noch billiger geben." Daß tatsächlich die Sehnsucht nach einem baldigen Friedensschlüsse auch innerhalb der in der Entente verbundenen Staaten vorhanden ist, wird aber am besten durch Einleitung von Friedeusverhandlungen illustriert, die sogar die praktischen Nordamerikaner bereits einleiten. Kluge und eifrige Zeitungsleser fömteu daher durch große Worte, die in den feindlichen Staaten gegen uns geprägt werden, nicht beunruhigt werden, denn „Bangemachen gilt nicht." 'SW. 2. Hilfsmerke der ifrael Allnm;;n Miel» fiu* die «Vpfer des Krieges. Sofort bei Ausbruch des Krieges'fand sich die Israelitische Allianz in die Notwendigkeit versetzt, über ihren normalen Wirkungskreis hinaus für verschiedene Kategorien durch den Krieg plötzlich in schwere Bedrängnis geratener Glaubensgenossen, denen von anderer Seile keine Hilfe gewärht werden konnte, Beistand zu leisten. Während des' Monates August, als der gesamte europäische. Verkehr mit t einem Schlage ins Stocken geraten war und Tausende ausländischer jüdischer Familien, welche in österreichischeu Kurorten weilten, hilflos in der Fremde blieben, galt es. dieselben im Einvernehmen mit den Behörden, zum Teile aus dem Umwege über Rumänien, in die Heimat zu befördern, wobei die zahlreichen mittellosen Personen für die Weiterreise mit Geldmitteln unterstützt werben mußten. Ferner war eine gxoße Anzahl jüdischer Emigranten aus Rußland und Rumänien. welche kurz vor dem Kriege sich auf die Reise begeben hatten und in Wien Schiffskarten von ihren Verwandten erwarteten oder bereits im Besitze derselben mit Unterstützung der Allianz nach den Hafenstädten befördert werden sollten, der Möglichkeit beraubt, die Reise nach den überseeischen Ländern sortzusetzen und es. mußte für den Unterhalt dieser Familien für mehrere Monate, zum Teil während der ganzen Dauer des Krieges, Vorsorge getroffen werden. Bald siat jedoch diese Fürsorge, sowie die für die internierten jüdischen Ausländer und Kriegsgefangenen vor der unvergleichlich größeren Aufgabe zurück, den galizis ch eil Flüchtl ingen Hilfe zu bieten. Anfangs September wurde die Israelitische Allianz vom k. k. Krlegsfürsorgeämt verständigt, daß in den nächsten Tagen einige Tausend Flüchtlinge einlaugen werden, ivelche nach Mähren dirigiert. würden und die Allianz wurde dringend ersucht, bei der Aktion, die von staalswegeu zugunsten der Flüchtlinge eingeleitet wurde, soweit es sich um Inden handelt, mitznwirken. Es konnte damals nicht voransgeseheu werden, welchen Umfang diese Aktion annehmen würde. Am 5. September erhielt die Israelitische Allianz von Sr. Exzellenz dem Statthalter Freiherrn von Bleyleben in Brünn ein Telegramm: „Werde in den allernächsten Tagen über 6000 arme jüdische Flüchtlinge ans Rußland und Galizien in der Jsraeliten- Gemeinde Nikvlsbnrg provisorisch und sehr notdürftig unterbringen müssen, zu welchem Zwecke ich zunächst die Erbauung heizbarer Baracken angeordnet habe. Da die staatlichen Mittel zu deren menschenwürdiger Beqnartiernng und Beköstigung keineswegs ansreicheu, wende ich mich in dankbarer Erinnerung an die tatkräftige Unterstützung meiner seinerzeitigen Hilfsaktion zum Schutze der rumänischen Juden in der Bukowina, an die geehrte Allianz mit der Bitte um rasche und ausgiebige Hilfe für die armen Flüchtlinge. Hoffe zuversichtlich, daß die geehrte Allianz ihre so oft schon bewährte Humanität in den Dienst dieser aus humanitären Gründen eingeleitelen patriotischen Aktion ftetten wird." Nicht lange darauf traf auch ein telegraphischer Hilferuf des Bürgermeisters der Jsraeliten-Gemeinde Nikolsburg ein, wo die ersten Scharen der Flüchtlinge einstweilen in einer Notbaracke uutergebracht wurden. In einer Besprechung, welche mit Sr. Exzellenz dem Statthalter in Brünn stattgefuuden, übernahm es die Allianz, für die in Nikvlsbnrg unterzubringendeu Familien Decken. Strohsäcke, Pölster, Eßgeschirr n. s. w. beizustellen. Diese Anschaffungen, welche den dringendsten Bedürfnissen der unglücklichen. damals zum Teile obdachlosen Flüchtlinge zu entsprechen berufen waren und späterhin zur Einrichtung der Baracken verwendet wurden, waren mir einem großen Kostenanswande verbunden. Als sodann in Pohrlitz und in Gaya für noch viele Tausende jüdischer Flüchtlinge Baracken gebaut werden mußten und die Gesamtzahl der Flüchtlinge in Wien selbst und den andern westösterreichischen Städten nach Hunderttänsenden berechnet