Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 7 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 7. ihn mit solch leid vollen Augen angesehen haben, wie er solches Leid noch in keinem Menschenange wahrgenommen habe. Nun/ dies mag richtig sein; allein er berichtet auch, daß es der Lebenstranm der Flüchtlinge gewesen sei, „in Wien zu' leben und in Jerusalem zu sterben". Nun, ich glaube, die galizischen Juden müßten sehr im Irrtum über Wien gewesen sein/ wenn sie nicht vielmehr eine Stadt zu meiden gewünscht hätten, in welcher auch die fortschrittlichen Blätter, wie der „Morgen", in Antisemitismus tätig sind, denn derselbe bleibt nicht auf Herrn Alpheus und das Feuilleton beschränkt. Im .Briefkasten des „Morgen" vom 26. Jänner I. I. lesen wir, daß der sittlich Höherstehende das alttestamentarische „Auge um Ange, Zahn um Zahn", verwirft. Und diese Enunziation einer mit Ethik protzenden religiösen Verhltziing ist es, welche mir das Maß gerechter Entlüstnng über den henlerischen, gleißnerischen „Morgen" vollgerüttelt hat und mich endlich zu einem Proteste gegen dieses, sich unter der Maske der Sozialpolitik in den intellektuellen Leserkreis einschmuggelnde Hetzblatt anfruft. Wo die Tendenz zu hetzen und zn verhetzen so nnverhüllt zutage tritt, da ist ja erfahrungsgemäß jede sachliche Aufklärung vergebliche Mühe. (Ueber die Motive dieser Tendenz werde ich mich später aussprecheu; so viel ist gewiß, daß diese Motive weder in der Gutgläubigkeit der Leiter des „Morgen" liegen, noch auch in dem bei jeder Redaktion begreiflichen Entgegenkommen an die Leser zu suchen sind.) Dennoch will ich es nicht unversucht lassen, wenigstens für jüdische Leser, das vielverlästerte „Auge nm Auge" nsw. einigeimaßen zn rehabilitieren. Auch der oberflächliche Leser dieser im dritten Buche Mosis, Kap. 24, 17—21, vorfindlichen Stelle wird heransstnden, daß die Maxime „Auge nm Auge, Zahn nm Zahn" bei der vorsätzlichen Verletzung eines Menschen im Gegensätze zur vorsätzlichen Verletzung eines dem Nächsten gehörigen Viehes zur Anwendung kommen soll: „Wer ein Vieh erschlägt, soll es bezahlen, Stück für Stück; und wenn jemand seinem Nächsten eine Verletzung zufügt, wie er getan, so soll ihm getan werden, Bruch um Bruch, Auge nm Auge, Zahn nm Zahn, wie er einem Menschen eine Verletzung zugefügt, also werde sie ihm beigebracht". Nun, wohlgemerkt, es ist die vorsätzliche, böswillige Verletzung eines Menschen durch einen anderen gemeint, welche nicht, wie bei der Verletzung eines Stückes Vieh durch Bezahlung und Geldbuße, sondern nur durch eine ebenso große Schädigung des Untäters gesühnt werden kann. Und wahrlich, wenn die Behörden im friedlichen Anslande als Strafe für ihr Vergehen gegen unsere Landesgenossen dieselberi Leiden zu erwarteri hätten, welche sie jenen bereiten — die Notiz im „Morgen" bezieht sich nämlich auf die Anwendung von Repressalien gegen bei uns im Jnlande wohnende Angehörige der feindlichen Staaten — so würden sie von der Drangsalierung derselben wohl ablassen! Auf die Gegenwart übertragen hieße „Auge um Auge, Zahn nm Zahn" nichts anderes, als die englischen Behörden seien ebenfalls in Konzentrationslagern eiuzusperren und die russischen Behörden seien Pogroms und Massakern auszuliefern, eine Justiz, die wirksam genug wäre, allen Schändlichkeiten ein baldiges Ende zu bereiten und somit des Beifalles aller „sittlich Hochstehenden" wert wäre. Falsch verstanden aber ist das Urteil, „Ange nm Auge, Zahn um Zahn", wenn man dasselbe dahin auslegen wollte, daß der in Wien lebende Engländer oder Russe oder Franzose denselben Leiden ansgesetzt werden müsse, wie der in den Ententeländern lebende Wiener. Nur der Täter selbst, nicht aber sein Volksgenosse oder sein Brnder oder Verwandter ist zur körperlichen Buße heranzuziehen, nur dem. Missetäter selber, nicht aber einem Unbeteiligten, wird die rächende Verletzung angedroht. In unserer Zeit der beispiellosen Grausamkeiten, welche nach den übereinstimmenden Berichten gerade an Juden verübt werden, wäre eine Verallgemeinerung jenes alttestamentarischen „Auge nm Ange, Zahn um-Zahn"- leider sehr am Platze. Buchstäblich-werden Juden, wie einst Jesus von Nazareth, von den Russen für ihre eigenen' Sünden gekreuzigt. Das Herz empört sich, die Faust ballt sich, die Lippen öffnen sich zn einem Wehschrei, wenn wir von den entsetzlichen Mißhandlungen lesen, welche fromme und gelehrte Männer erdulden, nm ihre Treue zn Kaiser und Reich mit ihrem »Blute und ihrem langsam versickernden Lebensodem zu besiegeln. Von allen anderen Vergewaltigungen, von dem, was an ehrbaren Frauen und an keuschen Mädchen geschieht, daran zn denken, wehren wir unseren schmerzlich erregten Sinn, denn diesen Gräßlichkeiten sind unsere Nerven nicht gewachsen. Tatsächlich trägt der Jude auch diesmal wieder „das ganze Leiden der Welt" und er trägt es gottergeben und vaterlandstreu! Da ist es denn übel angebracht, wenn selbst von jener öffentlichen Stimme, die Fortschritt und Menschlichkeit verkünden will, der jüdische Name verächtlich gemacht und die jüdische Ethik herabgesetzt wird. Und nun komme ich ans da- Motiv dieser verhüllten und unverhiillten Angriffe zn sprechen. Der „Morgen" führt gleichzeitig auch einen Kamps gegen die Zensur, einen, wie ich sogleich bemerke, unberechtigten Kampf. Denn in Kriegszeiteu ist die Zensur ebensowohl eine Waffe gegen den äußeren Feind, als auch der Bannipruch für die Sorgen und Bennl nhignngen der daheimgebliebenen Volksteile. Sie ist ein unenibehrliches Requisit einer starken und zielbewußten Volkssührnng und hilft über manche Lücke in der Kette der kriegerischen Ereignisse säusligend und wohltätig hinweg. Richtig gehandhabt schafft die Zensur geradezu das Rückgrat für die Schwachen, die aus dem gewohnten Geleise geworfen, in dem aufgewühlten Boden keinen Halt finden könnten. Nun schätzt aber der „Morgen" die Zensurbehtzrde noch außerdem falsch ein. Er glaubt, durch ein wenig Judenhetze sich Liebkind bei jener Behörde zn machen, welche ja zuweilen die Judenhetzer gewähren ließ. Er schätzt diese Behörde aber doch gar zu tief ein, wenn er glaubt, daß sie die Judenhetze nicht nur passieren lassen, sondern dieselbe noch mit größerer Preßfreiheit belohnen werde. Er begeht somit außer dem Unrechte an den Inden noch das Unrecht der falschen Insinuation gegen die Zensurbehörde, ein Unrecht an feinen intellektuellen Lesern und endlich — nicht zuletzt — ein Unrecht gegen sich selbst, denn was gibt es Unnatürlicheres, als daß der „Morgen" anstatt in den Hellen Tag zu wandern, plötzlich kehrt macht und in Nacht und Nebel zurückversinkt? Rahel Edelstein-Friedmann. I. gj. Weiß. Zum hundertsten Geburtstage (Samstag, den 13. Feber 1915). von 8. Wiesner, Wien. Am Samstag den 13. Februar d. I. jährt sich znm hnnderstenmale der Geburtstag I. H. Weiß'. Die Ereignisse mögen es entschuldigen, daß nicht von berufenerer Seite daran erinnert wurde und dieser Tag nicht zum An lasse der Veranstaltung entsprechender Gedenkfeierlichkeiten wird. Wir können es uns jedoch unter den obwaltenden Umständen nicht versagen, im Folgenden einen Abriß des Lebens- und Werdeganges dieses großen Sohnes des Judentums zu geben.*) I. H. Weiß wurde am Vorabend des Neumondes Adar im Jahre 6576 (1815) in Großmeseritsch in Mähren geboren. Seine Eltern, Meir und Rebekka, entstammten angesehenen durch Gelehrsamkeit und Frömmigkeit ausgezeichnete» Familien. Der Vater gehörte dem Kaufmannsstaude an. Das Schulwesen jener Zeit stand noch ans einer tiefen Stufe, doch war darin schon ein kräftiger Hauch des Mendelssohnscheu Geistes zu verspüren. Man fing bereits an, die Jugend Nach der deutschen Bibelübersetzung zn unterrichten und mit den Regeln der hebräischen Grammatik bekannt zu machen. Es wurden allmählich auch anßerreligiöse Stoffe in dem Kreis der Unterrichtsgegenftände gezogen. Den ersten Unterricht erhielt Weiß im Cheder, in welchem er bis zn seinem vollendeten achten Lebensjahre verblieb. Ueber Anraten des *) Die Daten sind den Memoiren von Weiß ÖTffnaO und einen aus Anlaß seines siebzigste» Geburtstages erschienenen Artikel im Haffif 1886 von Sokolow entnommen.