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Die Wahrheit · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 7. braches an, weil es durch seine Unterseeboote den englischen Truppentransport nach Frankreich und die Seeznfuht nach England ernstlich gesährdet. Ja. England darf alles Mögliche ansftihren, nni seine „heiligsten Interessenzu schützen, falls dies aber auch der deutsche Gegner nu. dann Bauer, ist eben was anderes. In Deutschland und Oesterreich-Ungarn wird die Bevölkerung von ftaatswegen keineswegs derart gegen Angehörige der feindlichen Staaten gehetzt. Noch gegenwärtig hat man auf die zihlreich-n Ausländer keine Hetzjagd wie ' bei unseren Kriegsgegnern arrangiert. Tausende von Russen, Franzosen und Engländer bewegen sich heute noch frei in Oesterreich-Ungarn und die kriegsgefaugenen Soldaten werden human behandelt. In Knittelfeld, Steiermark, befindet sich beispielsweise ein Rnssenlager für 2000 Gefangene. Diese Barackenstadt besteht aus neuerrichteten, schmucken Holzhäusern mit gedielten Fußböden, breiten Fenstern und Bentilationsanlageu. Jeder gefangene Russe hat einen Strohsack und eine WoÜdscke zum Schlafen. Gegen kalte Witterung ist durch Doppelwänße gesorgt, die mit Holzwolle oder Sägespäne ansgefnllt sind, außerdem befinden sich in jedem Holzhause zwei Öefen. Ein Dampfbad, eine Feldküche und eine eigene Bäckerei sorgt für die leiblichen Bedürfnisse der Gefangenen. Abends wird das Riesenlager durch eine elektrische Anlage taghell beleuchtet. Man hat den Gefangenen Arbeitsgelegenheiten geboten und sie durften bereits bei der Herstellung der Baracken Mitarbeiten. Mittags gibt es Fleisch und Gemüse, morgens und abends Tee und Brot. Der Gefangenensold beträgt täglich 12 Heller, wer aber arbeitet, erhält noch 24 Heller Zulage. Unsere in Rußland gefangenen Soldaten wären sicherlich froh, wenn sie es dort ebenso gut hätten. Traurige Nachrichten über barbarische Behandlung im feindlichen Auslande haben leider die Wahrnehmung von „Repressalien" angeregt. So wurden jüngst alle Schulkinder und Schüler der höheren öffentlichen und privaten Bilduilgsanstalten, die in den mit uns kriegführenden Staaten zuständig sind, in Wien und Niederöfterreich einfach entfernt. Doch kann der niederösterreichische Landesschulrat die betreffenden Kinder und Zöglinge auf Grund triftig belegter Gesuche wieder als „Privatisten" in den betreffenden Schulen zulasseu. Angesichts der gefährlichen Kriegslage kann man gegen diese Sicherungsmaßregel wohl nichts Stichhältiges einwenden. Anwendung findet diese Schnlansweisung leider meist auf jüdische Kinder und Schüler ans Rußland, wenn dieselben auch in ihrem Leben noch nicht Rußland gesehen haben. Die meisten bei uns anwesenden russischen Juden haben sich infolge von Pogromen und Ausweisungen hierher gefiüchtet nnd sind deshalb keine russischen Patrioten, die erwähnte „Repressalie" wendet sich daher in solchen Fällen gegen Unschuldige. Sollte ein solches Kind gegen die stattgefnndene Schnlansweisung bis heute noch keinen Schritt unternommen haben, dann mögen dessen Eltern oder Elternstelloertreter sofort ein entsprechendes Gesuch an den niederösterreichischen Landesschulrat um Wiederznlassung einreichen und es vom Schulleiter befürworten zu lassen. Das Gesuch muß mit dem Geburtszeugnisse des Kindes, dem Taufschein eventuell Stenerbogen der Eltern, deren Meldezettel und Sittenzeugnis belegtsein. In keinem Falle werden aber „Repressalien" bei uns mit solcher Rücksichtslosigkeit geübt, wie in gegnerischen Staaten, denn die Humanität steht in Deutschland und in unserem geliebten Vaterland ungleich höher als etwa in Rußland und wird sich hoffentlich auch während des Krieges nicht abdrängen lassen. - - R. L. Morgendämmerung. So betitelt sich ein Sammelband von Feuilletons, welche Alpheus seit den letzten 4 bis 5 Jahren allwöchentlich m dem Moutagsblatte „Der Morgen" erscheinen hat kaffen. Wie dieses Blatt eine ganz eigentümliche sozialpolitische Physiognomie trägt, welche bei ihrem Erscheinen durch Originalität wirkte, nunmehr aber an Frische nnd Reiz bedeutend verloren hat, so haben auch diese Feuilletons zuerst wie ein frisch-fröhliches Streiterlied geklungen, sind aber augenblicklich, besonders in den jüngsten, noch nicht mitgesammelten Exemplaren, zu einer langweiligen Litanei geworden, die durch andauernde Wiederholung nicht anregender wird. Es find denn auch diese jüngsten Feuilletons von Alphens, welche von jüdischer Seite nicht mit jener stillschweigenden Verachtung; übergangen werden dürfen, welche ihnen sonst allerdings ge- 1 bühren würde. Und da sie vergeblich sich in den Mantel der Menschenfreundlichkeit hüllen und Blößen der Bosheit sichtbar werden lassen, so kann ich nicht umhin, zu betonen, daß ich diese Blößen sehr wohl bemerkt und ihre Häßlichkeit ganz tief empfunden habe, obzwar ich sonst liberal genilg bin. jedem Schriftsteller das Anrecht ans ein unbegrenztes Maß von Blößen znzngestehen. Ich überlasse es dem einen, sich monistisch zu gebärden, und so zu tun, als ob er turmhoch über seinen angestammten jüdischen Monotheismus emporgestiegen wäre. Der. andere mag meinethalben, nachdem er selbst auf ererbten oder erspeknlierten oder sonst erworbenen Grldsäcken sichs geruhig wohl sein läßt, die Quartiere der Armut nnd des Lebenskampfes mit seiner sozialpolitischen Neugier beschnüffeln nnd ein feuilletonistisches Ragout zusammmbranen, in welches er - mit journalistischer Treue selbst den Geruch seines Materials den lüsternen Nasen der Leser nicht vorenthält. Ich lasse jedem Zeitgenossen seinen Sport nnd jedem Nirrer die Freude an seiner Kappe. Wer nach den anstrengenden Vergnügungen des Sonntags, nach nächtelangen Kartenpartien und nervenabspannenden Kabaretts den Montag-Morgen mi t der Gewißheit beginnen wollte, daß andere Leute es in diesem irdischen Jammertale noch schlechter haben nnd er denn doch nicht gar so übel daran ist, wenn es zu seinem eigenen Be- Hagen unerläßlich scheint, zu wissen, daß nicht allen Mitmenschen ein ebenso großes Behagen zugänglich nnd erreichbar ist, für den hat Alphens seine Feuilletons geschrieben nnd er hat seinen Zweck, die Satten auch zufrieden zu machen, fast vollkommen erreicht. Allein ich muß dagen Verwahrung einlegen, daß dies auf Kosten des Indentnmes nnd der jüdischen Religion geschieht. Um es vergessen zu machen, daß er einmal den englischen Sozialpolitiker Lloyd George angehimmelt hatte, beeilt sich Alphens, ihn den Verräter Judas Jicharioth zu nennen nnd seinen Vornamen „David" mit gehässiger Betonung in demselben Zusammenhänge zu erwähnen. David zu heißen, hat zwar nur bei einem geringen Teile der österreichischen Bevölkerung etwas Diffamierendes, aber dieser geringere Teilist es eben, der seine Gesinnung an Namen und Schlagworte heftet und andererseits dnrch Namen und Schlagworte zu Gesinnungsansbrnchen und Gesinnungsexzessen provoziert wird. Was für; Provokationen in dem Namen Judas Jscharioth schlummern, das weiß Herr Alphens ganz genau, nnd er weiß auch, daß er diesen — ob mit Recht oder Unrecht —> gebrandmarkten Namen gerade noch dem Leserkreise des „Morgen" als rotes Tnch vorflattern lassen darf, da ihm wahrscheinlich diese Leser darauf nicht hineinfallen werden,' Ein anderesmal bekrittelt Alphens die eine oder andere Ge- : richtsverhandlnng und setzt als Motto jene Szene aus „Der Kaufmann von Venedig", da Shylock vor Gericht sein Recht auf ein Pfund Fleisch ans dem Leibe seines Prozeßgegners mit „seinem Schein" erhärtet. Ich frage, gibt es sonst keine Gerichtsszeneu in Poesie nnd Prosadichlung, wenn schon ein poetisches Motto herangezogen werden muß? Muß die widerliche Szene, die von Shakespeare vielleicht mit bestimmten Absichten, vielleicht in bloßer Dichtertrene zum Angelpunkte seines venetianischen Sittenbildes gemacht worden ist, auch bei dieser unpassenden Gelegenheit herangezogen werden? Aber auch auf diesen plnmpen Köderwerden die Leser des „Morgen" Herrn Alpheus nicht anbeißen. Herr Alphens weiß nun des Weiteren zu erzählen, daß die-jüdischen Frauen der Flüchtlinge -am Nordbahnhof

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