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Die Wahrheit · 1915-02-05 · Heft 6 (5.2.1915) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 6 (5.2.1915)
Date
1915-02-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 6. Knl;er-Retiqnien. Bo:i Obrrkautor Sruger-Kattowitz I. Sulzers Todesfahrt. Sind es wirklich fünfundzwanzig Jahre? Kanin zn faffen! Die Erinnerung an jenen 20. Januar 1890 steigt wie ein Traum aus goldener Jugendzeit empor, führ! mich in das teure Elternhaus rrach der Wiener Seilenstettengasse und läßt alle Details der letzten Lebenstage Salomon Sulzers in scharfer Klarheit vor mir Wiedererstehen. Am 18. Januar spät abends wurde, wie fast täglich vorher, mein teurer Vater b'i zu Snlzer gerufen. Er lag da. schon minntenweise apathisch, doch wenn er wieder arifblickte, kam jene stereotype humorvolle Redewendung: „Und wenn die zweite Klappe sagen wird, ich Hab schon 86 Jahre geklopft, ich will nicht mehr, was dann?"*) Es war halb elf Uhr nachts, da Snlzer wohl sein Ende herannahen fühlte, er neigte sich plötzlich zn meinem Vater und flüsterte: „Josef — hier hast Du", dann steckte er jenen merkwürdigen Ring, von dem später die Rede sein wird, an die Hand meines Vaters und sank in die Kiffen zurück! Wir alle hielten den Athem an, wir lauschten seinen letzten Athemzügen — um elf Uhr war er leise hinübergeschlummert. Am 20. Jänner vormittags um halb elf Uhr trugen wir alle den Sarg in den Tempel hinunter, er wurde vor die heilige Lade gestellt, die ganz schwarz verhüllt war. Um ein Uhr begann bereits das große Kommen und die Auffahrt der Tranergäste, bald darnach gab Banrat Stiaßny den Auftrag, die Tore zn schließen, es wurde lebensgefährlich; aber diesem Ansturm von Menschen konnten Polizei und Tore nicht Stand halten, die Tore mußten wieder geöffnet werden und tausende Menschen standen ans der Straße, in allen Gängen Kopf an Kopf bis in den Tempel hinein, hier selbst die „Größen" von Wien. Nebelt dem Bürgermeister Dr. Borschke, die Barone Rothschild. Schey, Königswarter, Gntlmann, Pfeifer. L. A. v. Frankl rc, von der Kunst Nie. Dumba, Hellmesberger. Snppv. Eder und viele andere, sämtliche Vorstände der Wiener Synagogen, alle Rabbiner und Kantoren. „Das ist die schwerste Funktion meines Lebens", halte mein Vater zu Hanse geäußert, dann ging er tief ergriffen hinunter in den Tempel und intonierte mit seinem ätherklaren Piano Sulzers Requiem. Dr. Jellinek trat auf die Kanzel; wie auf einer silbernen Zinke schmetterte er das Thema seiner Rede in den Raum. „Die Stimmen verstummen." Dann trug man den Sarg hinaus, durch alle Gassen bis zur Ferdinandsbrücke, wo der vierspännige Leichenwagen stand, viele hundert Wagen folgten auf den Zentralsriedhof. Dort ergriff Dr. Güdemann das Wort. „Auf daß du davon erzählest Deinem Sohne und Deinen Enkeln." Die Sonne neigte sich schon tief als mein Vater am Grabe die letzten Worte sprach und die ersten Schollen hinabwarf — alle Kantoren Wiens intonierten Sulzers „uw! n. Sulzers letzter Schub er t-S a n g. Noch sehe ich jenes interessante Musikzimmer vor mir, mir all seinen zahllosen Bildern, Krügen, Gold- und Silbergegenständen, Kranzschleifen und anderen Widmungen, die von Sulzers Ruhmeslaufbahn erzählten. Da gab es unvergeßlich schöne Abende, wenn wir vor Snlzer musizieren durften und seine Lieblingskomponisten, Wagner, Schubert, Mendelssohn und besonders Lachner zu Gehör brachten. Nicht immer kam Snlzer in die Gesellschaft; die Anwesenheit einer einzigen Person, die ihm nicht paßte, konnte ihn fernhalten; die übertünchte Höflichkeit der Gesellschaft war ihm fremd, er war als echter Tiroler geradezu schlicht und einfach; zudringlicher Enthusiasmus war ihm sehr zuwider, für ein Lob aber, das aus innerer Ueberzeugnng kam und *) Bekanntlich hatte Snlzer schon seit Jahren die eine Herzklappe gelähmt. sachlich klang, war er sehr empfänglich. Die meisten Photos von Snlzer sind ungenau, nur wer die Radierung von Mosv kennt, hat die ungetrübte Vorstellung, wie er tatsächlich damals anssah (1890). Ein Vierteljahr vor Sulzers Tod hatte seine Tochter, Baronin v. Belart, zn einem Abend gebeten, bei dem auch der Pariser Schwiegersohn Sulzers. Paul d' Abrest, anwesend war; Snlzer kam herein, er schien glänzend gelaunt, die Pfeife schmeckte besonders, was die sehr tiefen Grübchen auf beiden Wangen beim Einziehen des Rauches bewiesen und so wagten wir es alle, ihn zu bitten, ein paar Töne zn singen. Snlzer stand ganz nahe neben mir — ich begann die ersten Takte von Schuberts „Wanderer" am Klavier zn spielen — da fing Snlzer zn schluchzen an — welche Erinnerung mag ihn überkommen habeil! Ich spielte und sang weiter und plötzlich bei der Stelle „Ich wandte still" fing Schnlzer zn singen an! — „Und immer fragt der Seufzer wo?" Er sang die Stelle zuerst gewaltig, das zweitemal wie ein Echo mit seiner so herrlichen Kopfstimme! Und wie mächtig klang das eingestrichene Dis des 85 jährigen? Beim Schlüsse „Im Geisterhanch tönts mir zurück", sang Snlzer einiges um eine Oktave höher; ich war momentan besremdet, trotzdem es wunderbar klang! Als wir geendet, neigte sich Snlzer zn mir, zeigte ans die Schlnßstelle im Buche und sagte: „Den Schluß hat Schubert mir gestattet." (Fortsetzung folgt.) Israelitischer Tempel Uerein für die Bezirke Wieden und Ma r g a r e t h e n, Wien, Die Generalversammlung des israel. Tempelvereines Wieden-Margarethen in Wien fand Sonntag, den 31. Jänner im Sitznngssaale des Vereines statt. Als Vertreter der Knltnsgemeinde erschien Herr Vorsteher S. S t e i u e r, als Vertreter der Bezirkskommisfion Obmann Herr Kommerzial- Rat M. Hacker und Stellvertreter Herr Jakob S. Straßbnrg. Betretet der befreundeten Tempelvereine Herr Philipp Weiß vom VIII. Bezirk, Herr Em. Schidrowitz vom X. Bezirk und Herr Dr. Ludwig P isk vom XIH. Bezirk. Als Gast Herr Gemeinde-Rabbiner Professor H. Reich. Obmann Herr Adolf H o f m a u n eröffnete die Generalversammlung, begrüßt die Vertreter. Gäste und Mitglieder und erklärt, daß er es für seine Pfiichl hielt, die Generalversammlung. ungeachtet der außergewöhnlichen Zeit, die wir jetzt dnrchkämpfen, abzuhalten und Rechenschaft über das abgelanfene Vereinsjahr zn erstatten. Mit großem Bedauern müsse mitgeteilt werden, daß unser Meistersänger Herr Oberkanlor Simon Weiß am 15. Jänner znm Landsturm einrücken nlltßte und fern voil Familie nnd Heim seine Bürgerpflicht erfüllt. Ans dem vom Schriftführer Franz Frankl vorgetragenen Jahresberichte ist zu entnehmen, daß wir den Verlust dreier treuer, langjähriger Mitglieder, der Herren Michael Pfaltzner. Redakteur Sigmund Spitz und Samuel Jellinek betrauern. Die Zahl der Mitglieder beträgt 225. Einen auffälligen, wenn auch erklärlichen Rückgang, weist die Zahl d.-r stattgesnndenen Trannngeu, 16 gegen 77 im Vorjahr, ans. Besonders lebhaft gestaltete sich der Besuch des Gottesdienstes durch die zahlreichen galizischen Flüchtlinge, welche insbesondere an Feiertagen die Räume unseres Gotteshauses füllen mtb Herrn Vereinsrabbiner Professor H. Reich veranlaßten, an jedem Freitag eine seiner stets talmudisch tiefdnrchdachten Predigten zn halten. Während der hohen Feiertage wurde den Flüchtlingen der Sitzungssaal samt Nebenräumen zur Abhaltung eines eigenen Gottesdienstes überlassen. Für die zahlreich erschienenen Militär wurden im Tempel Sesselreihen eingeschaltet nnd die Mannschaft mit Gebetbüchern versehen. Die im vorigen Jahre errichtete Bibelschnle erfreut sich regen Besuches nnd zählt au 100 Schüler und Schülerinnen. Herr Kvrnel Hacker, dzt.

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