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Die Wahrheit · 1915-02-05 · Heft 6 (5.2.1915) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 6 (5.2.1915)
Date
1915-02-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6. Die Wahrheit Leite 7. können. Ideen, die an der Wagschale der Ethik leicht gefunden werden, zerstieben und verschwinden wie Spreu vor dem Winde. Am Katheder, wo er seine Eigenart hinter die verschiedenen Philosophen und Systemen zurücktreten laßt, wo das subjektive Gepräge seiner Auffassung nur temperiert, verschleiert und abgestnst hervortreten kann, da mutet er als ein Schüler Platons an. der in seinem Denksystem dem Ethischen einen beträchtlichen Spielraum gewährt. Nun. sein Vortrag am 28. Jänner im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines hat uns eines Besseren belehrt. Es zeigte sich da, daß Dr. Wilhelm Jerusalem, der Ethiker. kein Platonist sei. Er ist vielmehr ein Bollwertjnde. etwa vom Schlage Benjamins, der in der Heiligen Schrift mit einem reißenden Wolf verglichen wird, allerdings ein zoologisches Wnnderexemplar, welches die Beute, da es am Morgen seines Lebens, in seiner Jugend, in den Urwäldern des Talmuds und anderen Produkten jüdischen Geistes, an moralischen Werten nnd Ideen reinsten ethischen Inhaltes an sich riß nnd in sich aufnahm, jetzt, am Abende seines Lebens, durch die emsige Arbeit eines schöpferischen Geistes bereichert, vielfach vergrößert und mit Waffen der philosophischen Erkenntnis gefeit und gesichert, wieder den Ureigen tümeru zurückerstattet und unter seine Brüdern verteilt. So kommt er über das diesbezüglich mehr ahnen lassende als tatsächlich behauptende System Platons, in welchem der Erkenntnis des Guten, des gewichtigsten Agens zur Erreichung und znmGenießen eines glücklichen und augenehmenLebens, eine überwiegende Rolle zugeschrieben wird, so gelangt er über die viel schärfer gefaßte, aber noch immer der ausreichende» Stärke ermangelnde Behauptung Fichtes, daß das Weltall an und für sich als ein leeres, wertloses Objekt zu betrachten sei, welches gewissermaßen der Belebung durch den sittlichen Handel nnd Wandel des Menschen harrt und nur durch die in Taten nnd Werke umgesetzten ethischen Ideen des Menschen einigen Wert erhält. Ueber diese Philosophen hinweg, die mehr oder minder die Neigung zeigen, einer dem ethischen Momente in der Erhaltung des Weltalls fast ausschließliche Geltung gewährenden, von Prof. Jerusalem „kosmische Ethik" genannten Auffassung, das Wort zu sprechen, greift er zu dem klaren, ob seiner dialektischen Feinheit sich tief in die Seele einprägenden und eine erhabene Weltanschauung in wenigen Worten formulierenden Ausspruch des Taldmndweisen R. Simeon ben Lakisch zurück (Trakt. Sabb. 89). Dieser deutet die abweichende Bezeichnung des sechsten, die ganze Schöpfung abschließenden Schöpfungstages, wo zu dem Ordnnngszahlwort „schischi" noch der bestimmte Artikel „ha" hinzugefügt wird, dessen Zahlenwert fünf beträgt, dahin: „Akzeptieren die Kinder Israels die Thora, die ans fünf Büchern besteht, so ist es recht, wo aber nicht, io verwandle ich (so spricht der Ewige) die Welt wieder in Tohu wabolrn, in das Chaos, zurück". Gott ist der Schöpfer der Welt nnd der Thora, der Inbegriff aller Moral und Ethik zugleich. Zwischen den beiden, dem Weltall und der Moral, ist ein inneres Junktim: fällt die eine, so reißt sie auch die andere in den Abgrund, in das Chaos zurück. Die Behauptung einer „kosmischen Ethik", der Bedingung des Weltbestandes von dem ethischen Verhalten des Menschen findet nirgends anderswo so prägnanten Ausdruck, als eben in den Urquellen des jüdischen Geistes nnd Denkens. Mit diesen vom Lichte philosophischer Erkenntnis durchzuckten Flammen des Sinais beleuchtete Dr. Jerusalem ganz individuell sein dem Titel nach schon ganz stereotyp gewordenes Thema: „Der Krieg und das Judentum". Nach einigen soziologischen Erörterungen über Staat nnd Krieg kam er dazu, von dem» großen Leid zu sprechen, das über uns hereinbrach, welches wir Juden nebst den speziellen Leiden, mit denen das Schicksal nur uns so reichlich „gesegnet" hat, mit unseren Mitbürgern anderer Konfessionen gemeinsam durchznhalten fest entschlossen sind, denn die Hoffnung auf ein besseres, gesicherteres, blühenderes, menschenwürdigeres Dasein gibt uns Kraft und Mut dazu. Und der Geist des jüdischen Volkes ist so geartet, daß es beim Vorhandensein bloß eines Minimums von realen Hoffnuttgen schon ein Maximum gegenwärtigen Leides ertragen kann. Vielleicht werden wir jetzt, den ungeheuren Opfern zufolge, mit denen wir uns jetzt auf jedem Gebiete hervortun, besser abschneiden. Aber diese Hoffnungen werden sich nur dann als nicht trügerisch erweisen, die Zuversicht wird nur dann keine Chimäre sein, dieses Vertrauen nur dann keine Seifenblase, die sich schnell zerflaltert, wenn wir Juden der Ausgabe bewußt werden, vor welche unS dieser Krieg stellt. Und da kam er zu seinem eigentlichen Thema, nach welchem aber der Vortrag viel treffender „Nach dem Krieg lind das Judentum" betitelt werden sollte. Er sprach da von den Aufgaben, die uns aus dem inneren Wesen des Jndentnmes heranswachsen, zu welchem Heilborn uns dieser Krieg, wo aller Schein verschwindet und nur der wahre Schatz bleibt, zurückführen muß. Bei der Auseinandersetzung dieses Gedankens fand er Worte, die dem Publikum wahre Salven von frenetischem Applaus entlockten, nnd dieser Kontakt, diese Zusammengehörigkeit und Gefühlsgemeinschaft des Publikums mit dem Vortragenden wirkte sichtlich auch auf den letzteren zurück. Er fühlte sich zu Hause. Sein Herz erweiterte sich von der Wärme, die ans dem Herzen seiner Zuhörer ihm zuströmte. Und da schlägt die alte unter der Asche des Alltags glimmende Liebe in helloderuden Flammen auf. Es steht der alte jüdische Proset vor ltns, der ans Liebe zu seinem Volke dessen Fehler züchtigt und es seiner sittlichen Aufgaben und Bestimmungen gemahnt. Unsere erste Ausgabe, deren Erfüllung uns der Krieg mit seinen ehernen Mahnworteu einschärft, ist: die Entfernung der fremden Götter, der fremden Zutaten, die wir dem alten, lautern Wesen des Judentums beiznstenern irriger Weise als einen Akt der Dankbarkeit betrachteten gegenüber dem Staate und seinen Bürgern, die uns politische Freiheit nnd Menschenrechte, also eben das Recht zur inneren Freiheit gewähren. So mancher Zuhörer, der ans den guten Ton zu geben sich ve» pstichtet fühlte und deshalb in all seinem Tun und Lassen peinlich darauf bedacht war, den Inden in sich Gott behüte nicht zu verraten, der jahrein jahraus ein leeres nnfriedsames, stillsenfzendes Herz mit sich herumschleppte, welches nach der erhebenden Innerlichkeit der Väter verlangte, welches seine Rechte forderte, welches wieder nnd wieder mit nichtigen Gründen der Schicklichkeit und Rücksichtnahme ans Fremde beschwichtigt wurde, so mancher Unglückliche, Selbstverlorene nnd den eigenen Wert nicht Kennende, fühlte es als eine Erlösung von dem bösen Alpdruck die Worte des Philosophen, der ihm mit dem längst vergessenen oder nie gelernten Spruche des Propheten Jeremias den Weg zu Heilung weist: Wejesck tikwo leachrissech. Nnr so ist deine Hoffnung ein „Jesch“ etwas Wesenhaftes, ein konkretes etwas Wahrhaftseiendes: „Wsckowu bonim ligwulom“ (Jerem. XXXI. 16). wenn die Kinder ziirückkehreu in ihr eigenes Gebiet, dorthin wo ihre Stärke und ihre Kraftquelle ist, dorthin, wo ihre Eigenart sie nnd ihr Schicksal schon in den grauen Tagen der Urzeit hinwies, zu der Verwirklichung der ethischen Lehren des Judentums. Und wenn wir uns zu der alten, reinen sittlichen Höhe emporgernngen haben, da werden wir die gigantische Leistung, die unserer nach dem Krieg harrt, ersüllen können: Die herrliche Ausgabe die schon der Prophet Jeiaia (Kap. LVIIE, 12) in die Seele gernsen hat: Uwona mimcho ohorwausz aiiiom, maussde daurwodaur tekamnem: Durch dich wird die'in Trümmer geschlagene Welt von Schutt und Staub wieder aufgerichtet und dann wirst du genannt: „Rissevermanrer, Wiederhersteller der Pfade zum Wohnsitz". Diese letzten, mit dem ganzen Zauber der schwungvollen nnd begeisterten Beredsamkeit des Vortragenden gesprochenen Worte riefen eine so ungewohnt tiefe Begeisterllug hervor, daß wir mit Berechtigung annehmen können, daß diese erhabene Idee des Judeutumes in den Herzen des Publikums tiefe Wurzel geschlagen hat und dort noch manche schöne Frucht zeitigen >°-rd. R. I. P.

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