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Die Wahrheit · 1915-02-05 · Heft 6 (5.2.1915) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 6 (5.2.1915)
Date
1915-02-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 6. Lette 6 Fritsch nennt' Jahwe einen trefflichen Gott, der getreulich betrügen und entwende n hilft. — Kittel tadelt zwar die hämische Form, wobei ihm der Lapsus passiert, daß er den Segen mit der E r st g e b n r t verwechselt, aber in der Sache gibt er Fritsch recht! Werden doch die moralisch nicht ganz einwandfreien Hirtenkn.ffe Jakobs auf direkte Hilfe Jahwes zurückgeführt! (63.) Man bedenke doch: Jakob rvird von dem gewissenlosen Betrüger Laban vierzehn Jahre lang ausgebeutet. Und jetzt, da er doch endlich für seine schweren Dienste den Lohn erhalten soll, trifft Laban Maßregeln, um ihn um seinen Lohn zu bringen. Diese Absicht des betrügerischen Ausbeuters durchkreuzt Jakob durch die bunten Stäbe. Das nennt Kittel unmoralische Hirtenkniffe, um Jahwe als Helfer beim Betrüge hinzilstellen! Und wenn Schwarz mit Recht in seinem Gutachten behauptet, Jakob hätte die feste Ueberzeugnng gehabt, kein Unrecht begangen ztl haben, so nennt Kittel diese Behauptung „recht naiv und kaum denk, was man von einem theologischen Lehrer erwarten darf, entsprechend!" — Die Naivität und Ueberhebung scheint hier wo anders zu sein. . . . Fritsch nennt ferner Jahwe einen V e r l e i t e r z n m Diebstahl, weil er die Israeliten veranlaßt hat. sich von den Aegypteru Geschenke zu erbitten, und sie bei den Aegypteru beliebt machte, daß sie sie reichlich beschenkten. Kittel tadelt zwar hier auch den Ausdruck „Diebstahl", gibt aber Fritsch in der Sache recht. — Aber, sind Geschenke Diebstahl? Kittel antwortet: ja! Da hier ein „Erbitten vorlag, mit dem auf der einen Seite der Gedanke des Znrückgebens, auf der andern der des Behaltens verbunden war, also ein unredliches Entlehnen." — Man sieht, Kittel will sich auch aufs Gedankenlesen verstehen. Aber das Gericht hat wohl mehr den Gelehrten, als den Gedankenleser befragt! . . . Daß es ein gewaltsames Entziehen oder Ausbeuten war, schließt Kittel aus dem Worte nazal (Ex. 3, 22, 12. 36). Aber dieses Wort heißt wohl „wegnehmen". nie aber „gewaltsam wegnehmen", auch 2 Chr. 20, 26, worauf sich Kittel beruft, nicht! Auch ein geheimer Kirchenrat kann sich irren, nicht nur ein geborener Jude und gewesener Professor der Philosophie, wie Kittel so geschmackvoll — Hermann Cohen nennt. (44.) — Es ist wirklich höchst bedauerlich, daß ein Mann von lauterm Charakter und vom wissenschaftlichen Ernst eines Kittel offenbare Jrrtümer mit einer Sicherheit vorträgt, als ob ein Widerspruch ausgeschlossen wäre und so den Schein erweckt, den Antisemiten, wenn auch mit Vorbehalt, Vorschub zu leisten. Einer der verhängnisvollsten Jrrtümer. der aber bei den christlichen Gelehrten unausrottbar zu sein scheint, ist der Glaube, das Gebot der Nächstenliebe sei in der Thora aus die Volksgenossen beschränkt, während es von Jesus auf alle Menschen verallgemeinert worden sei. Kittel ist natürlich derselben Ansicht. (44.) Dabei ist es ein greifbarer Irrtum. Vor genau 10 Jahren habe ich nachgewiesen (Die Wahrheit 1905 Nr. 9) daß gerade das Gegenteil wahr ist. D i e Nächstenliebe im I u d e n t u m kennt w e d e r nationale noch ko n fe s s i o n e ü e Grenzen, während das Christentum die Nächstenliebe auf die Glaubensgenossen beschränkt, hereticis non est servanda fides! (Vgl. Joh. 13, 34.) Freilich darf die Nächstenliebe im Judentum nicht so verstanden werden, daß man sich von jedem Raufbold mißhandeln lassen soll; daß man alles, was mau hat, verschenken müsse! daß man sein schwer erworbenes Geld dem ersten besten Fremden z>lm Geschäftetreiben geben müsse, ohne selbst davon irgend welchen Nutzen zu haben. Die Nächstenliebe im Judentum hält sich eben in den Grenzen der Wirksamkeit und des praktischen Lebens. Dazu kommt noch, daß auch Jesus nur die Thora zitiert und gegen die Heiden sich ganz ablehnend verhält. Er spricht von ihnen mit der größten Verachtung und erklärt ausdrücklich, er sei nur gesendet zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israels! (Matth. 16, 24.) — Und dennoch behauptet Kittel, das Gebot der Thora sei beschränkt auf den Volksgenossen, während Jesus diesem Gebote eilte allgemeine Bedeutung beilegte! (44.) Es ist höchst interessant zu erfahren, woher er diese Auffassung trotz Matth. 15, 24 und zahlreichen anderen Stellen des Neuen Testamentes geschöpft hat. Im Evangelium Lukas Cap. 10 wird nämlich folgendes erzählt: Ein Schristgelehrter fragte Jesnm, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen. Jesus sprach : Wie steht in der Thora geschrieben? Jener antwortete: Du sollst Gott lieben . . . und deinen Nächsten ivie dich selbst. Jesus sprach: Du hast recht geantwortet: tue das, so wirst du leben. Er aber sprach: Wer ist denn mein Nächster? Darauf erzählt Jesus folgendes: Ein Mann wurde von Mördern überfallen, beraubt, geschlagen und halb tot liegen gelassen. Ein Priester und ein Levit gingen vorüber nnd kümmerten sich nicht um ihn. Dagegen kam ein Samariter, nahm sich seiner an nnd sorgte für seine Pflege. — Jesus sagte nun: Welcher dünkt dich, der unter diesen Dreien der Nächste sei gewesen d e m, der unter d i e Mörder gefallen w a r? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus ztl ihm: So gehe hin und tne desgleichen. Was sagt nun diese Stelle für jeden, der nicht protestautischer Theologe ist? — Ich weiß keine andere Antwort, als die: Nach Jesus soll ich n lir d e n als meinen Nächsten lieben, von dem ich Gutes genoß und wenn er auch nicht mein Volksgenosse ist! Dagegen sind selbst Priester und Leviten nicht meine N ä ch fte ii, wenn sie sich um mich nicht kümmern! Nach Kittel aber spricht diese Stelle die Allgemeinheit, die Unbeschränktheit der Nächstenliebe ans, wogegen die jüdische Moral minderwertig sei, weil fie — endämonistisch sei! (40.) Als ob das Christentum auf jede Glückseligkeit als Lohn der Tugend verzichten würde! Und bei dieser Logik wagt es Kittel, Schwarz, Hoffmann, Hermann Cohen Unfähigkeit, Unwisfenschaftlichkeit vorznwersen! Die Wissenschaftlichkeit Kittels läßt ihn behaupten, die Thora gebiete, die n i ch t j ü d i s ch eu Völker zu hassen nnd beruft sich auf 5. Mos. 23, 7, wo doch nur von den Ammoniten und Moabiten die Rede ist, daß Man wegen ihrer Feindseligkeit ihr Wohl und Glück nicht fördern soll! Oder die Thora gebiete den F r e m d e n h a ß, man b a r f d i e Fremden nicht lieben, weil, 5. Mos. 23, 3, sagt: Ein Bastard darf nicht in die Gemeinde Gottes kommen; Oder die Thora spricht vom Konkubinat (2. Mos. 21. 9.) — eilt Begriff, der im mosaischen Recht gar nicht vorkommt! Was soll man von solcher Wissenschaftlichkeit halten? Dabei muß man im Auge behalten, daß Kittel durchaus gerecht sein will und dem Judentum sehr freundlich gegenübersteht. Er erklärt öffen (37.): Das Judentum hat bis zum heutigen Tage allen Grund, auf diese unvergleichliche Errungenschaft seiner erleuchteten Geister (nämlich den sittlichen Monotheismus) stolz zu sein nnd es ist töricht, ihm diesen Ruhm schmälern zu wollen. — Aber im Unterbewußlsein schlummert doch der Gedanke: Das Judentum ist groß, das Christentum muß aber noch größer sein! Und so werden alle möglichen Kniffe angewendet, um dem Judentum eins am Zeug zu flicken. Dabei vergessen die Herren, daß das Christentum doch nur den Anspruch erhebt, eine Idee des Judentums verwirklicht zu haben! Darum heißt es, Ihr jüdischen Gelehrten, ans der Warte stehen! Es muß immer nnd immer auf diesem Gebiete gearbeitet werden, daß kein böswilliger Dnmmkopf es mehr wagen soll, Jahwe, den Judengott, zu lästern, ohne der Lächerlichkeit bei allen Gebildeten zu verfallen! — Der Krieg nnd das Judentum. Regiernngsrat Dr. Wilhelm Jerusalem trägt an der Wiener Universität griechische Philosophie vor. Er hat die Art, alles vom Gesichtspunkte der Ethik zu betrachten. Die Ethik ist ihm der Prüf- und Probierstein, mit dessen Hilfe allein wir von dem Wert eines Gedankens uns' überzeugen

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