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Die Wahrheit · 1915-01-29 · Heft 5 (29.1.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 5 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5. Die Wahrheit Seite 5. Auch die jüdische Frau ist nicht untätig geblieben. Wir begegnen ihr in vielen charitativen Unternehmungen, wohltätigen Veranstaltungen für die Verwundeten, in der Fürsorge für die Kriegersfrauen, die Witwen und Waisen der Gefallenen. Hier finden wir die jüdische Dame an der Seite des Hochadels, aktiv und Passiv wirkend, für die Linderung der Wunden, die der Krieg der armen und bedürftigen Bewohnerschaft in den Städten und auf dem flachen Lande schlägt. In der allgemeinen Begeisterung, im Patriotismus, in der Opferwilligkeit und Tatkraft ist das Judentum im Deutschen Reiche nnd in der Donaumonarchie mitgegangen, und nicht einer seines Bekenntnisses hat sich ansgeschlossen von dem, was das Vaterland von ihm verlangte. Im Felde wie auf finanziellem und charitativem Gebiete hat der Mosaismns gewirkt, nnd wirkt noch. Ueber vielen Soldatengräbern sprach neben dem katholischen und dem protestantischen Feldgeistlichen der Feldrabbiner seinen Segen, und es sind nicht wenige Inden, welche den Tod auf dem Felde der Ehre im Osten wie im Westen starben nnd an der Seite der christlichen nnd katholischen Kameraden in fremder Erde der Ewigkeit entgegenschlafen. Auch ihnen galten die Tränen von Vätern, Müttern. Witwen und Waisen. Die Zahl der für immer zu Krüppeln gewordenen Juden ist auch nicht klein, beim viele von ihnen seufzten nnd klagten unter dem Seziermesser eines Glaubensgenossen und die Mehrzahl der leichtverwundeten Juden in den Lazaretten kehrte nnd kehrt noch mit Freude ans die Schlachtfelder in Frankreich und Galizien und an die oftprenßische Grenze zurück, um dorten von neuem im Kampfe zu stehen nnd an der Niederringung der Feinde Anteil zu haben. So beweist das Judentum in diesem Kriege, wie fest und stark es an der Scholle seiner heimatlichen Erde hängt und wie innig es verbunden ist mit den Interessen des Staates, der ihm Vaterland geworden. Das ehrt unsere Mitbürger jüdischen Glaubens und die Helden in ihren Reihen. Die Geschichte wird anch der Inden in diesem Kriege gedenken, und was ihr eherner Griffel über sie niederschreiben wird — wahrlich, es wird nicht das Schlechteste sein. Znr Landstnrmpsticht der Mische« Kantoren. Ueber Einschreiten des Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereines ist dem Vereinspräsidenten durch den Magistrat der k. k. Reichshaupl- und Residenzstadt Wien folgendender Bescheid zugemittelt worden: Wieit, am 19. Jänner 1915. An den Vorstand des Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereines in Wien. Zu Händen des Vereinspräsidenten Herrn Oberkantor Jakob Baue r Wien. Die k. k. n.-ö. Statthalterei hat mit dem Erlasse vom 8. Jänner 1915, Zahl IL73, folgendes anher eröffnet: Der Vorstand des Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereines in Wien hat in seiner an das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht gerichteten Eingabe vom 10. November 1914 nachfolgende Erledigung erhalten: Das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht hat auf Grund des mit dem k. k. Ministerium für Landesverteidigung gepflogenen Einvernehmens mit dem Erlasse vom 1. Jänner 1915, Zahl 3394/IL U. M., angeordnet, den Vorstand des Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereinen im nachstehenden Sinne zu verbescheiden: Es können Gesuche um individuelle Enthebung vom Landstnrmdienste in einzelnen konkreten Fällen in Verhandlung genommen werden, dies jedoch nur unter der Voraussetzung, daß die Unentbehrlichkeit nnd Unersetzlichkeit des betreffenden Kantors im Hinblicke ans seine Dienstobliegenheiten in dem einzelnen Falle nachgewiesen wird. Gegebenenfalles müßte unter Nachweis der erforderlichen Voraussetzungen um die Enthebung des betreffenden Kantors vom Landstnrmdienste in einem speziellen Einschreiten seitens der betreffenden Knltusgemeiude angesucht werden, wobei die Schlußfassung den kompetenten Faktoren Vorbehalten bleibt. Hievon ergeht in Erledigung der eingangs zitierten Eingabe hiemit die Verständigung. Der Abteilnngsvorstand: Dr. Nagel m. p., Magistratsrat. * * * Den israel. Knltnsgemeinden ist aus Grund dieser Entscheidung nunmehr zur. Sichrrung des jüdischen Gottesdienstes die Möglichkeit geboten, mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg den Kantor im Falle der Unentbehrlichkeit zu reklamieren, resp. um dessen Enthebung vom Landstnrmdienste anznsnchen. Die betreffenden Gemeinden werden gut tun, bei ihrem diesbezüglichen Einschreiten sich ans den obzitierten Ministerialerlaß vom 1. Jänner 1915 zu berufen. Dem Präsidium des Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereines gebührt Dank und Anerkennung für die im Interesse des jüdischen Gottesdienstes und der Kollegenschaft eingeleitete Aktion. Dr. Ioh. Mich. Szeberiny. Am 19. Jänner 1915, ist in seiner Wohnung in der Nußdorferstraße nach kurzer Krankheit im 90. Lebensjahre der Militärsuperintendent A. B. und evangelische Militärsenior d. R. Universitätsprofessor Dr. Johann Michael Szeberiny gestorben. Der Tod des verehrten Mannes hat in den weitesten Kreisen der Gesellschaft ansrichligste Trauer erweckt. Professor Szeberiuy war der vorbildliche Seelsorger und ein Apostel allgemeiner Menschenliebe. Stramm und aufrecht sah man ihn noch in den letzten Monaten allein seine gewohnten Spaziergänge machen. Man hätte ihn kaum für 70 Jahre gehalten, so rüstig konnte der fast Neunzigjährige ausschreiten. Johann Szeberiuy war in der ungarischen Bergstadt Schemnitz 1825 geboren. Sein Vater war Bischof der Diözese gewesen. Auch sein älterer Bruder Gustav Adolf hatte sich dem geistlichen Berufe zugewendet und war Bischof in Schemnitz. Dr. Johann Michael Szeberiny war Stadtpfarrer in Schemnitz nnd wurde im Jahre 1861 als Militärgeistlicher nach Wien versetzt. Es war dies die erste Besetzung dieser Stelle in dem damals neu systemisierten evangelischen Militärklerus, die einen bedeutenden Fortschritt in der Geschichte des österreichischen Prostautismus bedeutete. Sie war eine Folge der ttnglücklichen Kriegsereiguisse des Jahres 1859. indem es sich da im Felde ereignet hatte, daß österreichische Soldaten ihren Seelentrost bei den französischen evangelischen Militärgeistlichen suchten, worüber eine direkte Mitteilung Kaiser Napoleons HI. an eine sehr hochgestellte Persönlichkeit gelangt war. Da indessen noch kein Gotteshaus zur Verfügung stand, fo war Dr. Szeberiny eifrig bemüht, ein solches zu erlangen, was denn auch durch seine direkte Bitte an unseren Monarchen erreicht wurde. Die einstige von dem durch Kaiser Josef aufgelösten Bettlerorden der Schwarzspanier herrührende „Schwarzspanierkirche" war 1863 zur evangelischen Garnisonskirche umgewandelt und dient seither diesem Zwecke. So unwesentlich diese Episode heute vielleicht erscheinen mag, so bedeutete sie in jener reaktionären Zeit eine Großtat, welche z. B. dem damaligen allmächtigen und autokratischen Gendarmerie-Chef Freiherr v. Kempten wichtig genug schien, eigens den Mann aufzusnchen. beziehunsweife kommen zu lassen, dem derartiges gelungen! Im Frühjahre 1863 wurde Dr. Szeberiny znm Supplenten auf dem Katheder für Kirchenrecht nnd praktische Theologie an der evangelischen Fakultät der Wiener Universität ernannt nnd schon am 23. November 1863 erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen öffentlichen Professor. Im Jahre 1869 ernannte ihn

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