Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063862-3063866--09417-3076667- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 4 Seite 6. Dle Wahrheit Äns Zyrardow, Pruschkow, Bialabrzeg, Jwangorod, Grodzisk, Skierniewice und vielen anderen Orten wurden sämtliche Inden fortgejagt. In Skierniewice traf sie der Ausweisungsbefehl am Freitag abend, als sie gerade die Sabbatlichter augeznndet halten. Und so gingen die 10.000 Skiern iewieer Juden ans ihren Häusern, liehen Licht und Challoh*) zurück und zogen, der Rabbiner an ihrer Spitze, hinaus ins Dunkel der Nacht. Die Grodzisker Juden wollten sich nach Warschau wenden und baten durch eine Deputation um Erlaubnis. Der General hieß sie nach dem linken Weichselufer gehen und da sie ihm antworteten, das wäre dasselbe wie in die Weichsel gehen, meinte er zynisch: das wäre das allerbeste. In Lowicz wurden zwei jnnge Inden, Sandberg und Frankel aus Zgierz, wegen angeblicher Spionage nach vorheriger Verstümmelung des einen aufgehängt; dasselbe Los wurde dem angesehenen Getreidehändler Moses Lipschitz zuteil, weil er — vor dem Kriege! — nach Deutschland Geschäfte gemacht hatte. In Bechawa (Lubliner Gouvernement) wurden im Oktober 76 Juden an einem Tag wegen „Spionage" aufgehäugt. In Kramostaw (Lubliner Gouvernement) wurden viele Häuser eingeäschert. Die Inden (200 Familen) zum großen Teil mit Frauen und Kindern vernichtet. In Lodz sind 15.000 Kleinhändler ihrer Habe beraubt und zu Bettlern gemacht worden. Lodzer Frauen wollten ihre verwundeten Männer in den Lazaretten in Petersburg und Moskau besuchen. Es wurde ihnen verboten, weil diese Städte nicht im Ansiedlungsrayolt liegen. In Zdunska-Wola wurden sämtliche Frauen und Mädchen geschändet, selbst eine Wöchnerin am dritten Tage ihrer Niederkunst und Kinder von sechs und fünf Jahren blieben nicht verschont. Eine Frau, deren Mann im Krieg war, starb au den Folgen einer Vergewaltigung. Bald darauf kehrte der Mann verwundet heim. Ec fand sein Kind ohne Mutter und seine Frau von einem „Kameraden" zu Tode geschändet. Dies ein kurzer Ausschnitt aus dem Bild der unerhörten Judenverfolgungen hierzulande, das ich in seinen markantesten Zügen Ihnen wiederzngeben für meine Pflicht halte, für meine Pflicht gegenüber der Wahrheit, der Kultur und dem Judentum: denn „Du sollst nicht stehen bleiben bei dem Blute deines Nächsten". Rabb. Dr. Artur Levy, zur Zeit im Felde Lodz, den 24. Dezember 1914. Diese Veröffentlichung bedarf keines weiterenKommentars. An der Richtigkeit der von Herrn Rabbiner Dr. Levy festgestellteu Tatsachen ist umsoweniger ein Zweifel zulässig, als der Briefschreiber ein hochangesehener jüngerer deutscher Rabbiner und Schwiegersohn des jüngst verstorbenen Berliner Universitätslehrers Geh.Negierungsrats Professor Dr. Barth ist. Für denjenigen, der die Geschichte der rnssichen Judenverfolgungen und Pogrome in den letzten 20 Jahren kennt, bringen diese Mitteilungen über die von der russischen Soldateska an der jüdischen Bevölkerung verübten Scheußlichkeiten nichts Neues; ganz ähnliche Vorgänge haben sich seinerzeit bei den Judenverfolgungen von Odessa, Kiew und Kischineff unter dem Entsetzen der ganzen zivilisierten Wett abgespielt und die angesehensten Schriftsteller Westeuropas und Amerikas haben immer wieder in zahllosen Veröffentlichungen in Wort und Schrift auf die Greueltaten hingewiesen, die die Regierung des Zaren an seinen „lieben Juden" seit Jahrzehnten verübt. Was sich an der Situation gegen früher verändert hat, ist nur die Tatsache, daß England, das noch vor mehreren Jahren in großen öffentlichen Massenversammlungen unter der Anteilname des Lordmayors und der hervorragendsten Parlamentarier und Kirchenfürsten feierliche Proteste gegen *) Challoh — das jüdische Sabbathbrot. diese Attentate auf die Kultur und Menschlichkeit erhob, jetzt seine gewaltigen militärischen und wirtschaftlichen Hilfsmittel als Verbündete derselben russischen Regierung zur Verfügung stellt, in bereu Namen jene Greneltnten an den russischen Juden seit Jahrzehnten begangen werden. Es gehört in der Tat die ganze Perfidie Und Scheinheiligkeit Englands dazu, wenn dasselbe sich unter der Parole der Brefreinng „vom deutschen Militarismus und Despotismus" an der Seite des gemeinsamen Feindes aller Kultur und Gesittung stellt und in verblendetem Haß gegen das deutsche Reich diesen letzten Schlagbaum Westeuropas gegen das andringende Moskowitertum zu beseitigen versucht. Wer sich erinnert, wie sich vor etwa 17* Jahren das Gewissen der ganzen Kulturwelt aufbäumte, als in Kiew der sogenannte Beilisprozeß verhandelt wurde, der wird England von der Anschuldigung nicht freisprechen können, daß es durch seinen Eintritt in den Weltkrieg an der Seite Rußlands dem finstersten Aberglauben, der verwerflichsten polizeilichen Autokratie und der Bedrückungen aller religiösen Minderheiten, wie sie in jenem Prozeß Orgien feierten, nach Kräften Vorschub zu leisten im Begriffe steht. Diese Politik Englands erscheint umso unbegreiflicher, als gerade vor zwei Jahren von einem angesehenen englischen Schriftsteller die Greueltaten Rußlands gegenüber seiner starken jüdischen Bevölkerung in einer von der englischen Presse eingehend besprochenen Denkschrift*) beleuchtet wurden, und sie muß bei der Jndeuheit der ganzen Welt umso schärferen Widerspruch anslösen, als nach unserer Kenntnis der Dinge dem Ministerium Asqnith drei Minister jüdischen Glaubens angehören, darunter der Neffe eines verstorbenen bekannten jüdischen Philantropheu, der als Abgordneter von Whitechapel lauge Jahre dieses fast ausschließlich von eingewanderten russischen Inden bewohnte Londoner Viertel im englischen Unterhaus vertreten hat. Vielleicht beschwichtigen diese Herren ihr Gewissen mit der geheimen Hoffnung, daß es Deutschlands wunderbare Widerstandskraft und der unvergleichlichen Tapferkeit seiner Heere in diesem mörderischen Ringen gelingen werde, Rußland niederzuzwingen und dadurch jene furchtbare Gefahr von der europäischen Zivilisation fernztthalten. Wir hoffen zuversichtlich, daß wir diese schwere Ausgabe binnen kurzem erfolgreich lösen werden. Aber Englands regierende Männer werden auch dann für alle Zeiten vor der Weltgeschichte die politische und moralische Verantwortung dafür tragen, daß England die russische Autokratie und Barbarei zum Kampfe gegen den verhaßten deutschen Wirtschaflskoukurrenten aufgestachelt und daß es sich in einem Kriege, wie ihn die Weltgeschichte nicht kennt, auf die Seite jener halbasiatischen Macht gestellt hat, die die Massenansweisungen und Massenmorde grenzenlos unglücklicher Menschen zum System und Angelpunkt ihrer inneren Politik gemacht hat. Wie iunner Deutschlands furchtbares Ringen auch ausgehen mag — wir beneiden nicht die jetzige englische Regierung um ihre moralische Mitverantwortlichkeit für Rußlands Verbrechen an der Menschheit. England mag durch Zangwill und andere mit noch so wohlklingenden Phrasen versuchen, sich von der Mitschuld an diesem Verbrechen seines Verbündeten reinzuwaschen; die Weltgeschichte wird ihm immer den alten, kernigen, deutschen Spruch entgegenschleudern: „Sage mir mit wem du umgehst und ich sage dir wer du bist". München, 12. Januar. Sigmund Fraeukel. Der Kch'ma-Knf im Feuer. Im „Pesti Hirlap" war kürzlich der Inhalt einer Feldpostkarte vom galizischen Kriegsschauplätze wiedergegeben, die ein ruthenischer Soldat an seine Frau schrieb. In der- *) The legal sufferinga of the Jews in Ruaäie, edited by Lucien Wolf.