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Die Wahrheit · 1915-01-22 · Heft 4 (22.1.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 4. süchtiger Feind,, der im Vereine mit seinen Gesinnnngs- und Bundesgenossen in heimtückischer Weise einen ruhigen, friedliebenden Staat angegriffen, um sich seines Besitzstandes zu bemächtigen, die Vermtssenheil hat, seine Hände rein zu waschen und sein unverzeihliches, verdammenswertes Vorgehen dadurch zu beschönigen und zu. verteidigen, daß er falsche Gerüchte verbreiten läßt, in welchen sein Gegner verleumdet, verdächtigt und für den herausbeschworenen, blutigen Krieg verantwortlich gemacht wird, so ist diese unverschämte Verfahrungsweise nicht nur als schwere Sünde, sondern als Schandtat zu betrachten, die. nie unbestraft bleiben kann. „Wenn ein falscher Zeuge", so heißt cs ans" drücklich in der heiligen Schrift, „gegen jemand auftritt, ihn einer Uebertrelnng zu beschuldigen, so sollen beide Männer, die dnr Rechtsstreit haben, vor Gott stehen, nämlich vor den Priestern und Richtern, die um jene Zeit sein werden. Die Richter sollen genau untersuchen, wenn es nun klar sein wird, daß der Zeuge gelogen, daß er falsch ausgesagt, gegen seinen Bruder falsches Zeugnis gegeben, so sollt ihr ihm tun, was er seinem Bruder zu tun gedachte und den Bösewicht ans deiner Mitte bannen, ihn ganz unschädlich machen, damit die anderen es hören, sich fürchten und nicht mehr wagen, durch Lügen und Verlenmdnngen unschuldige Menschen, vernichten zu wollen. (S. M. 19.) Ja, die Lüge muß unter allen Umständen unschädlich gemacht werden, denn sie kann selbst Kulturvölker zu grausamen Handlungen verleiten. Die Wahrheit fördert den Frieden, die Lüge aber den Kampf. Fr. Die russischen Indeuuerfolgungen und das freiheitliche England. Vor einigen Wochen brachte das Berliner Tageblatt eine Notiz, daß nach dem deutschen strategischen Rückzug aus Westpolen Ende Oktober seitens der russischen Heere furchtbare Grausamkeiten an der Bevölkerung in den dortigen zahlreichen jüdischen Gemeinden begangen und hiebei auch mehrere vollständig unschuldige, allem politischen Getriebe entrückte jüdische Gelehrte hingemordet worden seien. Da diese Mitteilung in den großen jüdischen Gemeinden Amerikas allgemeines Aufsehen und lebhafte Entrüstung hervorrief, so versuchte eine englandfrenndliche jüdische ZeitnngtNew-Iorks, die „Amerika» Hebrew", die Wirkung dieser Veröffentlichung dadurch abzuschwächen, daß sie Zweifel au der Richtigkeit der erwähnten von den Russen begangenen Untaten äußerte. Ans diese Zweifel hin veröffentlicht nun der der Hindenburg-Armee angehörende deutsche Feldrabbiner Dr. Arthur Levy in der in Berlin erscheinenden „Jüdischen Presse" einen „Offenen Brief an The Amerika Hebrew", der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt und der über die von russischen Kosakenhorden in Polen verübten Verbrechen geradezu scheußliche Einzelheiten enthält. Das Schriftstück, das der breitesten Öffentlichkeit Kenntnis davon gibt, mit welch barbarischer Grausamkeit die östlichen Verbündeten des demokratischen Frankreichs und des für die Zivilisation angeblich kämpfenden Englands ihr Kriegshandwerk betreiben, lautet im Original: Ich bekomme ins Feld, wo ich als Rabbiner für die jüdischen Soldaten einer deutschen Armee tätig bin, die Nachricht zngesandt, daß in Ihrem Blatt eine Notiz gestanden habe, die die bekannten Taten der Russen in Radom, über die seinerzeit das Berliner Tageblatt berichtet hat, in ihrer elementaren Wucht abzuschwächen und die Schuld von den Urhebern abznlenken sucht. Ich bin der eigentliche Autor jenes Berichtes, habe also an seinem Inhalt und Schicksal alles Interesse und erlaube mir daher, Ihnen hiermit feierlich uitd mit dem ganzen Ernste unserer blutigen Zeit zu wiederholen: Es ist leider buchstäblich wahr: Die Russen haben in Radom drei unschuldige Inden ohne Gericht und ohne Urteil aufgehängt, darunter einen Manu — den Sohn des in ganz Polen berühmten Alexander Räbbe — der von der ganzen Gemeinde wie ein Heiliger verehrt wurde, der seine Tage, hinter dem Talmud sitzend und seinen frommen Gedanken nachgrübelnd, in bescheidener Zurückhaltung nnd Selbstvertiefung verbrachte und sich nicht kümmerte um die Händel dieser Welt. Ich selbst habe Gelegenheit gehabt, eine der unglücklichen Witwen in Radom zu sprechen. Versteinert und starr in ihrem Schmerz saß sie vor mir; mit einer Ruhe, die mir das Herz ergriff, nahm sie ihr grausiges Geschick als eine Fügung Gottes hin, und wenn das zerissene Herz aufschreieü wollte vor wahnsinnigem Weh, lehrte sie ihr frommer Sinn, in Gottes Namen zu dulden und sich seinem Willen zn fügen. Und mit einem nervösen Zuckere um den Mund erzählte sie mir mit gedämpfter Stimme von dem namenlosen Unglück, das sie getroffen, und den Männern, die durch Henkershand gefallen: Mein Schwager — der Sohn des Alexander Räbbe — war ein edler Mensch, eine stille Natur, ein göttlicher Mann : Warum man sie hängte? — Fragen Sie den polnischen Dennnziauten, der diesen dreifachen Mord auf dem Gewissen har. Ueberhaupt das Herz krampst sich mir zusammen, wenn ich hier in Polen sehe nnd höre, welch entsetzliche Gewalttaten au den Juden im Laufe dieses Krieges von den Russen verübt worden sind und tagtäglich verübt werden. Die Pogrome früherer Zeiten sind ein Nichts gegen die rasende Vernichtung jüdischer Häuser und jüdischen Lebens, die mit dem russischen Heere sich durch ganz Polen wälzt, mit ihm vorwärts, mit ihm rückwärts geht und es begleitet wie ein drohender Schatten. In mehr als 215 Ortschaften wurde pogromiert, nnd es ist kein Ende dieses Schreckens abzusehen. Ich will aber ins Einzelne gehen und Ihnen Tatsachen berichten, nackte Tatsachen, deren Wucht sich niemand wird verschließen können und die sich durch keinerlei Schönfärberei aus der Welt schaffen lassen. In Staschew wurden am Versöhnungstag elf Inden in Tallis und Kittel in der Synagoge anfgehängt. In Klodowa wurden zwei der angesehensten Inden an einem Freitag 'abend, als die Inden ans der Synagoge kamen, am Balkon des eigenen Hau:es anfgeknüpft, nachdem die Frau des einen selber die Stricke hatte herbeiholen müssen. 24 Stunden mußten die Leichen hängen bleiben und die Inden der Nachbarschaft dursten die Fensterläden nicht schließen, damit sie sich dem entsetzlichen Anblick nicht entzögen. Auf die Brust hatte man den Getöteten einen Zettel mit der Aufschrift geheftet: Gehängt, weil sie ein Drei-Rnbelstück nicht wechseln wollten. In Lenczyca war eine Bürgerwehr eingerichtet, in der 70 Prozent Inden organisiert waren. Als das russische Militär nach L. kam, wurden sämtliche Juden sofort ans der Miliz entfernt und in derselben Nacht haben Kosaken geplündert und mißhandelt nur in jüdischen Häusern. In Schidlowice haben sich jüdische Mädchen in den Pilicier-Teich geworfen, weil sie geschändet worden waren und diese Schmach nicht durchs Leben tragen wollten. In Ostrowice forderten die Kosaken die Auslieferung des Rabbiners Zaddik-Kalischer, der gehängt werden sollte, weil er angeblich Oesterreicher begünstigt hatte. In Wirklichkeit war er zusammen mit dem polnischen Geistlichen den österreichischen und deutschen Truppen so wie früher den russischen entgegengegangen und hatte nm schonende Behandlung der Einwohner gebeten. Da der Rabbiner sich versteckt hielt, warteten die Kosakerl den herannahenden Jaum-Kippnr ab und umzingelten die Synagoge, um dort den Rabbiner gefangen zu nehmen. Als sie im Begriff waren, in das Bethaus einzudringen, zogen die Deutschen in O. ein und die Kosaken flüchteten, nachdem sie vorher Hans und Hof des Rabbiners zerstört hatten. Am 4. Dezember, während des Freitag-Abeud-Gottesdienstes, kam in Petrikan der Gouverneur mit Polizisten in die Synagoge, ließ sämtliche Thorarollen aus der heiligen Lade entfernen und diese nach einem geheimen Telephon durchsuchen, das die Inden dort untergebracht hätten. In Klescow wurden 150 Juden als Spione verhaftet und nach Warschau geschleppt.

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