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Die Wahrheit · 1915-01-22 · Heft 4 (22.1.1915) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 4 Untergang als Erlösung der Menschheit von Gott erfleht werden muß. Diejenigen jungen Juden, denen es in diesem Weltkriege vom Schicksale gegönnt war, gegen dieses judenfeindliche Reich in den Kampf zu ziehen, werden trotz aller damit verbundenen Mühsale und Gefahren von allen aufrechten Juden beneidet. Nicht gegen das verblödete und verführte russische Volk richtet sich aber dieser jüdische Haß, sondern nur gegen die korrupte, verlogene, heuchlerische, russische Regierung. Für die Judenheit bedeutet die Besiegung und Demütigung Rußlands mehr als einen Sieg der Freiheit und Kultur über Knechtung und Barbarismus, sie würde eben eine neue Errettung und Befreiung des Großteiles der Inden der Gegenwart ans der Gewalt des modernen Pharao bedeuten. Wenn Gebete das Schicksal wenden können, dann sind die mitteleuropäischen Verbündeten ihres schließlichen Sieges über den moskowitischen Riesen gewiß, denn alle Gebete der auf dem Erdbälle lebenden frommen Juden erflehen ein solches Kriegsende. Die Wahrheit mtb der Friede, die Füge nud der Krieg. (Eine zeitgemäße Betrachtung.) (Schluß.) In demselben Maße wie die Wahrheit im jüdischen Schrifttum in den vortrefflichsten Bildern der Sprache gepriesen wird, wird daselbst die Lüge als die Mutter aller Laster und Freveltaten gebrandmarkt. „Ihr sollt nicht defraudieren, auch einer dem anderen nichts ablengnen. Einer den Andern nicht belügen. Ihr sollt nicht bei meinem Namen zur Lüge schwören, wodurch der Name Gottes entweiht, entheiligt wird; ich der Ewige." (3. M. 19.) Der Gesellschafter der Lüge ist der Trug. Im Midrasch wird folgende Fabel erzählt: „Als Noach die Arche verfertigt hatte um alle möglichen Wesen ui derselben zu bergen, wollte auch die Lüge hineingehen, wurde aber abgewiesen, weil sie allein war, in die Arche aber nur gepaarte Wesen Zutritt hatten. Da beeilte sich die Lüge, schloß mit dem Truge ein Bündnis und dieses Paar traf das Uebereinkommen, daß alles, was die Lüge zutage fördert, der Trug für sich iu Ansprach nehmen könne. (Jalk. Ber. 56.) Ja, die Lüge und der Trug bilden ein Ganzes und die Früchte, die sie zeitigen, sind Laster und Freveltaten, die zu Zerklüftungrn und Streitigkeiten, zur Verheerung und Zerstörung führen, die aber nie unbestraft bleiben. Salomo sagte daher mit Recht: „Die Wahrheit besteht ewiglich, die Lüge aber findet bald ihren Untergang." (Spr. 12. 19.) Ferner: „Der Lügner und Heuchler wird durch seine eigenen Worte verstrickt, der Gerechte aber entgeht jeder Gefahr". (Jbid. 13.) Im Talmud werden hie und da Episoden erzählt, aus denen zu ersehen ist, daß die Taten und Handlungen der Lügner und Heuchler u i e unbestraft geblieben. So z. B. wird im Traktat Taanit folgendes auf den W o r t b r u ch bezughabeude Histörchen mitgeteilt: „Ein junges Mädchen, das ins Elternhaus eilte, stürzte unterwegs in einen Brunnen; da kam zufällig ein junger Mann herbei, der sich erbot, sie zu retten, wenn sie ihm feierlichst verspricht, ihn zu heiraten. Sie gab ihm sofort das Jawort und schwur ihm, daß sie keinen anderen, als ihn, heiraten werde. Ebenso schwur auch er. daß er keine andere Frau, als sie, ehelichen werde. Das Mädchen aber schien kein festes Vertrauen zu diesem Manne gehabt zu haben, denn sie rief unwillkürlich ans: „Wenn bei diesem Versprechen doch wenigstens Zeugen zugegen wären!" Der junge Mann beschwichtigte sie, indem er sagte: „Es sind zwar keine Menschen zugegen, doch rufe ich diesen Brunnen und das soeben vorüberlaufende Wiesel, Chulda, als Zeugen an, daß ich das dir gegebene Versprechen streng einhalten werde, um keinen Wortbruch zu begehen." Es dauerte aber nicht lange und der junge Mann brach sein Wort und heiratete eine andere Frau, die ihm zwei Kinder gebar. Beide Kinder aber starben eines unnatürlichen Todes. Das eine stürzte nämlich in einen Brunnen und ertrank, das andere hingegen wurde von einem Wiesel gebissen und ging zugrunde. Der Tod der beiden Kinder hatte auf die Mutter einen tiefbetrübenden, niederschmetternden Eindruck gemacht, sie war untröstlich und äußerte oft, daß die harte, göttliche Prüfung nur die Folge einer schweren Sünde sein könne. Der Manu wurde endlich von Gewissensbissen gequält und konnte daher nicht umhin, ihr endlich einzugestehen, daß er einst einem Mädchen feierlichst versprach, es unter allen Umstäuden zu heiraten, und bei dieser Gelegenheit hatte er den Brunnen und das Wiesel als Zeugen für die Einhaltung seines Versprechens angerufen. Da er aber wortbrüchig geworden, so waren es eben die von ihm bestellten Zellgen, der Brunnen und das . Wiesel, welche an ihm die wohlverdiente Strafe vollzogen haben. „Wenn dem so ist", entgegnete die Frau, „bleibt dir nichts anderes übrig, als dich von mir zu trennen und jenes Mädchen, dem dn die Ehe feierlichst versprochen, zu heiraten", was er auch getan. (Taanit 8.. Rosch und Tosaf. z. Stelle.) Dieser Wortbrüchige gehörte wohl zu jenen Ausnahmen, in deren Brust noch nicht alles menschliche Gefühl erstorben ist, daher er endlich doch zur Besinnung kam und sein Vergehen eingestand. Im allgemeinen aber sind die meisten Lügner und Heuchler so verstockt, daß sie, wie der Talmud sich ansdrückt, selbst an der Pforte der Hölle ihre begangenen Sünden weder eingestehen, noch bereuen. Wie hat nur Alexander Zanäus, der den Pharisäern hart zugesetzt, knapp vor seinem Tode seiner Gattin Alexandra zugerufen: „Fürchte weder die Pharisäer noch die Sadncäer, denn beide kämpfen für ihre U e b e r z e u g u u g, sondern hüte dich vor den Gefärbten (Zebuim), den Heuchlern und Frömmlern, die das Laster eines Simri zu begehen fähig sind und die Vermessenheit besitzen, den Lohn eines Pinchas für sich zu beanspruchen. (Sota. 22.) Ans dem hier Angeführten erhellt zur Genüge, daß die Lüge die Mutter aller Laster sei. Nichtsdestoweniger gibt es Momente im Leben, wo ausnahmsweise von der Lüge Gebrauch zn machen gestattet sei. Wenn nämlich jemandem, ohne daß er sich in irgend einer Weise vergangen hätte, Gefahr droht, umgebracht zu werden, so darf er von der Lüge Gebrauch machen, so er sich hiedurch retten könnte. Hat doch selbst der Patriarch Abraham, der bekanntlich der erste in seiner Zeit war, der infolge seines unausgesetzten Forschens nach Wahrheit den wahren Gott, den einig-einzigen Schöpfer und Erhalter des Weltalls erkannt, au ihn allein geglaubt, auf ihn allein fest und unerschütterlich vertraut hat, daher sein festes Gottvertrauen ihm als Tugend angerechnet wurde, zweimal sich gezwungen gesehen, von der Lüge Gebrauch zu machen, um nicht ermordet zn werden. Als er mit seiner Frau Sarah nach Aegypten reiste, sagte er zu ihr: „Siehe doch, ich weiß, daß dn eine Frau von schönem Ansehen bist. Wenn nun die Aegypter dich sehen werden, werden sie sprechen: Diese ist seine Frau, dann werden sie mich erschlagen und dich am Leben lassen. Sprich doch, du seiest meine Schwester, idamit mir um deinetwillen Gutes geschehe und ich deinetwegen am Leben bleibe." Später reiste er gegen Süden und verweilte in Gerar. Auch hier sagte er, daß Sarah seine Schwester sei. Als ihm aber Abimelech, König von Gerar, Vorwürfe darüber gemacht, daß er ihn belogen habe, entschuldigte er sich und sagte: „Ich dachte, daß in diesem Orte, wo keine Gottesfurcht herrscht, das Menschenleben nicht hoch bewertet wird, daher ich Gefahr laufe, von diesen Leuten um meines Weibes willen umgebracht zn werden." Daher mag es wohl anch kommen, daß in keiner Zeit so viel gelogen wird, als in der des Krieges. In stürmischbewegten Tagen pflegt zumeist der Besiegte, so lange es nur möglich ist, seine Niederlagen zu verheimlichen und zu vertuschen, damit nicht das Volk in seinem Lande aufgeregt und von Rebellen zum Aufstande gehetzt werde. Nun, das ließe sich noch entschuldigen. Wenn aber ein herrschnnd Hab-

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